Bausünden tun dem Ehemaligen weh

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Von der Lehreroberschule zum MINT-Gymnasium
Die Landesregierung in Stuttgart möchte in Bad Saulgau ein Exzellenzgymnasium für besonders begabte Schüler in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik einrichten. Das ist die Zukunft. Bis ins Jahr 1958 dienten die dafür vorgesehenen Schulgebäude der Ausbildung von Dorfschullehrern in Oberschwaben. Vor genau 60 Jahren legte der letzte Jahrgang die Abschlussprüfung ab. Ludwig Zimmermann gehörte zu ihnen. Er erinnert sich beim Rundgang durch das Gebäude.
stellv. Redaktionsleiter

Rund 18 Absolventen der früheren Lehreroberschule (frühere LO) kommen heute in Bad Saulgau zusammen: Sie feiern den 60. Jahrestags ihres Abschlusses. Es sind die letzten, die diese Schulform in Saulgau durchlaufen haben. Ludwig Zimmermann aus Mochenwangen hat das das heutige Treffen organisiert - und führte Vertreter der Schwäbischen Zeitung mit Erlaubnis der Liegenschaftsverwaltung des Landes vor dem Treffen durch die Räumlichkeiten. In einigen Jahren sollen die Schulgebäude in ein Exzellenz-Gymnasium für begabte Schüler in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT) umgebaut werden.

Ludwig Zimmermann steht dem Plan der Landesregierung, hier ein Gymnasium für begabte Schüler in den MINT-Fächern einzurichten, positiv gegenüber. Zur damaligen Lehrerausbildung gebe es Parallelen. „Damals wurde die besser begabten Schüler auf dem Land für die Schule ausgesucht wurden“, sagt der inzwischen pensionierte Realschullehrer. Während es damals darum ging, begabte Schüler zu Lehrern auszubilden, sollen im geplanten Exzellenz-Gymnasium künftige Ingenieure eine gute Schulausbildung erhalten.

„Für mich war es eine Chance“, sagt Ludwig Zimmermann zu seiner Zeit an der Lehreroberschule. Als sechstes von sieben Kindern einer Gastwirtsfamilie in Baustetten bei Laupheim fehlte das Geld für die gute Ausbildung. Chance auf die Übernahme der Gastwirtschaft hatte er auch nicht. Doch Ludwig Zimmermanns Begabung wurde entdeckt. Im Jahr 1952 war er einer von 128 Bewerbern aus der ganzen Region, die sich um eine Aufnahme in der Lehreroberschule in Saulgau bewarben. 28 wurden genommen, darunter Ludwig Zimmermann. „Ich glaube, es hat eine Rolle gespielt, dass ich ein guter Sportler war“, sagt Ludwig Zimmermann im Rückblick. Denn auf musische Fächer und Sport wurde besonderer Wert gelegt. Nach der Abschlussprüfung im Jahr 1958 konnte er das pädagogische Institut in Weingarten besuchen. Er wurde Lehrer in Schwendi, Laupheim und Baienfurt. Nach einer Fachgruppenprüfung in Geschichte arbeitete er zuletzt an der Realschule in Weingarten. Ludwig Zimmermann ist auch Heimatforscher und hat die Geschichte dieses Gebäudes in Bad Saulgau zu Papier gebracht.

„Es war streng und wir mussten viel arbeiten“, erinnert sich Ludwig Zimmermann beim Rundgang im Gebäude, an dem auch Nordin Kebache teilnimmt, der frühere Hausmeister der japanischen Schule. Nach 1958 wurde die Lehreroberschule zu einem Aufbaugymnasium in der Trägerschaft des Landes, das später aber wegen sinkender Schülerzahlen geschlossen wurde. 1992 richtete die japanische Toin-Gakuen-Schule in den Gebäuden eine Außenstelle ein. Sie wurde 2012 geschlossen, ebenfalls wegen sinkender Schülerzahlen. Seither steht das Gebäude leer.

Strenge und Streiche

„An mindestens vier Nachmittagen hatten wir nachmittags Schule“, erzählt Ludwig Zimmermann. Von 20 bis 22 Uhr mussten Hausaufgaben erledigt werden. Eigentlich logisch, dass Jugendliche in diesem Alter auch über die Stränge schlagen. Am Wochenende hätten es vor allem Lehrer, die in Saulgau wohnten, es mit der Aufsichtspflicht nicht so ganz genau genommen. Zimmermanns Klasse nutzte das einmal aus und schaute sich im damaligen Central-Kino am heutigen Martkplatz den Film „Manche mögen’s heiß“ mit Marilyn Monroe an. Pech, dass der Mathelehrer auch in der Vorstellung saß. „Das gab eine Krisensitzung“, erinnert sich Zimmermann. Zweimal sechst Stunden musste er in Karzer. Das sei ein Verschlag aus Latten im später erbauten Südbau gewesen. Auch dort musste gearbeitet werden.

In Dankbarkeit blickt Ludwig Zimmermann trotzdem zurück. „Die Lehrer wollten, dass wir tüchtige Kerle werden“, sagt er. Weh tut ihm manche bauliche Veränderung im Gebäude. Im Foyer wurde der schöne Terrazzoboden durch Platten ersetzt. „Salve“, als Begrüßung auf Latein sei auf dem Boden zu lesen gewesen. Für den verglasten Eingang wurden Fenster und Türelement im Jugendstil entfernt. Die Türen in den Festsaal sind ebenfalls verändert. Kurz: Beim heutigen Treffen gibt es also genügend Gesprächsstoff für die Ehemaligen.

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