Atmosphäre der Angst in der Stadthalle

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 Zum Auftakt der Bad Saulgauer Theatersaison wird Winston im Ministerium für Liebe unbarmherzig gefoltert.
Zum Auftakt der Bad Saulgauer Theatersaison wird Winston im Ministerium für Liebe unbarmherzig gefoltert. (Foto: Katrin Liedtke)
Katrin Liedtke

Zum Auftakt der neuen Theatersaison hat am Samstagabend George Orwells düstere Zukunftsvision „1984“ den Zuschauern in der Stadthalle das Blut in den Adern gefrieren lassen. Vor mehr als 70 Jahren entstanden, ist der Stoff in mancherlei Hinsicht noch immer hochaktuell.

Bei „1984“ handelt es sich um eine der bekanntesten Dystopien der Geschichte, viel diskutiert und in ihrer sezierenden Genauigkeit unübertroffen. Sätze wie „Big Brother is watching you (der Große Bruder sieht dich)“ sind längst ins sprachliche Gemeingut übernommen worden. 1948 geschrieben, basiert der Titel „1984“ auf einem Zifferndreher und ist nicht als konkretes Datum zu verstehen. In der Schilderung eines totalitären Überwachungsstaates zeigt der Autor die Mechanismen des Machtmissbrauchs auf und warnt eindringlich vor den Folgen einer ausufernden Kontrolle. Nicht umsonst galt der Roman in der DDR als staatsgefährdend: Lektüre, Besitz oder gar Verbreitung wurden mit Gefängnis geahndet.

Die Handlung trägt sich in der Diktatur Ozeanien zu, die sich mit den zwei anderen Supermächten in dauerhaftem Krieg befindet. Nicht abschaltbare Televisoren in jeder Wohnung bedeuten den völligen Verlust von Privatsphäre. Sie sind zugleich Sende- wie Empfangsgerät, jeder kann zu jedem beliebigen Zeitpunkt von der Gedankenpolizei gesehen wie gehört werden. Amtssprache ist das sogenannte Neusprech, das den Wortschatz von Jahr zu Jahr verringert, Mehrdeutigkeiten und damit auch abweichende Denkweisen abzuschaffen versucht.

Staatsfeind Nummer eins

Inszeniert hat das Schauspiel Johannes Pfeifer vom Münchner Gastspieltheater Agon. In der Aufführung verkörperte er Goldstein, den im Untergrund agierenden Staatsfeind Nummer eins, von dem offen bleibt, ob er eine real existierende Person oder nur ein künstlich geschaffenes Feindbild ist. Im täglichen Ritual des obligatorischen „Zwei-Minuten-Hasses“ werden die aufgestauten Angstgefühle der unter der massiven Überwachung leidenden Bevölkerung auf ihn fokussiert und von den Regierenden als den eigentlichen Tätern abgelenkt. Hauptfigur des Stückes ist Winston Smith (Jacques Breuer), der im Ministerium für Wahrheit mit Geschichtsfälschung beschäftigt ist. Historische Dokumente, Zeitungsberichte und Fotografien, die im Widerspruch zu den inzwischen eingetretenen Fakten stehen, werden laufend umgeschrieben und retuschiert. Die alte Version wird vernichtet, in Ungnade gefallene Personen lässt man verschwinden.

Winston kommen zunehmend Zweifel an dieser Politik und sogar an der Existenz des Großen Bruders, dessen Bild man nur von Plakaten und Televisoren kennt, der aber niemals auch nur ein Wort spricht. Er wünscht sich den Sturz des Regimes herbei und beginnt ein Tagebuch zu schreiben, in dem er die tatsächlichen Ereignisse wie auch seine verbotenen Gefühle festzuhalten versucht. In dieser Situation gesteht ihm die lebenslustige Julia (Isabell Kott) ihre Liebe und die beiden werden ein Paar. Auf der Suche nach einem Ort, wo sie ungestört sein können, mieten sie ein Zimmer über einem kleinen Ramschladen, welches keinen Televisor zu besitzen scheint. Auch Julia fühlt Hass auf die Partei, jedoch aus anderen Motiven heraus. Sie sieht ihr persönliches Glück in Gefahr, denn Sexualität wird lediglich als eine Pflicht angesehen und darf nur der Fortpflanzung dienen. Ihre Liebe ist somit ein Verbrechen.

Fatalerweise fasst Winston Vertrauen zu O’Brien (Marcus Widmann), den er für einen Gesinnungsgenossen hält. Dieser gibt vor, ein Mitglied der Widerstandsbewegung zu sein, und händigt den beiden ein Buch aus, das der legendäre Goldstein geschrieben haben soll. Er verabschiedet sich mit den Worten: „Wir treffen uns an dem Ort, wo es keine Dunkelheit gibt.“ Kurz darauf liefert ihr Zimmervermieter das Paar an die Gedankenpolizei aus. Sie werden ins Ministerium für Liebe gebracht, das paradoxerweise für Folterungen zuständig ist. Die Räume dort sind ständig hell erleuchtet, und Winston erkennt, dass O’Brien diesen Ort gemeint hat. O’Brien selbst erpresst unter Anwendung schwerer Folter Geständnisse von ihm und unterzieht ihn einer Gehirnwäsche.

Keine Selbstachtung mehr

In der letzten Phase seiner „Umerziehung“ konfrontiert ihn sein Peiniger mit etwas, das er nicht ertragen kann: seiner maßlosen Angst vor Ratten. Damit bedroht, die ausgehungerten Tiere würden gleich sein Gesicht zerfressen, ruft er in Panik, Julia solle ihnen statt seiner ausgeliefert werden und verrät damit seine Liebe zu ihr. Gleichzeitig verliert er damit seine Selbstachtung und hört auf, als Mensch zu existieren. Als gebrochener Mann wird er entlassen, und als er später Julia noch einmal wieder trifft, stellt sich heraus, dass auch sie gefoltert wurde und ihn verraten hat. Ihre Gefühle füreinander sind zerstört, stattdessen ist ihnen die Liebe zum Großen Bruder eingepflanzt worden. Ruhig sehen sie ihrer Hinrichtung entgegen.

Das Schauspielerensemble hat es exzellent verstanden, die allgegenwärtige Atmosphäre der Angst förmlich greifbar zu machen. Das karge Bühnenbild und die uniformartige Kleidung waren in kaltem Grau gehalten, einzig Julias rote Schärpe bildete einen leuchtenden Kontrast. Viele aus dem Publikum erinnerten sich nur noch bruchstückhaft an die literarische Vorlage. „So brutal hatte ich es gar nicht in Erinnerung“, sagte beispielsweise Heiner Dilger aus Sigmaringen. Die Stadthalle nur zu etwa drei Vierteln gefüllt, der Applaus jedoch durchaus überproportional.

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