Ist Schwäbisch schwätzen ein Ausdruck regionaler Beschränktheit?

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 Rolf Waldvogel spricht über den Stellenwert des Dialekts.
Rolf Waldvogel spricht über den Stellenwert des Dialekts. (Foto: Vera Stiller)
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Rolf Waldvogel, früherer Kulturchef der „Schwäbischen Zeitung“, hat am Donnerstagabend im Haus am Markt vor etwa 40 Zuhörern eine Lanze für den Dialekt gebrochen. Wohlwissend, dass seiner Einschätzung nach in Zukunft immer weniger Dialekt gesprochen wird. Wofür es Gründe gibt. „Der Charme des Dialekts wird mir fehlen“, sagt Waldvogel, der die Zuhörer eine Stunde lang prächtig unterhielt.

Der Schwabe hat seinen eigenen Wortschatz, seine eigene Lautung und seine eigene Grammatik. Der Schwabe springt nicht, er juckt. Er hat auch keinen Schluckauf, sondern einen Gluckser. Und die Erdbeere nennt der Schwabe Bräschtling. Oder etwa Breschtling. Oder Prestleng. „Beim Dialekt versagt jede Rechtschreibung. Er variiert von Ort zu Ort“, sagte der im Schwarzwald aufgewachsene Waldvogel, der schon viele Jahre in Leutkirch wohnt und sich in der SZ-Rubrik Sprachplaudereien und in seinen Büchern mit dem Stellenwert des Dialekts auseinandersetzt.

Mit Dialekt sprechen: Schön oder ein No-Go?
Jedes Jahr am 21. Februar feiert der Internationale Tag der Muttersprache die sprachliche Vielfalt. Wir haben die Lindauer gefragt, ob sie Dialekt schön finden oder ein No-Go. Das Ergebnis ist ziemlich eindeutig...

Der Dialekt, so Waldvogel, grenze aus und schränke ein. „Aber im Dialekt steckt auch ein enormes Identifikationspotenzial“, sagte Waldvogel über das Spannungsverhältnis. Wie sehr sich die Einheimischen mit ihrem Dialekt identifizieren, weil sie ihn von Geburt an lernen, schilderte Waldvogel an einem Beispiel, als er mit dem Auto von Ravensburg nach Altshausen unterwegs war. Er hielt vor einem Straßenschild an einer Baustelle an und las dabei folgendes: „Drom rom, unten durre, oben rum“ – „drum herum, unten drunter, oben drüber“. Ein waschechter Schwabe braucht für das Straßenschild keine Übersetzung. Doch so sehr sich Zugezogene und Nicht-Schwaben auch anstrengen, sie können die Wörter auf dem Straßenschild schlicht nicht verstehen. Für viele Zugezogene ist der Dialekt schlichtweg ein zu belächelndes Überbleibsel regionaler Beschränktheit.

Wachsende Mobilität

Waldvogel begründete, warum der Dialekt vom Aussterben bedroht ist. Die wachsende Mobilität der Gesellschaft führt dazu, dass immer mehr Menschen aus anderen Regionen Deutschlands in den gefragten Süden ziehen, wo der Dialekt hierzulande immer mehr ins Hintertreffen gerät. Nichts hat die deutsche Dialektlandschaft so durcheinandergewirbelt wie der Zweite Weltkrieg mit seinen zehn Millionen Vertriebenen aus dem Osten. Den Pfarrer, der seine Predigt in der Kirche auf Schwäbisch hält, gibt es heute nur noch selten. Stattdessen hat der Pfarrer im Dorf einen polnischen oder afrikanischen Akzent. Und Waldvogel nannte die Massenmedien als weiteren Grund für den Rückzug des Dialekts. Die Stimme aus dem Radio war plötzlich dialektfrei.

Das Land Baden-Württemberg bekennt sich zu seinem Dialekt, warb vor Jahren für die Attraktivität des Ländles mit dem Slogan „Wir können alles, außer Hochdeutsch.“ Es war wie ein Bekenntnis zum Dialekt, „der aber im jetzigen Umfang keinen Bestand mehr haben wird“, ergänzte Waldvogel. Schwäbische Wörter, die ihrem Ursprung nach der Landwirtschaft und dem Handwerk zuzuordnen sind, verschwinden allmählich aus dem schwäbischen Wortschatz. Einen Ausgleich für den Verlust von schwäbischen Wörtern wird es nicht geben.

Aber Rolf Waldvogel hofft, dass der Dialekt weiter gepflegt wird – so wie bei Mundartvorträgen, im Gesang oder in Laientheatern. Aber er warnt davor, den Dialekt bierernst und heimattümelnd als Banner vor sich herzutragen. „Da macht man sich leicht lächerlich.“ Das wäre schade, denn Waldvogel findet den Dialekt grundsätzlich sympathisch. „Allerdings müssen wir akzeptieren, dass es immer weniger wird.“

Schwäbische Lieblingsworte mit der Prenzlschwäbin
Egal ob geborener Schwabe oder neigschmeckter Zugezogener - jeder hat wohl ein schwäbisches Lieblingswort. „Prenzlschwäbin“ Bärbel Stolz, verrät, was sie am liebsten sagt.
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