Dänemark ist der Topfavorit

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 Balingens Martin Strobel (rechts, im Zweikampf im Testländerspiel gegen Argentinien) ist nach einer selbstgewählten Pause in di
Balingens Martin Strobel (rechts, im Zweikampf im Testländerspiel gegen Argentinien) ist nach einer selbstgewählten Pause in die deutsche Nationalmannschaft zurückgekehrt. Der Rückraumspieler von Zweitligisten HBW Balingen-Weilstetten hatte im Herbst Bundestrainer Christian Prokop seine Bereitschaft erklärt, wieder für Deutschland zu spielen. (Foto: Axel Heimken)
Sportredakteur
Thomas Lehenherr

Am Donnerstag (18.15 Uhr) beginnt mit dem Spiel Deutschlands gegen Korea die Handball-Weltmeisterschaft in Deutschland und Dänemark (10. bis 27. Januar). Die „Schwäbische Zeitung“ hat bei Handball-Experten der Region nachgefragt, wie sie die Chancen der deutschen Mannschaft einstufen und wen sie als Favoriten auserkoren haben. Thomas Lehenherr und Marc Dittmann haben sich in Balingen und Bad Saulgau umgehört.

Wolfgang Strobel, Geschäftsführer des Handball-Zweitligaspitzenreiters HBW Balingen-Weilstetten und Bruder des deutschen Spielmachers Martin Strobel, schätzt das Potenzial der deutschen Mannschaft realistisch ein: „Die deutsche Mannschaft ist nicht unter den Mannschaften, die zwangsläufig unter den Top 4 zu erwarten, also im Halbfinale gesetzt sind. Ich glaube aber, dass die Mannschaft Potenzial hat. Ziel muss es ein, einen Lauf rein zu bekommen.“ Entstehe dann eine Euphorie rund ums Team, sei durchaus „was möglich. Das hat man ja schon in anderen Sportarten gesehen.“ Die deutsche Mannschaft sei noch jung und eben nicht durchgängig so gut besetzt wie die Topteams. „Ich glaube aber, dass die deutsche Mannschaft an einem guten Tag jeden Gegner schlagen kann, auch Frankreich oder Dänemark. Ziel sei es, konstant zu spielen.“ Der Schlüssel zum Erfolg liege in der Abwehr: „Das muss es werden. Für die deutsche Mannschaft geht es nur über das.“ Seinen Bruder hat er kurz vor der Abreise nicht mehr gesehen. „Martin war mit seiner Familie am Montag noch mit seiner Familie kurz bei unseren Eltern, musste aber am Dienstag wieder zur Mannschaft. Aber wir sind natürlich im Austausch und ich werde selbst mit meiner Familie hoch fliegen und ihn am Freitag sicher mal treffen“, sagt Wolfgang Strobel. Über die Gründe für das Comeback seines Bruders Martin im Nationalteam hat sich Wolfgang Strobel so seine Gedanken gemacht. „Ich glaube, Martin hat eine feste, klare Rolle innerhalb der Mannschaft, die ihm der Bundestrainer zugedacht hat und in den ersten Testspielen hat er die, glaube ich, auch sehr gut erfüllt. Er hat in den Testspielen mehr Einsatzzeiten bekommen, als ich es gedacht habe und ich gehe davon aus, dass er auch am Donnerstag von Beginn an auf der Platte steht.“ Zur Rolle seines Bruders in der Prokop-Mannschaft sagt Wolfgang Strobel: „Er hat die Rolle, Struktur ins deutsche Spiel reinzubringen und die Leute so einzusetzen, dass sie gut zum Abschluss kommen und aufs Tor werfen. Martin soll dem gesamten Gefüge Halt geben.“ Dennoch: Favoriten auf den Titel sind für den HBW-Geschäftsführer andere: Natürlich fehlt Frankreich ein Riesenbrocken. Die Favoriten sind für mich Dänemark und Frankreich. Das sind die großen Nummern, und Norwegen. Das sind die Topteams. Mit Kroatien und Spanien muss man immer rechnen.“ Ob Schweden oder Tschechien eine ähnliche Rolle spielen können wie bei der vergangenen EM bleibe abzuwarten. Derweil laufen beim HBW die Vorbereitungen auf die Restrunde. „Ja, es sieht ganz gut bei uns derzeit aus“, sagt Strobel. Die Mannschaft startet am Tag des WM-Auftakts in die Vorbereitung. „Zwar fehlen Martin Strobel, Thomas Mrkva und Romas Kirveliavicius. Das ist nicht ganz optimal, aber das gibt schon den anderen Spielern Möglichkeiten.“ Die Mannschaft absolviert zwei Einheiten am Tag mit Trainer Jens Bürkle.

