Johannes Herwig ist authentisch und schülernah

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 Nach der Lesung mit Johannes Herwig gibt es nicht nur Autogramme, sondern auch ein Selfie mit dem Autor aus Leipzig.
Nach der Lesung mit Johannes Herwig gibt es nicht nur Autogramme, sondern auch ein Selfie mit dem Autor aus Leipzig. (Foto: Anita Metzler-Mikuteit)
Anita Metzler-Mikuteit

Johannes Herwig ist in der DDR groß geworden, war in der Nachwendezeit als Punk unterwegs, hat Soziologie und Psychologie studiert und sein Geld zeitweise im Kulturbereich und als Bauarbeiter verdient. Stoff genug für ein Buch, könnte man meinen. Doch der Debütroman des mehrfach ausgezeichneten Autors aus Leipzig handelt von einem ganz anderen Thema: der Leipziger Meute. Dass es sich dabei um eine oppositionelle Jugendclique während des Nationalsozialismus handelt, haben die Schüler der Klassenstufe neun des Störck-Gymnasiums am Freitagmorgen im Rahmen einer Lesung, zu der die Stadtbibliothek eingeladen hat, erfahren.

Authentisch, keine Sekunde angespannt, mit einem klaren Blick auf die Welt, die Tätowierungen tun ihr übriges – so erleben die Jugendlichen den Autor, der zur Zeit durch Oberschwaben tourt und schon als Kind ein Buch schreiben wollte. Mit Mitte 30 war es dann schließlich so weit. Das Thema „Leipziger Meute“ hat ihn, wie er sagt, gefunden. Er trennte sich damals von einem Geschäftspartner und hatte ein bisschen Geld gespart, um sich ein Jahr lang dem Schreiben zu widmen. Der Widerstand und die Entschiedenheit dieser jungen Menschen in den 1930er-Jahren hat ihm von Anfang an imponiert. So fing er an zu recherchieren. Unterstützt wurde er dabei von dem Historiker und Autor Sascha Lange. Der Bewegung gehörten rund 1500 junge Menschen an. Sie pochten auf ihre Autonomie und lehnten die Hitlerjugend konsequent ab. Rund 20 Meuten sind mittlerweile namentlich bekannt und waren in ganz Leipzig verstreut. Es gab damals also nicht nur die Weiße Rose aus dem bürgerlich-studentischen Milieu, die sich gegen den Nationalsozialismus stellte. In Leipzig fand sich zu der Zeit eine breit organisierte linke Arbeiterbewegung. Viele Mitglieder dieser Meuten waren anfangs in einer der sozialdemokratischen oder kommunistischen Kinder- und Jugendverbänden organisiert.

Hineinversetzen fällt leicht

Genug Stoff also, um daraus einen Roman mit dem Titel „Bis die Sterne zittern“ zu schreiben. Fünf längere Passagen geben an diesem Vormittag einen ersten Einblick. Und der macht neugierig. Genauso wie sein Auftreten ist die Sprache des 39-Jährigen wohltuend klar, die Umschreibungen sehr nuanciert, erzählerisch dicht und berührend, so dass es leicht fällt, sich in die jeweiligen Situationen - auch emotional - hineinzuversetzen. An manchen Stellen wird es gar poetisch, wenn etwa „der See blau und still wie ein riesiger Spiegel“ beschrieben wird. Weniger poetisch sind die Szenerien im Winterlager der Hitlerjugend, wenn die Jungen frühmorgens ihre „Liegestützen im grauen Schnee“ absolvieren müssen.

Nach anfänglicher Zurückhaltung entwickelt sich nach der Lesung ein munteres Gespräch mit den Schülern. Da geht es um Schreibblockaden, sein Leben als Punker, um sein neues Buch, das gerade am Entstehen ist, aber auch um sein Privatleben. Auch auf die Frage, ob er sich hin und wieder auch mit anderen Autoren trifft, antwortet er mit großer Authentizität und Klarheit. Nein, sagt er, er lasse sich lieber vom „normalen Leben“ inspirieren statt in literarischen Zirkeln. Auch das kommt bei den Jugendlichen an.

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