Bei den Landwirten rumort es an vielen Stellen

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Maria Heubuch, Europaabgeordnete der Grünen, spricht im Stadtforum in Bad Saulgau zum Thema Landwirtschaft.
Maria Heubuch, Europaabgeordnete der Grünen, spricht im Stadtforum in Bad Saulgau zum Thema Landwirtschaft. (Foto: Anita Metzler-Mikuteit)
Anita Metzler-Mikuteit

Voll besetzt ist der kleine Saal im Stadtforum gewesen, als Maria Heubuch, Europaabgeordnete der Grünen, am Montagabend zum Thema Landwirtschaft referierte. Die emotionalen Diskussionen im Anschluss ließen keinen Zweifel daran: Bei den Landwirten rumort es.

Die aktuelle Situation der Landwirtschaft verdeutlichte auch der Film, der gezeigt wurde. Die Dokumentation „Bauer unser“ von Robert Schabus läuft seit März in den Kinos und zeichnet sachlich und unaufgeregt ein Bild der Situation österreichischer Landwirte. Ländliche Idylle oder Gesichter, an denen man ablesen könnte, dass der Beruf noch Freude macht, sucht der Zuschauer vergebens. Stattdessen kommen Landwirte zu Wort, die getrieben sind von den Gesetzen des freien Marktes. Verzweifelt suchen sie immer neue Möglichkeiten der Reduzierung von Ausgaben,irgendwie versuchen, mit der globalen Marktabhängigkeit zurechtzukommen, damit am Monatsende Kredite getilgt werden können. Andere Familien leben seit Jahren von der Substanz. Ihnen bleibt unterm Strich fast nichts übrig.

Es werden Landwirte vorgestellt, deren Betriebe nach den Vorgaben der Landwirtschaftspolitik permanent gewachsen sind und sich jetzt fragen, wohin das alles noch führen soll. „Dieser neoliberale Weltmarkt ist ein Unfug, da wird zu viel ruiniert“, sagt etwa Benedikt Härlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft und Mitglied des Aufsichtsrats Weltagrarbericht im Film. Doch es gibt auch Positivbeispiele. Von Landwirten, die sich ihre Eigenständigkeit durch Direktvermarktung zurückerobert haben. Und so diesem „völlig perversen System“, so der EU-Parlamentarier Martin Häusling, entkommen sind.

Abgeordnete hat Erfahrung

Die Grünen-Europaabgeordnete Maria Heubuch – sie lebt mit ihrer Familie auf einem Milchviehbetrieb im Allgäu – weiß aus eigener Erfahrung, dass „Bauern mit Schwankungen“ umgehen können. „Aber im Schnitt der Jahre muss es halt doch stimmen“, sagte die 59-Jährige und bezeichnete das gesamte landwirtschaftliche System als „krank“. Auch deshalb, weil bei der Preisermittlung „anders herum gerechnet wird“, also nicht aufbauend auf die Produktionskosten. „Das gibt’s sonst nirgends in der Wirtschaft“, so das Mitglied des EU-Entwicklungsausschusses. Sie ist überzeugt, dass längst „genug produziert wird“.

2008 habe es die meisten hungernden Menschen weltweit gegeben. Und gleichzeitig die höchste Getreideernte. Sie erinnerte an die bevorstehende EU-Agrarreform im Jahr 2020. Schon jetzt seien die Debatten tief gespalten. „Die industrialisierte Landwirtschaft funktioniert langfristig nicht und wird die Anforderungen der Zukunft nicht erfüllen“, so Heubuch. Bei der anschließenden Diskussion wurde nicht nur die hohe Verantwortung der Verbraucher deutlich. „Solange die jedem Sonderangebot hinterher rennen, wird sich nichts ändern“, sagte ein Landwirt.

Ein anderer stellte die Frage in den Raum, wie es zusammen passt, dass in Bad Saulgau – der Landeshauptstadt der Biodiversität – so hohe Nitratwerte im Trinkwasser vorhanden seien und vermisste an diesem Abend Vertreter der Stadt. Auch der Zusammenhang zwischen „falscher Agrarpolitik“ und Fluchtursachen beschäftigte die Gäste – und damit zusammenhängend das Erstarken der Partei AfD.

Großen Unmut gab es nicht nur mit Blick auf die vielen Diskussionsrunden im Vorfeld der Bundestagswahlen, in denen das Thema Landwirtschaft nicht aufgegriffen wurde. „Wasser und Boden haben ein langes Gedächtnis“, sagte ein Besucher, auch mit Blick auf das Unkrautvertilgungsmittel Glyphosat, das im Verdacht steht, krebserregend zu sein.

Emotional wurde es auch, als ein Landwirt des Hahnennester Großkuhstall-Projekts mangelndes Interesse vonseiten mehrerer Grünen-Politiker am Vorhaben der fünf Landwirte feststellte. „Ich glaube, Sie drehen die Dinge gerne so hin, wie Sie es brauchen“, konterte Maria Heubuch.

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