Ein Jahr nach dem tödlichen Vatertagsunfall: Landgericht verdoppelt Strafe für 43-Jährigen

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Ein Holzkreuz und Engelsfiguren erinnern an den tragischen Unfall am Vatertag 2013. Am Dienstag wurde das Urteil gesprochen. (Foto: Redaktion)
Dirk Thannheimer

Es ist vorbei: Der tödliche Vatertagsunfall im vergangenen Jahr ist am Dienstagabend in der Berufungsverhandlung vor dem Landgericht Ravensburg zu Ende gegangen. Der 43-jährige Autofahrer wurde wegen fahrlässiger Tötung in zwei Fällen, fahrlässiger Körperverletzung in einem Fall und fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Die Bewährungszeit beträgt drei Jahre. Außerdem wird ihm für ein weiteres Jahr der Führerschein entzogen.

In erster Instanz erhielt der Angeklagte vor dem Amtsgericht Bad Saulgau Mitte Januar sechs Monate auf Bewährung. Er fuhr gegen 21.30 Uhr am 9. Mai 2013 mit 1,64 Promille in eine Fußgängergruppe hinein, die vom Frühlingsfest in Friedberg auf dem Weg nach Wolfartsweiler mit dem Bollerwagen unterwegs war. Die drei dunkel gekleideten Vatertagswanderer in ihren Schottenröcken, die nebeneinander anstatt hintereinander gingen, waren ebenfalls alkoholisiert, hatten zwischen 0,68 und 1,81 Promille. Bei dem Unfall auf der Kreisstraße starben zwei Männer, 37 und 46 Jahre alt, ein 42-Jähriger überlebte schwerverletzt. Die Staatsanwaltschaft Ravensburg legte Berufung gegen das Urteil vor dem Amtsgericht Bad Saulgau ein, weil der Vorsitzende Richter Klaus-Peter Zell in seiner Urteilsbegründung argumentiert hatte, dass aufgrund der Beweisaufnahme und des Gutachters des KfZ-Sachverständigen nicht festzustellen war, dass der Alkoholkonsum des Fahrers die Ursache für den Unfall war.

Weniger Sehvermögen

Bei der Fortsetzung des Prozesses am Dienstag wurde deshalb ein Gerichtsmediziner aus Ulm bestellt. „Der Alkoholkonsum hat die Fahr-tüchtigkeit und das Sehvermögen des Angeklagten deutlich eingeschränkt“, so der Sachverständige Erich Miltner. Bei den schlechten Sichtverhältnissen – es war dunkel und Nieselregen – hätte der 43-Jährige maximal so schnell wie ein Radfahrer fahren dürfen. Tatsächlich fuhr nach Einschätzung des KfZ-Sachverständigen Karl-Heinz Uhl der 43-Jährige zwischen 70 und 80 Stundenkilometer. Das war bereits nach der Verhandlung vor dem Amtsgericht Bad Saulgau bekannt. Neu war indes, dass der Fahrer entweder kurz davor oder kurz danach gebremst haben musste. „Darauf deutet die Endlage des Unfallautos hin“, sagte Uhl. Bislang war immer die Rede davon gewesen, dass der Mann ungebremst in die Gruppe hinein gefahren war.

Die Frage nach der Vermeidbarkeit des Unfalls konnte auch der KfZ-Sachverständige nicht endgültig beantworten. Bei einer Geschwindigkeit von etwas weniger als 50 Stundenkilometern würden heute aller Voraussicht nach noch die beiden Männer leben, die eine große Lücke hinterlassen haben.

Die Witwe eines Unfallopfers muss ihr Kleinkind in die Obhut der Großeltern geben und weiß noch nicht, wie sie ihr Haus abbezahlen soll. Die beiden Söhne des zweiten verstorbenen Mannes vermissen ihren Vater. „Er war wie ein Kumpel für uns“, sagte der 19-jährige Sohn, der als Nebenkläger aussagte. Und auch der 43-Jährige, der den Unfall überlebte, wurde als Nebenkläger in den Zeugenstand gerufen. Er leidet heute noch – körperlich, aber vor allem seelisch. „Die Beiden waren meine besten Freunde. Sie gehörten zur Familie. Jetzt will ich mich um die Kinder meiner Freunde kümmern“, sagte er und schilderte den Ablauf des Vatertags, der so fröhlich begann und so tragisch endete. Er selbst hatte Glück, weil er ganz rechts ging und den Bollerwagen zog.

Und genau dieser Bollerwagen spielte bei der Beweisaufnahme eine wesentliche Rolle. Mehrere Zeugen, denen kurz zuvor die Gruppe mitten auf der rechten Fahrbahn in Richtung Wolfartsweiler rechtzeitig aufgefallen war, und die mit ihrem Auto auf die linke Fahrbahnseite ausweichen mussten, erinnerten sich an reflektierende Katzenaugen am Bollerwagen. Ob aber ausgerechnet zum Unfallzeitpunkt die Katzenaugen zu erkennen waren, konnte nicht geklärt werden. Gut möglich, dass sie von einer Fahne der drei Wanderer oder von Kleidung verdeckt wurden.

Der Vorsitzende Richter Schall jedenfalls begründete das Urteil der Bewährungsstrafe darin, dass diese Straftat normalerweise für eine Gefängnisstrafe ausreiche, das Mitverschulden der Fußgänger aber zu berücksichtigen sei. Außerdem sei davon auszugehen, dass der Angeklagte in seinem weiteren Leben straffrei bleibe. Denn auch er ist psychisch angeschlagen, geht in Therapie und trinkt seit knapp einem Jahr keinen Schluck Alkohol mehr. Zur fahrlässigen Gefährdung des Straßenverkehrs wurde er dennoch verurteilt, „weil der Unfall vor allem auf den Alkoholkonsum zurückzuführen ist“, so Schall.

Der Angeklagte setzte sein Schweigen fort, machte weder Angaben zum Unfallhergang noch zu seiner Person. Im letzten Wort wiederholte er seine Entschuldigung von der ersten Verhandlung. „Mir tut es immer noch leid, was passiert ist.“

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