Das geförderte Musik-Genie hatte eine ebenso talentierte Schwester

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 Lovinia Schuchert moderiert die Veranstaltung, Pianist Anthony Spiri sorgt für virtuos vorgetragene Beispiele aus dem Werk von
Lovinia Schuchert moderiert die Veranstaltung, Pianist Anthony Spiri sorgt für virtuos vorgetragene Beispiele aus dem Werk von Mendelssohn Bartholdy. (Foto: Monika Fischer)
Monika Fischer

Der dritte Teil der „Nacht der Musik“ und damit die letzte Veranstaltung des diesjährigen Tonkunst-Festivals ist in der Kleber Post über die Bühne gegangen. Im voll besetzten Barocksaal des Hotels nahm die Dramaturgin der Stuttgarter Oper, Lovinia Schuchert, das Leben und die Arbeit des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy unter die Lupe. Dies verband sie mit der Frage, ob Felix, wie sein Vorname signalisierte, tatsächlich ein glücklicher Mensch gewesen ist. Der Pianist Anthony Spiri illustrierte den Vortrag musikalisch durch brillant gespielte Stücke.

Der jüdische Bankier Abraham Mendelssohn Bartholdy und seine Frau Lea gaben ihrem 1809 geborenen Söhnchen drei Vornamen: Jakob, Ludwig sowie den lateinisch stämmigen Namen Felix, der Glückliche. Dass gerade der letzte sein Rufname werden und ihm Glück bringen sollte, war sicherlich einem Wunsch der Eltern geschuldet.

Tatsächlich hatte Felix das Glück, in einer vermögenden, großbürgerlichen und kunstsinnigen Familie aufzuwachsen. Die Eltern ermöglichten ihm ebenso wie seiner Schwester Fanny eine umfassende Ausbildung. Dass beide Kinder hoch musikalisch waren, zeigte sich früh. Doch der Vater förderte nur den kleinen Felix nach Kräften, damit dieser einmal einen großen Namen tragen würde. Dem Frauenbild der damaligen Zeit entsprechend, sollte aus der ebenfalls hervorragend begabten Fanny eine Ehefrau und Mutter werden. Ihre Karriere war in der Familie nicht erwünscht. Der ehrgeizige Vater begleitete Felix schon früh auf Reisen, stellte ihn bedeutenden Persönlichkeiten vor und weckte in ihm die Bewunderung für den Dichter Goethe. Dessen Bekanntschaft wiederum verdankt die Musikwelt das „Oktett Es Dur op. 120“, das sich auf die Walpurgisnacht im ersten Teil von Goethes „Faust“ bezieht. Den genialen Geisterspuk, der kurz zuvor im Alten Kloster erklungen war, hatten die meisten Zuhörer vermutlich noch im Ohr. Wichtig in Mendelssohn Bartholdys Leben waren seine Reisen, die ihm dank finanzieller Unabhängigkeit problemlos möglich waren. Seine Erlebnisse hielt er, der auch ein begabter Maler war, teils in Bildern, jedoch meist in entsprechenden Kompositionen fest.

Ein „Tagebuch der Reisen“

Unter dem Titel „Lieder ohne Worte“ verteilte er 36 von ihnen auf sechs Bücher, wobei ihm anfänglich eine genaue Ordnung wichtig war: Entweder fasste er drei schnelle, drei langsame Stücke zusammen, oder drei in Dur – und drei in Moll gehaltene. Aus dieser Sammlung ergab sich eine Art Tagebuch seiner Reisen und Begegnungen. Lovinia Schuchert zeichnete sie nach, beginnend mit der ersten von zehn Fahrten nach England. Dazu spielte Anthony Spiri ein „Lied ohne Worte“ mit nordischem Einschlag. Dem folgten „Trois fantaisies“, die den Töchtern einer geschätzten Gastfamilie aus Wales gewidmet sind. Auf einer Schottland-Tour Mendelsohn Bartholdys entstand die Herbriden-Ouvertüre, die den düsteren Charakter der Insel spiegelt. Auch hiervon gab‘s eine musikalische Kostprobe, desgleichen von seiner Italienreise, wo unter anderem vier venezianische Gondellieder entstanden. Schon früh erfreute sich der Komponist großer Wertschätzung, was es ihm erleichterte, eine Bach-Renaissance einzuleiten.

Felix bewundert Fanny

Lovinia Schuchert beleuchtete auch das Verhältnis zu seiner Schwester Fanny, der eine musikalische Karriere verwehrt blieb. Felix schätzte sie sehr und soll sie gelegentlich um ihr Kompositionstalent beneidet haben. Eine Kostprobe aus Fannys „Liedern ohne Worte“ gab Anthony Spiri in Form des „Saltarello romano“, einer schwungvollen Tarantella.

Die Geschwister verstarben in demselben Jahr, 1847, Fanny im Mai, Felix im November. Mit dem „Spinnerlied“, dessen rasantes Tempo, gepaart mit hörbaren Wirbeln, das unermüdliche Drehen einer Spindel nachzeichnete, endete eine musikalisch unterlegte Zeitreise durch Mendelssohn Bartholdys erfolgreiches, doch so kurzes Leben. Die Frage, ob der Komponist ein glücklicher Mensch war, blieb allerdings offen. Diese sollten die Zuhörer beantworten.

Herzlicher Beifall dankte Lovinia Schuchert für ihre detaillierten Ausführungen ebenso wie dem Pianisten Anthony Spiri, der das Publikum mit seinem furiosen Spiel begeistert hatte.

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