„Die Zeche zahlt jedes einzelne Mitglied“

Schwäbische Zeitung

Martinus Blaser ist Vorsitzender des größten Sportvereins in Bad Saulgau. Mit 2100 Mitgliedern in acht Abteilungen ist der TSV Bad Saulgau die Anlaufstelle vor allem für Breitensport in Bad Saulgau. Marc Dittmann, Regionalsportredakteur der „Schwäbischen Zeitung“ hat sich mit Blaser zu den Auswirkungen der Coronakrise unterhalten.

Herr Blaser, was halten Sie eigentlich vom SPD-Gesundheitsexperten und Epidemologen Karl Lauterbach? Der hat ja unlängst gesagt, aufgrund der dritten Welle der Coronapandemie könne er dem Breitensport wenig Hoffnung auf baldige Lockerungen machen…

Herr Lauterbach ist ein theoretischer Mediziner, der außer Warnungen keine konstruktiven Maßnahmen vorschlägt. Er müsste sich mal in Verbindung mit einem größeren Verein setzen - vielleicht wird ihm dann einiges bewusster.

Was befürchten Sie mit Ihrem hauptsächlich auf Breitensport ausgerichteten Verein als Konsequenzen aus der Coronakrise?

Für den Verein einen Mitgliederverlust in Kombination mit entsprechenden finanziellen Verlusten, da die Mitgliederzahlen und -beiträge zurückgehen.

Welche Auswirkungen hat es auf die Jugend- und Nachwuchsabteilungen?

Es wird immer schwieriger, Nachwuchs zu rekrutieren. Momentan können wir es noch nicht genau abschätzen wie es sich konkret auswirkt. Dass werden wir erst in diesem Jahr oder in den darauffolgenden Jahren sehen.

Gibt es bereits einen Mitgliederschwund und wenn ja: Wie hoch ist dieser? Es ist ja derzeit unmöglich, neue Mitglieder zu gewinnen. Deutschlandweit befürchten die Vereine - einer Studie zufolge - einen Mitgliederschwund von bis zu zehn Prozent.

Wir haben schon einen Mitgliederschwund, der sich langsam bewegt, seit 2010. Wie bereits erwähnt müssen wir abwarten, wie es sich konkret auswirkt. Wir hatten mal fast 2900 Mitglieder.

Wie kommen die Abteilungen des TSV Bad Saulgau durch die Krise? Gibt es Abteilungen, die sich zu Zoom-Einheiten treffen? In neuen, virtuellen Gruppen, die es ohne Corona nicht gegeben hätte? Und was lassen sich die einzelnen Abteilungen einfallen, um mit ihren Sportlern in Kontakt zu bleiben? Ich habe gehört, zum Beispiel die Leichtathletikabteilung war kreativ, als sie vergangenes Jahr wieder loslegen durfte.

Meines Wissens gibt es keine Zoom-Einheiten und auch keine neuen Gruppen. Wie Sie richtig erwähnt haben, versuchen unsere Abteilungen und Breitensportgruppen kreativ zu sein. Bei der Abteilung Leichtathletik besteht eben die Möglichkeit, dass die Mitglieder ins Freie können. Aber auch hier gibt es coronabedingte Beschränkungen. Erst vor kurzem bekamen wir die Absage, weil zwei Sportler im Stadion trainieren wollten. Laut Corona-Verordnung sei das nicht möglich. Da frage ich mich: Was kann das passieren? Unverständlich.

Wie hoch beziffern Sie den finanziellen Verlust für Ihren Verein? Und wer zahlt die Zeche? Konsequenzen wie höhere Mitgliedbeiträge drohen, oder?

Momentan stehen wir finanziell noch gut da. Sollte sich aber der Mitgliederschwund fortsetzen, müssen wir natürlich gegensteuern. Das heißt konkret: Mitgliedsbeiträge erhöhen. Die Zeche zahlt jedes einzelne Mitglied. Sponsoren zu finden wird auch immer schwieriger.

Deutschlandweit kratzen über kurz oder lang viele Vereine an der Existenz. Experten und Insider warnen. So war es jedenfalls in einigen Medien, wie kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen, zu lesen. Dort und in einem entsprechenden Beitrag im ZDF wird der Verlust der Breitensportvereine in Deutschland auf eine Milliarde Euro beziffert, das hieße - bei 90 000 Vereinen - 12 000 Euro pro Verein. Ist die Existenz des TSV Bad Saulgau gefährdet?

Die Existenz des TSV 1848 Bad Saulgau e. V. ist nicht gefährdet. Wir haben schon seit Jahren eine solide Finanzierung und sind auch jährlich mit unseren Abteilungen zweimal im Gespräch, unter anderem in finanzieller Betrachtungsweise.

Gab es Coronahilfen vom WLSB? In welcher Höhe? Greift bei Ihnen auch die Rettungspauschale für Kommunen?

Es gab Coronahilfen vom WLSB, die aber wieder zurückbezahlt werden müssen. Wir haben diese nicht in Anspruch genommen, da wir zum Beispiel kein Vereinsheim mit laufenden Unterhaltungskosten haben.

Experten sagen, dass die Coronakrise die Innovationen in Sportvereinen gefährdet, sprich Sportvereine auf Jahre hinaus in alten Strukturen verbleiben und nicht zukunftsfähig gemacht werden können, weil es am Geld, aber auch an personellen Ressourcen - Mitgliedern, Ehrenamtlichen, Übungsleitern - fehlt?

