„Bonpflicht ist jetzt schon das Unwort des Jahres“

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Anita Metzler-Mikuteit

Im Zuge der neuen Kassensicherungsverordnung und der damit einhergehenden technischen Sicherheitseinrichtung (TES) unterliegen seit Jahresbeginn alle Verkäufer der Bonpflicht. Damit sollen Steuerbetrug unterbunden und Registrierkassen absolut fälschungssicher werden. Doch es ist nicht nur die zusätzliche Papierflut, die den Einzelhändlern in Bad Saulgau sauer aufstößt.

Dass „die da oben“ einfach nicht wissen, was „unten“ abläuft, davon ist Christine Walter überzeugt. Gemeinsam mit ihrem Mann Matthias betreibt sie seit vielen Jahren die Bäckerei-Konditorei in der Moosheimer Straße. Ein Fulltime-Job, und das sieben Tage in der Woche. Freie Zeit ist ein kostbares Gut. Die beiden haben erst vor zwei Jahren viel Geld in ein neues Kassensystem investiert. Durch die neuen Vorschriften sind sie gezwungen, aufzurüsten – und ein weiteres Mal Geld auszugeben. „Und wir wissen nicht, ob das dann die Endversion ist, oder ob wir später nochmal was investieren müssen“, so Christine Walter.

Eine größtmögliche Transparenz ist nach ihrer Meinung schon jetzt da. Jeden Monat geht eine detaillierte betriebswirtschaftliche Auswertung an das Finanzamt. Im Zuge der neuen Verordnung braucht sie zehnmal mehr Kassenbonrollen als bisher. „Es sind halt wieder die Kleinen“, sagt sie, „die Großen, die bewusst betrügen, wie zum Beispiel VW, lässt man ungestraft.“ Dabei richtet sich ihr Blick auf das Wahljahr 2021 und die Frage, wen sie angesichts solcher Vorkommnisse wählen soll.

Ökopapier ist teurer

„Das ist so was von ätzend“, sagt auch Sabine Kugler vom Bioladen Blüte & Frucht. Auch sie hält diese neue Verordnung für absolut „unnötig“. Schließlich würden die Beträge fest eingebucht, so dass im Nachhinein nichts mehr verändert werden kann – ob mit oder ohne Bon. Im Naturkostladen wird Ökobonpapier verwendet, ohne chemische Farb-entwickler und aus verantwortungsbewusster Waldwirtschaft. „Das ist deutlich teurer“, sagt sie.

Apothekerin Tatjana Buck ist sich sicher, dass „Kassenbonpflicht“ das Unwort des Jahres werden wird. Der Deutsche Apothekerverband wie auch der Landesapotheker-Verband seien nachhaltig verärgert. „Diese Bonpflicht bedeutet viel mehr Bürokratie, ist überflüssig und obendrein noch umweltschädlich“, so die Apothekerin. Apotheken seien komplett digitalisiert, alle Prozesse maximal transparent und manipulationssicher. „Da ist Steuerbetrug einfach unmöglich“, fährt sie fort. Alle würden gezwungen, Belege auszudrucken, selbst bei Kleinstbeträgen ab einem Cent. So viel Ressourcenverschwendung macht sie einfach nur sprachlos.

Die Freie Apothekerschaft hat eine Petition beim Bundestag gegen diesen „Zettelirrsinn“ angekündigt. Dort sieht man gar die „Bevölkerung als Finanzkontrolleure missbraucht“. Der Handelsverband Deutschland hat ausgerechnet, dass im Einzelhandel mit mehr als zwei Millionen Kilometern zusätzlicher Länge an Kassenbons pro Jahr gerechnet werden muss. Der kritisiert auch, dass die benötigte Technik noch gar nicht verfügbar ist – und die Umstellung kostspielig. Die Bonpflicht bedeutet für kleine Händler erhebliche Mehrkosten für Papier, Druck und Entsorgung der liegen gebliebenen Bons.

Vertrauen nicht gefördert

Larissa Lott-Kessler ist Steuerfachwirtin und sagt, dass dem Staat durch nicht abgeführte Mehrwertsteuer „Milliarden Euro durch die Lappen gehen“. Sie sieht aber gleichzeitig das Problem, dass derlei Verordnungen das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik nicht unbedingt fördern. „Sollte Bürokratie nicht viel mehr abgebaut werden“, fragt sich Rita Strieckmann vom Arbeitskreis Zukunft, während Jürgen Heim beobachtet, dass die meisten Kunden dafür kein Verständnis haben. „Die zeigen uns den Vogel“, sagt der Bäckermeister und sieht tagtäglich, wie sich der Mülleimer im Ladengeschäft seither ganz schnell füllt. Mit weggeworfenen Bons natürlich. Auch er verfügt über ein neuwertiges Kassensystem und wundert sich, dass es die notwendige Hard- und Software im Zuge der neuen Verordnung noch gar nicht gibt. Viel wichtiger als die Bonpflicht ist aus seiner Sicht, dass jeder Betrieb mit festem Unternehmenssitz überhaupt eine elektronische Kasse hat.

Zehnmal mehr Rollen

Das halten die Einzelhändler in Bad Saulgau von der Kassenbonpflicht. Seite 15

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