Familienfreundlichkeit als Erfolgsrezept

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 Zeit für Privates und die Familie muss sein: Bauleiter Benedikt Schwendele, Landschaftsarchitektin Lisa Selg und Stefan Kelch s
Zeit für Privates und die Familie muss sein: Bauleiter Benedikt Schwendele, Landschaftsarchitektin Lisa Selg und Stefan Kelch schauen sich auf einer Animation die Planung für ein Projekt bei Lindau an. (Foto: Rudi Multer)
stellv. Redaktionsleiter

Das Unternehmen Stefan Kelch Park und Garten in Sießen hat vom Unternehmensnetzwerk „FamilyNet“ das Prädikat „Familienbewusstes Unternehmen 2017“ verliehen bekommen. Für einen Handwerkbetrieb ist das eine Besonderheit. Das sah auch die Redaktion der IHK-Zeitschrift so. Sie veröffentlichte einen Bericht, in dem auch das Sießener Unternehmen porträtiert wurde. Familienfreundliches Arbeiten in einem Kleinbetrieb habe viel mit „Geben und Nehmen“ zu tun und dem Verständnis der Situation des Mitarbeiters, sagt Firmenchef Stefan Kelch im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung.

Montagmorgen im Sozialraum von Kelch Park und Garten in Sießen. Betriebsinhaber Stefan Kelch blickt durchs Fenster. Auf den Wiesen hinter dem Haus liegt noch Schnee. Kein gutes Wetter für das Anlegen von Gärten und Parks. „Heute Morgen haben wir angerufen, dass die Leute zu Hause bleiben können.“ Solche Entscheidungen gehörten zum Prinzip der Familienfreundlichkeit im Unternehmen. „Ich muss mich irgendwann entscheiden. Wenn das Wetter doch besser wird, dann habe ich Pech gehabt“, sagt der Unternehmer. Mitarbeiter erst einmal zum Betrieb kommen zu lassen, um ihnen dann die Entscheidung mitzuteilen, ob gearbeitet werden kann oder nicht – davon hält Stefan Kelch nichts. Die Mitarbeiter müssten ihren Tag auch planen, je früher sie Bescheid wüssten, ob gearbeitet wird noch nicht, umso besser.

2017 wurde das Unternehmen vom Unternehmensnetzwerk FamilyNet als „Familienfreundliches Unternehmen“ ausgezeichnet. Bei einem Firmenbesuch nahmen Prüfer das Unternehmen unter die Lupe, führten Gespräche mit Mitarbeitern. Kelch war nicht das einzige Unternehmen in der Region, das dieses Prädikat erhielt. NMH in Hohentengen, das Pharma-Unternehmen Vetter in Ravensburg oder die Zieglerschen wurden ebenfalls ausgezeichnet. Dennoch wurde Kelch als ein Beispiel in einer Reportage im IHK-Magazin ausgewählt. Kleinere Handwerksbetriebe sind auf Liste der prämierten nämlich Mangelware.

Dabei zahlt sich Familienfreundlichkeit nach Ansicht von Stefan Kelch auch für Kleinbetriebe aus. 20 Menschen arbeiten bei Kelch, 15 vor Ort auf den Baustellen, fünf Mitarbeiter sind im Büro beschäftigt. Einen Betriebsrat oder Betriebsvereinbarungen über familienfreundliche Regelungen gibt es nicht.

Prinzip „Geben und Nehmen“

Die Familienfreundlichkeit im Kleinbetrieb ist eher Vertrauenssache. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass, wenn man etwas gibt, auch wieder etwas zurückbekommt“, sagt Stefan Kelch. Er nennt ein Beispiel. Ein Mitarbeiter, der noch gar nicht lange bei Kelch arbeitet, wollte nachmittags mit seiner Frau und seinem neugeborenen Baby zum Kinderarzt. Er traf auf Verständnis und durfte für den Arztbesuch früher nach Hause. So viel Verständnis vom Chef für familiäre Dinge war der Mitarbeiter von seiner früheren Arbeitsstelle nicht gewohnt. Dabei zahle sich das Entgegenkommen doch auch für das Unternehmen aus. „Wenn es abends dann mal länger wird, sagt der Mitarbeiter auch nichts“, ist sich Kelch sicher.

Die Baustelle muss laufen

Ähnliche Erfahrungen hat auch Benedikt Schwendele (30) gemacht. Der Bauleiter musste bei seinen zwei Söhnen von einem und drei Jahren bleiben, weil seine Frau krank war. Vormittags habe er geschaut, dass auf der Baustelle alles läuft. Nachmittags war er bei der Familie. Dank digitaler Technik und moderner Kommunikationsmittel war er bei Problemen weiter erreichbar. „Das ist ein einvernehmliches Geben und Nehmen, das wird hier super akzeptiert“, sagt Schwendele. Hauptziel aber sei immer, „dass die Baustelle läuft“.

„Was machbar ist, ermöglichen wir an flexiblen Arbeitszeiten“, so Stefan Kelch. Man versuche, möglichst auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter einzugehen. Das sei naturgemäß für Arbeiten im Büro einfacher als auf der Baustelle. Dort lege Kelch allerdings Wert auf den Einsatz von Maschinen, die möglichst viele schwere Arbeiten erleichtern. Dafür wurde in einen Abbruchhammer investiert und die Lastwagen mit Standheizungen ausgerüstet. Freitagmorgens werden im Betrieb Massagen angeboten, ein Beitrag zur Gesundheitsvorsorge im Betrieb. Der Betrieb bleibe dabei, dass im Sommer für drei Wochen Handwerkerurlaub gemacht werde und von diesem Prinzip mit dem Blick auf den Nutzen für die Familien nicht abgewichen werde. Kelch: „Wenn die Arbeit gesünder und produktiver ist, dann hat die Familie auch etwas davon.“

Aus eigener Erfahrung weiß er, wie wichtig Zeit für die Familie ist. Auch er hat einem Sohn, seine Frau arbeitet mit im Büro. So sieht er in der Familienfreundlichkeit nicht nur einen Gewinn für die eigene Familie.

Mitarbeiter bleiben

Fürs Unternehmen, da ist sich Stefan Kelch sicher, ist Familienfreundlichkeit langfristig ein Erfolgsrezept. „Wir haben Fachkräftemangel. Familienfreundlichkeit ist ein tolles Instrument, da weiterzukommen“. Erst jüngst konnte Kelch Mitarbeiter für langjährige Betriebszugehörigkeit ehren, auch zwei Auszubildende sind nach der Ausbildung im Betrieb geblieben. Der Unternehmer sieht darin ein gutes Zeichen der Akzeptanz von den Mitarbeitern und ein deutliches Zeichen, dass sich Familienfreundlichkeit auch im kleinen Unternehmen auszahlt.

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