Armut in Osteuropa: Kinder sind oft die wehrlosen Opfer der Arbeitsmigration

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Frau sitzt mit 3 Kindern auf einem Sofa
Die Mutter bleibt in Westeuropa zum Arbeiten: BuKi-Mitarbeiterin Nora Zimmermann betreut die Kinder Florika (im Arm), Claudia und Erika (von rechts), als sie erfahren, dass die Mutter nicht mehr kommt und sie bei der Tante bleiben. (Foto: BuKi)
stellv. Redaktionsleiter

Männer und Frauen aus Osteuropa arbeiten in Nord- und Westeuropa in der Pflege, als Erntehelfer oder in anderen Branchen als billige Arbeitskräfte. Sie sorgen bei uns dafür, dass die Wirtschaft läuft und bauen sich damit in ihrer Heimat meist bescheidenen Wohlstand auf. Doch oft bleiben dabei ihre Kinder zurück.

BuKi hat drei Kinder betreut, deren Mutter nach Deutschland und Holland zum Arbeiten gegangen war. Bei einer Tante waren sie praktisch sich selbst überlassen. Irgendwann sagte die Mutter, dass sie nicht zurückkommt. BuKi sucht Lösungen für solche Kinder, nicht nur für diese drei.

Siebenjährige muss Ersatzmama spielen

Die siebenjährige Claudia (alle Namen der Kinder sind von der Redaktion geändert) hatte schon zu der Zeit, als die Mutter noch bei den Mädchen war, viel Verantwortung. Sie musste auf ihre beiden jüngeren Schwestern aufpassen. Deshalb kam die Siebenjährige nur selten in die Schule und auch nicht ins BuKi-Haus.

In der vom Bad Saulgauer Verein BuKi – Hilfe für Kinder in Osteuropa – in Cidreag betreuten Tagesstätte erhalten Kinder, die in ärmlichen Verhältnissen eines von Roma bewohnten Slums groß werden, neben dem Lernstoff für die Schule auch Grundsätze in Hygiene und Sauberkeit vermittelt. Ohne soziale Mindestkompetenz haben die Kinder in der der Schule kaum eine Chance und werden ausgegrenzt.

Sie ist bei der Erziehung der Kinder total überfordert.

BuKi-Vorsitzender Stefan Zell

BuKi kümmerte sich. Eine Mitarbeiterin ging jeden Morgen zum Haus der Mutter der Siebenjährigen, um sie für die Schule zu wecken. Der Vater arbeitete schon länger im wohlhabenderen Teil Europas. Die Kinder kennen ihn kaum.

Dann ging auch die Mutter für drei Monate als Erntehelferin nach Deutschland. Die drei Kinder sollten von einer älteren und kränklichen Tante betreut werden. „Sie ist mit der Erziehung der Kinder total überfordert“, sagt Stefan Zell, Vorsitzender von BuKi, der das Schicksal der drei Mädchen hautnah miterlebt hatte. Jetzt musste die Siebenjährige zusätzlich die Rolle der Mutter übernehmen.

BuKi unterstützt gebrechliche Tante

BuKi verabredete mit der Tante, dass die drei Kinder im BuKi Haus betreut werden. Hier beamen sie regelmäßige Mahlzeiten, wurden geduscht und dürfen ihren Schlaf nachholen. Irgendwann erzählte die Tante, dass die Eltern der Kinder nicht mehr zurückkommen werden. Soweit Stefan Zell weiß, habe die Mutter bei der Tomatenernte in den Niederlanden einen neuen Mann kennengelernt. Die Kinder hören alles mit, als die Tante das erzählt. „Sie wirkten traumatisiert“, sagt Stefan Zell. 

Wieder wurde BuKi aktiv. Der Verein suchte nach einer Familie für die Kinder. „Es gab positive Signale“, sagt Stefan Zell und damit auch Hoffnung auf eine Perspektive für die Kinder. Doch die Mutter kam zurück. Sie nahm der Tante die Kinder weg und brachte sie zu ihrer Mutter. Über den Verbleib der Mädchen ist den Mitarbeitern von BuKi nichts mehr bekannt. Stefan Zell befürchtet nichts Gutes: „Das wird jetzt ähnlich chaotisch sein“. Damit endet für ihn die Geschichte um die drei Mädchen vorläufig ohne Happy End.

Ein „Riesenthema“

Es ist ein extremer Einzelfall. Aber für Stefan Zell ist klar: „Das ist ein Riesenthema.“ Der Vereinsvorsitzende weiß es von Tagungen. Bereits 2010 lenkte die Caritas den Blick auf diese „unsichtbaren Opfer“ der Arbeitsmigration aus Osteuropas. Spiegel online berichtete im Juni 2019 unter Berufung auf verschiedene offizielle Statistiken, dass „derzeit bei zwischen 95 000 und 160 000 Kindern in Rumänien mindestens ein Elternteil im Ausland“ lebt. Behörden gehen allerdings davon aus, dass die tatsächliche Zahl viel höher liegt. Von 350 000 ist die Rede.

Stefan Zell möchte mit BuKi Ideen für diese verlassenen Kinder in Cidreag entwickeln. „Wir brauchen etwas, um solche Kinder bei uns aufzufangen.“ Noch sind solche Visionen nicht konkret. Aber für das BuKi-Haus in Cidreag steht in nächster Zeit ein Umbau an, der den auf Spenden angewiesenen Verein schultern möchte. „Dann dürfte diese Idee ganz schnell konkret werden“, sagt der BuKi-Vorsitzende.

Leser der Schwäbischen Zeitung können die Projekte von BuKi in Rumänien im Rahmen der Spendenaktion „Helfen bringt Freude“ unterstützen. Und so funktioniert das: 

Seit dem Jahr 2013 bittet die „Schwäbische Zeitung“ ihre Leser in der Advents- und Weihnachtszeit um Spenden für Menschen auf der Schattenseite des Lebens. Im Video erklären wir, wo die Spenden eingesetzt werden.
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