Das zweite Leben des Felix Brunner

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Felix Brunner vor seinem Publikum. Mit seinem Vortrag kann er es fesseln.
Felix Brunner vor seinem Publikum. Mit seinem Vortrag kann er es fesseln. (Foto: Katrin Liedtke)
Katrin Liedtke

„Scheitern oder Chance. Du entscheidest“ - unter diesem Titel hat Felix Brunner am Montagvormittag in der Stadthalle einen Vortrag vor den annähernd 600 Schülern des Störck-Gymnasiums gehalten. Der 28-jährige Bergfex aus Füssen sitzt seit einem schweren Unfall im Rollstuhl, und doch bezeichnet er sich als glücklichen Menschen. Der Weg dahin war alles andere als einfach.

Die Berge sind sein Zuhause. Wandern, Bergsteigen, Klettern, Rad- und Skifahren – das Leben des leidenschaftlichen Sportlers spielt sich im Freien ab. Schon mit zwölf Jahren gibt er Kindern Skiunterricht, mit 16 wird er der jüngste Bergretter Bayerns. Menschen zu helfen bereitet ihm Freude, und so entscheidet er sich für eine Ausbildung zum Krankenpfleger.

Im Januar 2009 verändert ein kurzer Moment der Unachtsamkeit sein bis dahin unbeschwertes Leben. Auf dem Rückweg vom Eisklettern – den gefährlichen Teil wähnt er schon hinter sich – rutscht er aus und stürzt 30 Meter tief in eine Schlucht. Mehrmals prallt er auf, erleidet schwerste Verletzungen. Er erlebt es bei vollem Bewusstsein, Schmerzen fühlt er nicht. Seine Begleiter rufen die Bergrettung, ein Hubschrauber fliegt ihn in eine Spezialklinik. Er verbringt 13 Monate auf der Intensivstation, acht davon im künstlichen Koma. Bis heute wurde Felix Brunner über 60-mal operiert, erhielt viele Hundert Blutkonserven. Dass er überlebt hat, grenzt an ein Wunder.

Mit 20 Jahren ist er ein Vollpflegefall. Er kann nicht zur Toilette gehen, nicht allein essen oder sich die Zähne putzen. „Totalschaden - ein Auto hätte man weggeworfen“, sagt er mit makabrer Offenheit. „Lasst euch mal von eurem besten Kumpel die Zähne putzen, dann wisst ihr, wie sich das anfühlt.“

Doch das Wort „aufgeben“ kommt in Felix' Sprachschatz nicht vor. Er will zurück in sein selbstbestimmtes Leben, träumt von Urlaub mit der Familie, vom Feiern mit Freunden und natürlich von den Bergen. „Der schwerste Schritt ist, die Vergangenheit zu akzeptieren, da man sie nicht mehr ändern kann.“ Mühsam kämpft er sich ins Leben zurück, Familie und Freunde stehen ihm dabei zur Seite. „Ohne sie hätte ich es nicht geschafft“, betont er, „auch beim Klettern braucht man einen Seilpartner.“

Heute ist Brunner „in einem Leben angekommen, das er gegen nichts mehr eintauschen möchte“, wie er sagt. Er treibt wieder Sport, kann Auto fahren, hält als selbstständiger Motivationscoach Vorträge landauf, landab. Dass Stefan Oßwald, Schulleiter des Störck-Gymnasiums, ihn nach Bad Saulgau holen konnte, hat die Elobau-Stiftung aus Leutkirch ermöglicht. Bildung und Entwicklung ist eines der Ziele, die sich die noch junge Stiftung auf die Fahnen geschrieben hat.

Tipp: Sich etwas zutrauen

Brunner weiß das junge Publikum zu fesseln. In seinem knapp einstündigen Vortrag versucht er, den Schülern Mut zu machen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Sie dürften ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren, auch wenn sie es nicht sofort erreichten, sagt er. „Ein Weg ist in den seltensten Fällen eben, er besteht aus Höhen und Tiefen.“ Neues sollen sie ausprobieren, sich mehr zutrauen, keine Angst vor dem Scheitern haben – nur so könnten sie ihre Stärken und Schwächen erkennen.

Was Felix Brunner erreicht hat, ist schier unglaublich. Die Ärzte hatten ihn mehrfach aufgegeben, seine Eltern auf seinen Tod vorbereitet. Stattdessen überquert er vor fünf Jahren als erster Rollstuhlfahrer mit einem Handbike in neun Tagen die Alpen. Von Freunden begleitet fährt er abseits der Straße von Füssen bis zum Gardasee. Eine Strecke von 500 Kilometern mit 12 000 Höhenmetern - anderthalb mal so viel, wie der Mount Everest hoch ist. Im Winter trainiert er auf seinem Monoski, qualifiziert sich für den Europa-Cup.

Atemlos verfolgen die Zuschauer die kurzen Filmeinspielungen, die ihn beim rasanten Biken, Raften, Slalom zeigen. Am Ende der Veranstaltung gibt es zahlreiche Fragen an Brunner. Ohne falsche Scheu wird er nach der auffälligen Narbe an seinem Hals gefragt (da war der Schlauch vom Beatmen drin), ob er neu lernen musste zu sprechen (ja, sogar zu atmen) oder ob er Angst hatte zu sterben (die hatten eher seine Eltern).

Voriges Jahr ist seine Autobiografie erschienen: „Aufwachen - Der Horizont ist nicht das Ende“. Demnächst wird Felix Brunner heiraten, auch Kinder wünscht er sich. Felix - das bedeutet „der Glückliche“.

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