Apotheker entschärfen Medikamenten-Mix im Haus

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Apothekerin Tatjana Buck zeigt die Athina-Tasche. Mit beginnt ihr die Beratung in Sachen Medikamente.
Apothekerin Tatjana Buck zeigt die Athina-Tasche. Mit beginnt ihr die Beratung in Sachen Medikamente. (Foto: Rudi Multer)
Schwäbische Zeitung
stellv. Redaktionsleiter

Im Rahmen eines Projekts der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg nehmen Apotheker die Medikamente im heimischen Medikamentenschrank unter die Lupe – natürlich nur bei denjenigen Patienten, die ihren Schrank auch freiwillig öffnen. Nötig wäre das in vielen Fällen, weiß die Bad Saulgauer Apothekerin Tatjana Buck. Denn der angesammelte Medikamenten-Mix kann die Wirkung der einzelnen Medikamente verringern oder verstärken. Im Extremfall kann die falsche Einnahme zu bedenklichen Nebenwirkungen führen. Die Bad Saulgauer Apothekerin nimmt seit 1. April zusammen mit ihrem Mann, dem Apotheker Martin Buck, an diesem Pilotprojekt teil. Sie bieten Beratungen unter dem Titel „Arzneimittel-Therapiesicherheit in Apotheken“, abgekürzt „Athina“, in der Stadtapotheke in Bad Buchau und in der Vital-Apotheke in Bad Saulgau an.

Eine Papiertasche mit der Aufschrift „Athina“ steht am Anfang der Beratungsphase in der Apotheke. In die Tasche sollen die Patienten alle Medikamente legen, die sie regelmäßig einnehmen. Hinein gehören die vom Arzt verordneten und die in einer Apotheke ohne Rezept gekauften Medikamente. Arzneimittel aus Drogerie, dem Supermarkt und die übers Internet erstandenen sollen ebenfalls in die Tasche gelegt werden. Nahrungsergänzungsmittel wie beispielsweise Vitamine oder Mineralstoffe gehören ebenso dazu.

Da kann schön viel zusammen kommen, weiß Apothekerin Tatjana Buck. Laut Statistik nimmt ein Mensch schon im Alter von 65 Jahren täglich 3,1 verschiedene, vom Arzt verordnete Medikamente ein, im Alter von 80 Jahren steigt die Zahl auf 6,9. Die auf eigene Faust gekauften Arzneien und Nahrungsergänzungsmittel sind dabei noch nicht mitgezählt.

Dass es schwierig ist, in der privaten Medikamentensammlung den Überblick zu bewahren, gibt die Apothekerin zu. „Aufgrund von Rabattverträgen kann es sein, dass das gleiche Medikament einmal in einer roten, einmal in einer blauen Packung verkauft wird.“ Die Gefahr der doppelten Einnahme steigt.

Mix hat viele Ursachen

Es könne aber auch sein, dass nicht allein der Hausarzt ein Medikament gegen eine bestimmte Krankheit verschreibe. Wenn der Patient wegen der gleichen Beschwerden einen Facharzt aufsucht, gebe es wieder ein Rezept. Genommen werde dann oft beides. „Viele Patienten erzählen ihrem Arzt nicht, dass Sie beim Facharzt waren, weil sie nicht wollen, dass der Hausarzt beleidigt ist“, so Tatjana Buck.

Durch den Medikamenten-Mix und die falsche Einnahme steigt die Gefahr von Nebenwirkungen. Tatjana Buck weiß von einem Diabetes-Kranken, der sich bei einem bestimmten Zuckerwert eine viel zu hohe Dosis Insulin spritzte. Das sei gefährlich. Die Gefahr von Phasen mit Unterzucker nehme zu. Vor allem durch lange Phasen mit Unterzucker steige bei Diabetes-Kranken die Gefahr von Langzeitschäden. Harmlose Nahrungsergänzungsmittel können die Wirkung von Medikamenten beeinflussen. Calcium- und Zink-Präparate reduzierten etwa die Wirkung von bestimmten Schilddrüsenmedikamenten.

Beratung steht im Vordergrund

Bei Athina steht die Beratung im Vordergrund. Nach einem ersten Termin, bei dem Apotheker und Patient den Inhalt der Athina-Tüte besprechen, bekommt der Patient beim zweiten Termin einen exakten Medikationsplan und Informationen rund um die einzunehmenden Medikamente. „Wir möchten dabei den Patienten mit ins Boot holen“, sagt Tatjana Buck. Wer als Apotheker am Athina-Projekt teilnehmen möchte, muss eine zweitägige Ausbildung absolvieren. Tatjana Buck ist sogar eine von neun Tutoren des Projekts im Bereich der Landesapothekerkammer. Sie kann bei Patientengesprächen im Bedarfsfall als weitere Fachfrau hinzugezogen werden.

Finanzierung durch Kammer

Den Wert einer Beratung beziffert die Landesapothekerkammer in ihrer Pressemitteilung mit 69 Euro. Während der Pilotphase ist die Beratung aber gratis. Die Landesapothekenkammer übernimmt die Kosten.

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