Gefälschte Urkunde ist Grund zum Feiern

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Großes Stadtjubiläun und gefälschte Urkunde
Wann beginnen Städte und Gemeinden zu existieren? Immer dann, wenn sie erstmals in alten Urkunden erwähnt werden. Bad Saulgau feiert im kommenden Jahr den 1200. Jahrestag dieses Ereignisses. Das Problem: Mit der Urkunde, in der Saulgau erstmals erwähnt wird, stimmt etwas nicht.
stellv. Redaktionsleiter

Wenn die Stadt Bad Saulgau im kommenden Jahr den 1200. Jahrestag ihrer ersten urkundlichen Erwähnung feiert, haben Heimat- und Geschichtsforscher wie Hermann Brendle ein Problem. Die für das Jubiläum entscheidenden Originalurkunde gibt es nicht mehr. Sie wurde vermutlich beiseite geschafft. Stattdessen gibt es - und das nachgewiesenermaßen – eine Fälschung. Auch die existiert nur als Kopie. Warum Bad Saulgau trotzdem feiern kann, hat der Bad Saulgauer Heimatforscher Hermann Brendle akribisch genau zusammengetragen. Hermann Brendle wird im Frühjahr des Jubiläumsjahres 2019 eine von der Stadt herausgegebene Publikation zu diesem Thema veröffentlichen.

Es ist einem Zufall zu verdanken, dass die Stadt pünktlich zum Jubiläum mit einer solide recherchierten Veröffentlichung aufwarten kann. Hermann Brendle, der frühere Planer und Bauleiter im Stadtbauamt in Bad Saulgau, war Ende der 70er-Jahre mit der Sanierung des Buchauer Amtshauses betraut. Das Gebäude war Sitz der Verwaltung des Klosters Buchau. Saulgau war in früheren Jahrhunderten im Besitz des Klosters. „Ich wollte wissen, wie das alles zusammenhängt“, sagt Hermann Brendle heute. Er recherchierte in Archiven, sammelte Kopien und Aufschriebe in einer Kiste.

Die Kiste mit den gesammelten Recherchen ist für das kommende Jubiläumsjahr Gold wert. Die Geschichte der ersten urkundlichen Erwähnung aber ist die Geschichte einer Fälschung. „Das ist den Historikern schon lange bekannt“, weiß Hermann Brendle. Aber auch davon gehen die Fachleute aus: Der Auftragsfälscher, ein Mönch auf der Reichenau, schrieb rund 300 Jahre nach dem Verfassen der originalen Urkunde diese in großen Teilen ab, fügte aber entscheidende Teile dazu. Deshalb gehen Urkundenexperten davon aus, dass sowohl das tatsächliche Datum, der 22. Juli 819, als auch das tatsächliche Ereignis in der Fälschung richtig angegeben sind. „Ich gehe davon aus, dass das stimmt“, sagt Hermann Brendle.

Ziemlich sicher ist es also, dass am 22. Juli 819 der fränkische Kaiser Ludwig der Fromme in der Kaiserpfalz Ingelheim dem Kloster Buchau das Dorf Mengen (damals Ennetach) und die Kirche in dem Dorf, genannt Saulgau (damals geschrieben als Villa Sulugon), geschenkt hat. Damit schenkte der Kaiser laut Brendle dem Kloster „alles“, einschließlich der Höfe, Familien und das Recht, den Zehnten zu erheben. Hintergrund der Schenkung: Der christliche fränkische Kaiser wollte Alemannien ins fränkische Reich eingliedern und die fränkische Macht in dieser Gegend sichern. Das Kloster Buchau als Garant dieses Einflusses sollte durch die Schenkung wirtschaftlich abgesichert werden.

Gefälscht wurde, um Einfluss und Macht der weltlichen Herrschaft im Sinne des Buchauer Frauenklosters zu kanalisieren. Das Kloster war auf weltlichen Schutz angewiesen. Den stellten Vögte im Auftrag des Kaisers sicher. Vor allem die Welfen wollten das Kloster nicht nur nach außen schützen, sondern mischten sich in Angelegenheiten des Klosters ein. Eine Äbtissinnenwahl im Kloster sollen sie manipuliert haben, indem sie die mit Mehrheit gewählte Klosterfrau kurzerhand aus dem Kloster vertrieben. Jüngere Reformklöster hatten solche Macht der Vögte schon beschränkt. Das wollten die Buchauer auch. Das Einfügte richtete sich gegen ihren damaligen Vogt.

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