„Es ist spannend, Stadtpfarrerin und Dorfpfarrerin zu sein“

Lesedauer: 8 Min
„Es ist spannend, Stadtpfarrerin und Dorfpfarrerin zu sein“
„Es ist spannend, Stadtpfarrerin und Dorfpfarrerin zu sein“ (Foto: Rudi Multer)
Schwäbische Zeitung

Stefanie Zerfaß (Foto: Rudi Multer) wird an diesem Sonntag in der Christuskirche in Bad Saulgau von Dekan Hellger Koepff in ihr Amt als Pfarrerin eingeführt. Bisher hat sie den Pfarrbezirk II, zu dem auch Herbertingen gehört, als als Pfarrerin zur Anstellung geleitet. Der Investitur-Gottesdienst beginnt um 10 Uhr. SZ-Redakteur Rudi Multer hat Fragen an Stefanie Zerfaß gestellt.

Kommt es oft vor, dass man sich in der evangelischen Kirche auf eine Pfarrstelle bewirbt, auf der man zuvor als Pfarrerin zur Anstellung tätig war?

Ja, das kommt ziemlich oft vor unter den Pfarrern zur Anstellung, die ein Gemeindepfarramt innehatten. Man lebt sich ein, baut Beziehungen auf, es kann in der Gemeinde etwas wachsen. Viele denken dann: Warum nach so kurzer Zeit wieder wechseln und anderswo wieder von vorne anfangen? Denn das Ausbildungsvikariat vor der Zeit zur Anstellung dauerte ja auch nur zweieinhalb Jahre und dort musste man ja auch bereits wechseln nach Abschluss der Ausbildung. Viele Pfarrer zur Anstellung verbringen diese Zeit nicht als Inhaber einer Gemeindepfarrstelle, sondern sind als Pfarrer zur Dienstaushilfe bei einem Dekan. Sie müssen überall aushelfen, wo man im Kirchenbezirk gerade Personal braucht und verbringen oft auch nur kürzere Zeit an einem Ort. Doch auch da kann es sein, dass sie sich auf eine der Stellen bewerben, an denen sie ausgeholfen haben.

Was gab bei Ihnen den Ausschlag für die Bewerbung?

Abgesehen davon, dass ich mich in Bad Saulgau gut eingelebt habe und Beziehungen in und außerhalb der Gemeinde wuchsen, äußerten verschiedene Leute den Wunsch, ich möge mich für meine Stelle hier bewerben und dableiben. Auch der Kirchengemeinderat äußerte seine Freude im Fall einer Bewerbung für Saulgau. Für mich war es ein langer Entscheidungsprozess, da ich mich auch nach anderen Stellen umgesehen hatte und hin und her überlegte, wohin ich mich nun bewerben möchte. Das persönliche Ansprechen von Leuten hat dann tatsächlich den Ausschlag gegeben.

Was haben ihre Verwandten/Bekannten gesagt, als sie die Stelle bekommen haben?

Sie haben gratuliert. Es war für sie eigentlich nichts Neues, weil ich sie in meine Überlegungen bezüglich möglicher Pfarrstellen, auf die ich mich bewerben möchte, von Anfang an beratend einbezogen habe und sie von Bad Saulgau als Option wussten.

Gibt es hier so etwas wie eine besondere Herausforderung? Worin liegt die?

Es gibt auf der Pfarrstelle II eine, wie ich finde, schöne Herausforderung: die Zuständigkeit für den Großteil der Kernstadt Bad Saulgau und zugleich auch für die Gemeinde Herbertingen mit ihrem eigenen kommunalen Leben. Es ist spannend, Stadtpfarrerin und Dorfpfarrerin zugleich zu sein. Man kann die Vorzüge und Nachteile beider Strukturen erleben und für sich herausfinden, was einem eher liegt. Mir persönlich sagt beides zu und empfinde das Teilnehmen am Leben beider Orte als sehr abwechslungsreich. An sonstigen besonderen Herausforderungen gibt es, wie überall, wo Leute auf Leute treffen, auch hier immer wieder zwischenmenschliche Herausforderungen. Wichtig ist dabei, dass wir trotz allem immer wieder versuchen neu miteinander zu beginnen und aufeinander zuzugehen, denn unsere Aufgabe als Christen ist es, einander anzunehmen, wie Christus uns angenommen hat.

Wo sehen Sie den Schwerpunkt Ihrer künftigen Arbeit?

An meinem Dienst ändert sich im Großen und Ganzen nichts, er ist der selbe wie die bisherigen zweieinhalb Jahre über. Mein Auftrag und Herzensanliegen ist es, die gute Nachricht von Jesus Christus weiterzugeben, die mir selber Halt und Freude gibt. Diese Aufgabe äußert sich in den abwechslungsreichsten Formen und Bereichen. Gerade die Abwechslung finde ich bereichernd, es mit Leuten jeglichen Alters und in unterschiedlichsten Kontexten zu tun zu haben.

Sie stammen aus einer „evangelischen“ Gegend und sind nun Pfarrerin im eher „katholischen“ Oberschwaben. Was ist für Sie hier ungewohnt?

Für mich ist die hierarchische Strukturierung der katholischen Gemeindepfarrer untereinander ungewohnt. Für mich ist es ungewohnt, wenn katholische Kollegen sagen: „Da muss ich erst den Chef fragen.“ Bisher kannte ich nur die Strukturen der evangelischen Kirche: In den evangelischen Kirchengemeinden gibt es keinen Hauptpfarrer, alle Pfarrer sind untereinander gleichgestellt und haben ihr eigenes unabhängiges Pfarramt. Sie können ihr Pfarramt sehr autonom ausüben. Ihrer aller Vorgesetzter ist der Dekan des Kirchenbezirks. Außerdem ist es für mich ungewohnt, dass in Oberschwaben jüngere Pfarrerinnen eher selten zu finden sind.

Wie sehen Sie die Fortschritte in Sachen Ökumene in Bad Saulgau?

Es gibt einige Leute, die in konfessionsverbindenden Ehen leben und daher am Leben beider Kirchengemeinden teilnehmen. Es gibt einige, die immer wieder auch die Gottesdienste und Veranstaltungen der anderen Konfession besuchen, sich für das Leben in der je anderen Kirchengemeinde interessieren und für die wir alle gleichermaßen Christen sind, die an den selben dreieinigen Gott glauben und für die das maßgeblicher ist als manche unterschiedliche Deutung mancher Glaubensinhalte. Es gibt viele ökumenische Gottesdienste und Feiern. Das Reformationsjubiläum haben wir mit Beteiligung der katholischen Kirchengemeinde gefeiert. Manchmal kommt es mir ein bißchen vor, als wäre ich nicht nur Pfarrerin für die Evangelischen, weil wir einfach auch im täglichen Leben viel miteinander zu tun haben und gemeinsam hier leben ungeachtet der Konfessionen. Das alles kann ein schönes Zeichen für solche sein, denen Ökumene am Herzen liegt.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen