Erste Schritte zur Fairtrade-Town Bad Saulgau

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Das Interesse am Vortrag unter den Verantwortlichen in der Stadt war groß (von links): Baykal Ünal, Vorsitzender UBS-Einzelhande
Das Interesse am Vortrag unter den Verantwortlichen in der Stadt war groß (von links): Baykal Ünal, Vorsitzender UBS-Einzelhandel, Referent Helfried Wollensak, Stadtbaumeister Pascal Friedrich, Ilse Wurmser vom Weltladen Asante, Michael Köberle, Wolfg (Foto: Anita Metzler-Mikuteit)
Anita Metzler-Mikuteit

Welche Voraussetzungen notwendig sind, damit sich Bad Saulgau bald Fairtrade-Town nennen darf, ist bei einem Vortrag am Mittwochabend im Weltladen Asante in Bad Saulgau thematisiert worden. Bei der Veranstaltung mit Helfried Wollensak aus Ravensburg wurde klar: Um das Ziel zu erreichen, braucht es viele Bürger auf vielen Ebenen, die an einem Strang ziehen.

Fairtrade-Towns werden Städte genannt, die gezielt den fairen Handel auf kommunaler Ebene fördern. Voraussetzung dafür ist eine erfolgreiche Vernetzung von Personen aus der Zivilgesellschaft, aus Politik und Wirtschaft, die sich für den fairen Handel stark machen. 531 Fairtrade-Towns gibt es aktuell in Deutschland. Ravensburg ist seit 2012 mit im Boot.

Von Anfang an gab es dort viel Unterstützung, insbesondere vonseiten des damaligen Oberbürgermeisters Hermann Vogler. „Wir wollten einfach den fairen Handel stärken und nachhaltiger im gesellschaftlichen Leben verankern“, sagte Helfried Wollensak. Er war lange für das Beschaffungswesen bei der Stadtverwaltung verantwortlich. Unter anderem hat er die Ravensburger Steuerungsgruppe „Wir handeln fair“ ins Leben gerufen. Der Gast aus Ravensburg ließ nicht unerwähnt, dass diese Zertifizierung auch das positive Image einer Stadt nachhaltig stärken kann.

Engagement ist gefragt

Ohne ein hohes Maß an Engagement lässt sich das Ziel kaum erreichen. In Ravensburg wurde zunächst eine Lenkungsgruppe mit Vertretern unterschiedlicher Organisationen aus Bürgerschaft und Verwaltung gegründet. Auch das Wirtschaftsforum war von Beginn an mit von der Partie. Das Engagement trug zunehmend Früchte. „Die Gastronomie hat faire Produkte für sich entdeckt, die Zahl der Fachgeschäfte, die fair gehandelte Produkte anbieten, hat stetig zugenommen, Unternehmen achten bei Kundengeschenken zunehmend auf das faire Siegel“, benannte der Referent Veränderungen im Einkaufs- und Konsumverhalten.

Auch beim Schwäbischen Verlag in Ravensburg wird in der Kantine fair gehandelter Kaffee ausgeschenkt. Rund 1000 „faire Präsente“ vergibt allein die Stadtverwaltung an Gäste, für Ehe- und Altersjubiläen. Zugute kommt den Akteuren in Ravensburg natürlich auch der Umstand, dass mit der dwp e.G. Baden-Württembergs größter Importeur fair gehandelter Produkte vor Ort seinen Sitz hat.

„Die Menschen sind zunehmend auch von der Qualität der Produkte überzeugt“, so Wollensak. Bei vielen Aktionen, wie etwa ein Schülerlauf mit rund 750 begeisterten Mädchen und Jungen, die Teilnahme am Ravensburger Stadtlauf, Theater, Vorträge und Diskussionen werde die Öffentlichkeit immer wieder auf den Themenkomplex aufmerksam gemacht. Dass auch die Jugend bereit ist, sich zu engagieren, zeigt sich am Beispiel der Edith-Stein-Schule. Die Bildungseinrichtung wurde zur ersten Fairtrade-School im Landkreis Ravensburg ernannt.

Faire Beschaffung

Im zweiten Teil des Vortrags, der von der Fraktion Junge Liste/Grüne organisiert wurde, benannte Wollensak Beispiele ökologischer, nachhaltiger und fairer Beschaffung auf kommunaler Ebene. Bereits 2001 hat sich Ravensburg, das über kein Umweltamt verfügt, zu einer ökologischen Stadtentwicklung bekannt und zehn Handlungsfelder mit der Vorgabe definiert, ökologische Kriterien bei Beschaffungen und Ausschreibungen zu berücksichtigen. Kompetente Partner hierfür fanden die Akteure unter anderem beim Interregprojekt „Grüner Einkauf am Bodensee“. Zur Beschaffung von Papier- und Büromaterial etwa werden gemeinsam mit anderen Städten EU-weite Ausschreibungen unter Vorgabe ökologischer Kriterien gemacht. „Das ist einfach ein Entwicklungsprozess über mehrere Jahre“, sagte Helfried Wollensak, der sich als „Fan interkommunaler Zusammenarbeit“ bezeichnet. Er riet dazu, Unternehmen vor Ort „dringend mitzunehmen“. Die Führungsspitze in der Kommune müsse hinter den Aktivitäten stehen. Ob das in Bad Saulgau so sein wird, wird sich in der Gemeinderatssitzung am 26. April zeigen. „Da werden wir auf das Thema eingehen“, sagte Stadtbaumeister Pascal Friedrich. Mit Blick auf das bisher Erreichte im Bereich Umwelt- und Naturschutz sei es eine „logische Konsequenz, in dieser Richtung weiterzumachen“.

Das ungebremst hohe Engagement von Helfried Wollensak kommt nicht von ungefähr. Bei einem Besuch in Guatemala hat er die Folgen des rigorosen Abholzens des Regenwaldes hautnah miterlebt. Durch die fehlenden Baumbestände wurde die Stadt Flores vollkommen überschwemmt. „Das war für mich das Aha-Erlebnis“, sagte Wollensak im Gespräch mit der SZ, „da wurde mir klar, dass wir nur eine Welt haben, um die wir uns kümmern müssen, ganz egal, wo wir leben“.

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