Adel und Kirche lassen Kunst in den Donaustädten aufblühen

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 Ministerpräsident kommt überraschend zur Vernisssage ins Alte Kloster (von links): Professor Winfried Aßfalg, Riedlingen, Gerli
Ministerpräsident kommt überraschend zur Vernisssage ins Alte Kloster (von links): Professor Winfried Aßfalg, Riedlingen, Gerlinde Kretschmann, Bürgermeisterin Doris Schröter und Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Foto: Monika Fischer)
Monika Fischer

Die Bad Saulgauer Galerie Fähre leistet einen weiteren Beitrag zum Jubiläum 1200 Jahre Bad Saulgau. Dazu hat Kulturamtsleiter Andreas Ruess eine Ausstellung konzipiert, die auf die gemeinsame Geschichte der Donaustädte Mengen, Munderkingen, Riedlingen Saulgau und Waldsee zurückgreift und deren Kunstszene im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert beleuchtet. Zur Vernissage kamen Kunstfreunde aus der ganzen Region, darunter auch Winfried Kretschmann und seine Frau Gerlinde. Die Freiburger Kunsthistorikerin Dr. Julia Fischer führte kompetent in die Ausstellung ein, den barocken musikalischen Rahmen setzten zwei hervorragende junge Musiker. Die Geigerin Lavinia Lutz interpretierte das Moderato aus der Fantasie Nr. 12 von Georg Philipp Telemann und der Pianist Daniel Ostermaier eine Toccata und Fuge von Johann Sebastian Bach.

Auch wenn Mengen und Saulgau nicht direkt an der Donau liegen, so bildeten die Kommunen doch zusammen mit Munderkingen, Riedlingen und Waldsee einen Städtebund, den man, so Bürgermeisterin Doris Schröter in ihrem Willkommensgruß, heute als „interkommunalen Interessenverband“ bezeichnen würde. Doris Schröter zeigte sich erstaunt, wie viele arrivierte Künstler allein im 18. Jahrhundert in unserer Gegend beheimatete waren.

Der Ausstellungsflyer listet allein 22 Namen von Malern und Bildhauern auf, deren Werke, entsprechend ihrer Herkunft, in den einzelnen Galerieräumen hängen. Im ersten Teil ihrer Ausführungen ging Julia Fischer auf die Arbeitsbedingungen der Künstler bis Mitte des 18. Jahrhunderts ein. Diese lassen sich mit dem Satz „Wo viele Auftraggeber, da viele Aufträge“ zusammenfassen. Tatsächlich waren sämtliche Kunstwerke Auftragsarbeiten, die im katholischen Oberschwaben überwiegend von der Kirche oder den verschiedenen Klöstern geordert wurden. Da die Donaustädte von Klosterarealen umgeben waren, flossen die Aufträge, und nicht nur die renommierten, sondern auch durchschnittliche Künstler hatten ein gutes Auskommen. Das änderte sich mit dem Amtsantritt des österreichischen Kaisers Joseph II, der ab 1782 in seinem absolutistisch geprägten Reformeifer eine große Zahl von Klöstern schließen ließ. Die restlichen fielen der 1803 der Säkularisation zum Opfer.

Damit fehlten die wichtigen kirchlichen Auftraggeber, die Künstler mussten sich neu orientieren und auf andere Bildthemen einstellen. Jetzt kamen die Aufträge aus dem Adel und dem wohlhabenden Bürgertum, wo anstelle religiöser Motive Portraits, Landschaftsmotive und Historiengemälde gefragt waren. Weil sie in der Nähe ihrer Wohnsitze keine Arbeit mehr fanden, nahmen manche Künstler teils weite Reisen in Kauf. Einige Mitglieder der Saulgauer Künstlerfamilie Meßmer behielten zwar ihren Wohnort bei, pendelten aber in die Schweiz, wo es noch Aufträge für die Ausgestaltung von Kirchen gab. Andere verließen die Heimat und suchten sich eine neue Bleibe. Der Mengener Maler Johann Georg Volmar etwa verlegte seinen Lebensmittelpunkt ganz in die Schweiz, wo er sich mit Portraits, Landschaftsstudien und der Darstellung volkstümlicher Trachten einen guten Namen machte. Louis Lang aus Waldsee trieb es sogar nach Amerika, wo er vor allem in New York als Künstler gefeiert wurde.

Ihr Augenmerk widmete Julia Fischer auch der Struktur von Künstlerfamilien. So folgten viele Söhne dem Vorbild des Vaters und übernahmen dessen Werkstatt, wie dies in der Saulgauer Familie Meßmer Tradition war. Andere Söhne, wie die der Waldseer Künstlerfamilie Zürn. gründeten fern der Heimat eine Existenz oder heirateten in eine Künstlerwerkstatt ein. Wer die hervorragend kuratierte Ausstellung besucht, hat Gelegenheit, die bekanntesten Maler und Bildhauer des 18. Jahrhunderts, die in der Region gewirkt haben, an einem Ort versammelt zu finden. Das erlaubt reizvolle Vergleiche und macht Lust, Bezügen zur Heimat der Künstler oder zum eigenen Wohnort nachzuspüren.

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