„Frauen gehören ins Haus – und zwar ins Rathaus“

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 Welche Kraft von Vernetzungen ausgeht, haben Schüler bei einem Experiment erfahren.
Welche Kraft von Vernetzungen ausgeht, haben Schüler bei einem Experiment erfahren. (Foto: Anita Metzler-Mikuteit)
Anita Metzler-Mikuteit

Im Rahmen des kreisweit angelegten Kulturschwerpunkts „Demokratie und Freiheit“ hat die Helene-Weber-Schule Bad Saulgau am Donnerstagabend zu einem Vortrag mit dem Titel „100 Jahre Frauenwahlrecht – Im Schneckentempo zur Gleichheit?“ eingeladen. Die Referentin Dorothea Maisch beleuchtete nicht nur den aktuellen Stand der gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe von Frauen und Männern. Sie machte vor allem auch Mut, sich politisch zu engagieren.

„Es macht unglaublich Freude, mitgestalten zu können“, sagt Doro-thea Maisch gleich zu Beginn im Foyer der Schule. Die Unternehmerin aus Gaggenau ist Gemeinde- und Kreisrätin, Vorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk, Trainerin und Businesschoach und engagiert sich in vielen weiteren Wirtschaftsverbänden.

Aus diesen jahrzehntelangen Erfahrungen heraus weiß sie, wie wichtig es ist, „als Frau die Macht nicht abzugeben, sondern mit ihr umzugehen“. „Frauen gehören ins Haus – und zwar ins Rathaus“, fährt sie fort. Und zwar nicht nur in den Sozial-, sondern vor allem in den Finanz- und Verwaltungsausschuss. Gleichzeitig nimmt sie den Zuhörern, überwiegend Schülerinnen und Schüler, die Angst vor möglichen Niederlagen. „Dann heißt es: wieder aufstehen, sich schütteln, Krönchen zurechtsetzen und weiter geht es“, so die Trägerin des Helene-Weber-Preises. Der wurde ihr aufgrund ihres großen Engagements für die Belange der Frauen vom Bundesfamilien- und Frauenministerium verliehen. Diese Preisvergabe ist inzwischen auch im Koalitionsvertrag verankert. „Darauf sind wir besonders stolz“, so Maisch.

Oft höre sie das Argument der „fehlenden Zeit“, wenn es darum gehe, dass sich Frauen politisch einbringen sollen. „Aber wenn es darum geht, Kuchen zu backen oder sich in der Flüchtlingsarbeit zu engagieren, dann reicht die Zeit“, beobachtet die 55-Jährige und ist davon überzeugt, dass ein „gesunder Menschenverstand“ zunächst vollkommen ausreicht, um sich etwa als Gemeinderätin zu engagieren. „Man muss ja nicht gleich eine Haushaltsrede halten“, so die Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Hilfreich sei der bei vielen Frauen ausgeprägte „detektivische Instinkt“. Genauso wie das Netzwerken.

Um ein erstes Gespür für dessen Wirkkraft zu bekommen, lässt sie die Schülerinnen und Schüler spontan ein Geflecht aus Wollfäden gestalten. Als Coach „für Unternehmen, Politiker und Menschen mit Verantwortung, die sich weiterentwickeln wollen“ ist ihr der Stellenwert einer gelingenden Kommunikation bewusst. Und sie weiß, was Demagogen anrichten können. „Die produzieren Opfer, und Opfer wählen anders“, weiß das CDU-Mitglied. Maisch outet sich zudem als Quotenbefürworterin. „Eine festgesetzte Frauenquote sehe ich als Schwimmflügel, die wir brauchen, um voranzukommen und sie danach wieder abzulegen“, ist die gelernte Krankenschwester und Augenoptikerin überzeugt.

Helene Weber gehört zu den vier Müttern des Grundgesetzes

Mit einem ausführlichen Blick zurück in die Geschichte würdigt Dorothea Maisch die „tapferen Vorkämpferinnen“ für das aktive und passive Frauenwahlrecht, das vor hundert Jahren in Kraft getreten ist. Nachdem der Zweite Weltkrieg nahezu alles wieder zunichte machte und Frauen zurück „an den Herd“ beordert wurden, wurde mit Inkrafttreten des Grundgesetzes im Jahr 1949 im Artikel 3, Absatz 2, klar formuliert: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

Dies sei vor allem den „vier Müttern des Grundgesetzes zu verdanken“: Dr. Elisabeth Selbert, Frieda Nadig, Dr. Helene Weber und Helene Wessel. Die tatsächliche Umsetzung ließ jedoch länger auf sich warten. Noch im Jahr 1977 durfte keine Frau ohne Einwilligung ihres Ehemannes einer beruflichen Tätigkeit nachgehen. „Raten Sie mal, was die deutschen Fußballerinnen im Jahr 1989, nachdem sie erstmals Europameisterinnen geworden waren, als Siegesprämie bekommen haben?“, fragte Dorothea Maisch. Die Antwort kommt prompt: ein Kaffeeservice.

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