Krischan Hillenbrand, sportlicher Leiter des TSV Bad Saulgau, glaubt, dass die deutsche Mannschaft das Halbfinale erreichen kann. „Auf der Torhüterposition ist Deutschland mit Andreas Wolf und Silvio Heinevetter weltklasse besetzt. Der Mittelblock der Defensive mit Lemke, Pekeler und Wiencek muss in Zusammenarbeit mit den Torhütern funktionieren, um dann über die erste, zweite und dritte Welle schnell zum Abschluss zu kommen. Das sind die einfachen Tore, die die Mannschaft auch braucht, um enge Spiele für sich zu entscheiden“, sieht er die Stärken der deutschen Mannschaft. Gleichzeitig sieht er bei der deutschen Mannschaft in anderen Bereichen Probleme: „Im stehenden Angriff sehe ich Probleme auf uns zukommen. Ich bin gespannt, wer unser Spiel auf der Rückraummitte lenken wird, da sind wir von der individuellen Qualität anderen Nation deutlich unterlegen“, glaubt Hillenbrand. „Wir haben mit Wiencek, Pekeler und Kohlbacher sehr gute Kreisläufer - nur müssen sie auch vom Rückraum ins Spiel gebracht werden. Auf den Außen sind wir stark, im Rückraum müssen wir über die Breite kommen und ich hoffe, dass bei Fäth auf der Königsposition, im Rückraum links, endlich mal der Knoten platzt. Dass er es kann, hat er schon bewiesen. Er braucht auch das Vertrauen des Trainers.“ Hillenrand glaubt, dass die deutsche Mannschaft ihr Ziel, das Halbfinale in Hamburg zu erreichen, umsetzen kann. „Mit viel Leidenschaft und dem Publikum im Rücken, hoffe ich auf ein Halbfinale.“ Den Titel machen derweil aus seiner Sich andere Mannschaften untereinander aus. Er hat sich den Co-Gastgeber als Favoriten herausgepickt: „Dänemark ist von den Einzelspielern überragend. Wenn sie als Mannschaft funktionieren, dann werden sie Weltmeister.“

Alexander Osswald, stellvertretender Vorsitzender der Bad Saulgauer Handballer, glaubt: „Vieles hängt davon ab, wie das deutsche Team ins Turnier startet. Wenn man die ersten Spiele gewinnt, kann die Euphorie in den heimischen Hallen das Team weit tragen.“ Osswald glaubt nicht ans Halbfinale: „Am Ende wird es meiner Meinung aber nicht zum Titel reichen. Dafür sind die anderen Teams zu stark besetzt. Ich tippe auf den fünften Platz.“ Er sieht andere Teams ganz vorne: „Meine Favoriten sind Frankreich, Kroatien und Dänemark. Bei den Topteams entscheiden am Ende Kleinigkeiten über Sieg und Niederlage. Ich tippe, dass Dänemark den Heimvorteil nutzen kann und am Ende Weltmeister wird.“ Osswald stattet der WM einen Besuch ab: „Ich bin am Freitag selbst in München in der Halle live dabei und freue mich besonders auf das Spiel Islands gegen Kroatien.“

Nico Bota, Trainer der A-Jugend des TSV Bad Saulgau und Aufstiegscoach der ersten Mannschaft vor drei Jahren, sagt: „Die deutsche Mannschaft kann eine Überraschung schaffen. Es ist eine Turniermannschaft. Es kommt auf die Mannschaftsleistung an. Bei so einem Turnier braucht man nicht nur sieben, sondern 16 gute Spieler. Es wird sehr schwer, aber ich traue diesem Team viel zu“, sagt der gebürtige Rumäne. Ganz genau festlegen will er sich aber nicht: „Eine genaue Platzierung möchte ich aber nicht voraussagen.“ Und auch in der Auswahl der Favoriten hat er sich noch nicht eindeutig festgelegt: „Ich sehe noch keinen eindeutigen Favoriten. In einem Turnier kann viel passieren. Die Franzosen und die Kroaten gehören sicher auch diesmal zu den besten Mannschaften. Aber es sind viele Teams dabei, die Qualität haben.“

Einer von Botas Nachfolgern an der Außenlinie, Matthias Kempf, derzeit Trainer der Landesligamannschaft des TSV Bad Saulgau, glaubt wie Bota an die deutsche Mannschaft. „Die deutsche Mannschaft kann ein Überraschungspaket sein. Das Team ist schwer einzuschätzen. Es ist momentan vielleicht noch nicht ganz in der Weltspitze angekommen, aber mit den Zuschauern im Rücken kann viel passieren. Wenn die Mannschaft die Vorrunde gut übersteht, traue ich ihr einiges zu, auch das Halbfinale“, glaubt der Pfullendorfer. Den Titel traut er dem Co-Gastgeber zu: „Dänemark ist stark und kann vielleicht den Heimvorteil nutzen.“ Den Titelhamster des vergangenen Jahrzehnts sieht er kritischer: „Bei Frankreich weiß man nie so recht, was passiert.“

Ganz anders als einer seiner Spieler: Patrick Engler, Spieler ersten Mannschaft des TSV Bad Saulgau, glaubt, dass die Grande Nation nach Fußball- auch Handball-Weltmeister werden kann: „Frankreich könnte es packen. Das Team hat viele junge Spieler.“ Doch er schränkt ein: „Karabatic fehlt“. Auch er schätzt Dänemark stark ein: „Ansonsten ist auch Dänemark sehr stark.“ Die Lage der deutschen Mannschaft sieht Engler kritisch: „Die Vorrunde mit den Gegnern Frankreich, Serbien und Russland wird für die deutsche Mannschaft schwer. Wenn Deutschland in Schwung kommt, traue ich der Mannschaft die Halbfinalteilnahme zu. Der Mittelblock der Abwehr ist stark und auch der Kreis ist stark besetzt. Ich glaube, dass sie unter die ersten Vier kommen“, sagt Engler. Sein Mannschaftskamerad Fabian Kohler glaubt an die deutsche Mannschaft: „Die deutsche Mannschaft ist durchweg gut aufgestellt. Jede Position ist stark besetzt. Sie spielt zurzeit guten Tempohandball. In der Abwehr sind groß gewachsene, gute und clevere Akteure. Wenn die Mannschaft ihr Talent auf die Platte bringen, traue ich ihr auch den WM-Titel zu.“ Aber er weiß auch: „Einfach wird das nicht. Ich hoffe, dass Deutschland im eigenen Land den Titel holt.“ Auch er traut den Dänen den großen Wurf zu: „Aber auch Dänemark und die weiteren skandinavischen Länder gehören zum Favoritenkreis.“

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