Da kann man nicht unbedingt zustimmen. Corona eröffnet Möglichkeiten, wie zum Beispiel Online-Veranstaltungen neben Präsenzzeiten. Was aber schon lange im Argen liegt, ist dass es an Ehrenamtlichen fehlt, genauso wie unter anderem an qualifizierten Übungsleitern oder an Funktionärsträgern. Wir suchen nach wie vor einen stellvertretenden Vorsitzenden für den Leistungssport. Da unsere Strukturen im Verein ziemlich überschaubar sind, stehen wir finanziell nicht schlecht da.

Was ist Ihre Forderung an die Politik? An Kommune, Kreis, Land?

Dass sich die Politik, egal auf welcher Ebene, ein Bild vor Ort macht. Den Vereinen sollte hinsichtlich den Hygienekonzepten mehr Vertrauen geschenkt werden, es sollten keine Pauschalverbote ausgestellt werden.

Würdigt die Politik den Gesundheitsaspekt des Breitensports nicht genug?

Ja, wenn man sich so anschaut, wer im Gesundheitswesen und auch im Kanzleramt dass Sagen hat, braucht man sich nicht zu wundern, dass nur der Profisport eine Lobby hat und der Breitensport mit seinen Präventionsaspekten eben nicht.

Was ist die Konsequenz, gerade für die sogenannten Gesundheitssportgruppen, die ja im TSV Bad Saulgau einen wesentlichen Teil der Mitglieder ausmachen?

Konsequenz wird sein, dass eventuell der Gesundheitssport in dem Maße nicht mehr stattfindet und konsekutiv entsprechende Krankheiten in der Bevölkerung mehr Bedeutung gewinnen mit höheren Morbiditäts- und Mortalitätsraten, wie es so heißt „wegen Corona“.

Der Freiburger Kreis, die Arbeitsgemeinschaft deutscher Sportvereine mit jeweils mindestens 3000 Mitgliedern, mit derzeit 188 Mitgliedsvereinen (u.a. die TG Biberach), hat sich dafür ausgesprochen, kurzfristige Hilfen in langfristige Zuschüsse umzuwandeln, da bisher viele Hilfen nur an die Existenzgefährdung gekoppelt sind. Wäre das eine Lösung, um Vereine zukunftssicher zu machen?

Was wir vor Ort - sprich in Bad Saulgau - schon lange fordern, seit über 20 Jahren, ist eine Stelle, die die Sportvereine unterstützen, eine Art „Sportbeauftragter“. Aber da kämpfen wir gegen Windmühlen.

Ist Corona aber vielleicht sogar gleichbedeutend mit einer Chance, den Sport langfristig zu verändern, beispielsweise noch näher und enger an die Schulen zu binden?

Die Kooperation Schule/Verein besteht schon sehr lange und wird auch bezuschusst vom WLSB. Es wäre aber sicher kein falscher Weg, dies nicht noch mehr auszubauen.

Sollte dann irgendwann wieder Sport möglich werden – wie schon im vergangenen Sommer – sollen die Vereine für die Umsetzung der Hygieneregeln in Haftung genommen werden, überwacht und kontrolliert von den Kommunen. Vereine können für die Nichteinhaltung belangt werden. Zu viel für einen ehrenamtlich geführten Verein?

Verantwortung kann nur über Vertrauensbasis funktionieren. Wir stellen mit Sicherheit keinen Überwachungsverein dar. Man sollte sich auch nicht zu sehr verkopfen. Als Verein sind wir in der Pflicht und wollen, dass unsere Mitglieder ihren sportlichen Aktivitäten nachgehen können. Somit werfen wir alles in die Waagschale und ich bin der Meinung, so lange wir uns an alle Regeln, Gesetze und Verordnungen halten, sind wir auf der sicheren Seite. Schade ist eher, dass hart erarbeitete Hygienekonzepte, die mit hohem Aufwand erstellt wurden, regelmäßig auf Grund immer wieder neuer Regelungen verfallen.

Wir sind jetzt und auch nach Corona für unsere Mitglieder da. Und wir hoffen, dass uns alle Mitgleider die Treue halten und nicht unbedingt gleich eine Kündigung schreiben, weil es zur Zeit durch Corona keinen Sport mehr gibt. Sobald die Infektionszahlen zurückgehen, arbeiten wir mit Hochdruck, dass wir mit ausgefeilten Hygienekonzepten - je nach Sportart - wieder Sport machen können, für unsere Mitglieder. Deshalb kann ich unseren Mitgliedern nur sagen: Bleiben Sie uns treu.

Befürchten Sie ein Abwandern der Indoorsportler zu den Outdoorsportarten?

Nein, wir haben ja jetzt schon Sportarten, die im Freien stattfinden, wie zum Beispiel der Lauftreff. Wenn Corona vorbei ist, wollen wir eventuell eine Fahrradgruppe gründen.

Noch eine persönliche Frage: In welcher Form vermissen Sie selbst Sport – und nicht ganz ernst gemeint: Haben Sie auch ein Coronagewicht bei sich festgestellt?

Mich kennen ja viele Menschen in Bad Saulgau, und dass ich nicht unbedingt der Sportler durch und durch bin, wissen auch viele. Ich bin eher der Verwaltungsmann. Was ich, wir - zusammen mit meiner Freundin - seit rund acht Wochen machen, ist ein täglicher Spaziergang, der am Wochenende ausgeprägter ist. Coronagewicht habe ich nicht zugelegt.

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