Besucher des Stadtmuseums sind einer „Fälschung mit Folgen“ auf der Spur

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 Das Modell der Zimmerei Luib, die die Bauphasen der St. Johanneskirche dokumentiert und durch verschiedene Holzarten kenntlich
Das Modell der Zimmerei Luib, die die Bauphasen der St. Johanneskirche dokumentiert und durch verschiedene Holzarten kenntlich gemacht hat. (Foto: Monika Fischer)
Monika Fischer

Mit der Konzeption der Ausstellung „Fälschung mit Folgen“ haben die Mitglieder des Arbeitskreises Stadtmuseum einen Beitrag zum Jubiläum 1200 Jahre Bad Saulgau geleistet und dabei einen musealen Volltreffer gelandet. Denn die Thematik ist so anschaulich aufbereitet, dass sie Erwachsene wie Kinder gleichermaßen anspricht. Aufgrund des Interesses wird die Schau bis Mitte Oktober verlängert.

Aus Vorträgen, Publikationen und sogar einem Theaterstück ist es mittlerweile hinlänglich bekannt: Bei der Urkunde, die nachweist, dass Sulugon, das heutige Bad Saulgau, erstmals im Jahre 819 erwähnt wurde, handelt es sich um eine Fälschung. Der Titel der Ausstellung verweist auf diese Tatsache und legt die Vermutung nahe, dass sich die Schau allein um dieses Ereignis mit seinen Auswirkungen drehe. Doch weit gefehlt. In der ersten Etage lautet das Thema „Die Stadt verändert ihr Gesicht“. Hier dokumentieren über hundert Fotos, wie sich die Architektur Bad Saulgaus im Laufe der Zeit verändert hat. Den Bildern aus längst vergangenen Tagen stehen Aufnahmen gegenüber, die denselben Ort in der Gegenwart zeigen. Ein faszinierender Kontrast, der auch Diskussionen anstößt zu der Frage, was an historischer Architektur erhaltenswert und was verzichtbar ist. Ältere Semester werden sich an manche verschwundenen oder in ihrer Struktur und Nutzung veränderten Gebäude erinnern, desgleichen an frühere Straßenführungen und Plätze, die langsam in Vergessenheit geraten.

Geschichte der Kirche

Im zweiten Stockwerk – beide Etagen lassen sich auch per Fahrstuhl erreichen - wird thematisiert, wie die Geschichte der St. Johanneskirche mit der Urkundenfälschung zusammenhängt. Um die historisch verbürgten Vorgänge zu verdeutlichen, wählten die Ausstellungsmacher die Form der Bildergeschichte, des Comics. Hugo Birkhofer hat den handelnden Personen, einem Pater des Klosters Reichenau und einer Äbtissin des Stifts Buchau, Dialoge in die Sprechblasen gelegt, die ob ihres schwäbischen Sprachwitzes viel Anlass zum Lachen bieten. Schnell wird klar, dass die Buchauer Klosterfrau Besitzansprüche auf den Ort Sulugon und seine Umgebung erhebt und diese per Urkunde absichern will. Da ein solches Dokument aber fehlt, soll es der Reichenauer Mönch als ausgebuffter Fälscher fabrizieren und auf das Jahr 819 zurückdatieren.

Die Illustrationen des Comics stammen von Wolfgang Schmid und sind absolute Hingucker. Überdimensional vergrößert hängen sie in der Rotunde und liegen inzwischen auch als handliches Büchlein auf, das im Museum erworben werden kann. Da urkundlich verbürgt ist, dass eine Äbtissin des Buchauer Klosters tatsächlich in der Stadtmitte „ihres“ Sulugon eine Kirche erbauen lassen wollte, könnte es sich hierbei um die Urform der St. Johanneskirche gehandelt haben. Einen Überblick über die verschiedenen Bauphasen der Kirche bis hin zu ihrem heutigen Format zeigt ein Modell, das die Zimmerei Luib in Fulgenstadt erstellt und der Stadt zum Geschenk gemacht hat. Auch das Schicksal von Kirchenfenstern, Altären und Heiligenfiguren wird angerissen.

Aliens erklären Besonderheiten

Der dritte Ausstellungsteil, „Aliens im Stadtmuseum“ befindet sich auf ebenfalls im zweiten Stockwerk. Was während der Vernissage live über die Bühne ging, kann jetzt im Video betrachtet werden. Zu sehen sind vier Schülerinnen der Theaterklasse im Jungen Kunsthaus, die, verkleidet als Außerirdische, den Besuchern anhand bestimmter Gegenstände Besonderheiten der Stadtgeschichte verklickern. So erinnert ein Eispickel daran, dass früher Eis für die Brauereien vom Eisgalgen geschlagen und in den Sandkellern des Tiefen Wegs bis in die Sommermonate gelagert wurde. Ein Bohrkopf verweist auf die Geschichte des Thermalbads. Die entsprechenden Texte stammen aus der Feder von Beate Rimmele.

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