2019: Geburtenrekord im Krankenhaus

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 Jaron war das Baby Nummer 596 im Krankenhaus Bad Saulgau im Jahr 2019. Stolz ist die große Schwester Mailin auf ihren Bruder. J
Jaron war das Baby Nummer 596 im Krankenhaus Bad Saulgau im Jahr 2019. Stolz ist die große Schwester Mailin auf ihren Bruder. Joah Liam ist das erste Baby des Jahres 2020 im Krankenhaus. (Foto: Fotos: Anita Metzler-Mikuteit)
Anita Metzler-Mikuteit

Stolze 596 Geburten hat es im Jahr 2019 am Bad Saulgauer Krankenhaus gegeben. Das sind 61 mehr als im Jahr zuvor. Bei der Namensgebung gab es auch diesmal wieder Favoriten. Während bei den Buben David, Paul, Moritz oder Louis ganz vorne lagen, nahm Greta bei den Mädchen einen Spitzenplatz ein. Dicht gefolgt von Louisa, Emilia oder Romy.

Egal, wie die kleinen Erdenbürger heißen: Nach zwei Tagen müssen sie mit ihren Mamis das Krankenhaus wieder verlassen. War ein Kaiserschnitt nötig, sind es drei Tage. Vor der neuen Regelung, die seit einem guten halben Jahr gilt, waren Mutter und Kind eine knappe Woche in der Obhut des Stationspersonals. In diesen zwei Tagen muss das gesamte Programm relativ stramm über die Bühne gehen, wie etwa die vorgeschriebenen Untersuchungen oder die Einweisung in der Pflege des Säuglings.

Eine ähnlich hohe Geburtenzahl wie 2019 – nämlich 674 – gab es letztmals im Jahr 1991. Es sind nicht nur die geburtenstarken Jahrgänge, die jetzt zum Tragen kommen. Sondern auch der Umstand, dass die Neugeborenenstation am Krankenhaus Bad Saulgau einen guten Ruf genießt. „Die Frauen fühlen sich wohl hier in diesem kleinen familiären Umfeld“, sagt Stationsleiterin Brigitte Schiekel. Ob Riedlingen, Bad Schussenried, Inzigkofen, Altshausen oder Ostrach: Die Schwangeren kommen aus allen Himmelsrichtungen. Im Zuge der möglichen weiteren Klinikschließungen im Umfeld ist durchaus damit zu rechnen, dass die Zahl der Geburten in Bad Saulgau zukünftig weiter nach oben klettern wird. Eigentlich ein Grund zur Freude.

Doch die trübt sich bei genauer Betrachtung der Situation. Grund ist der drastische Hebammenmangel. „Wenn die Zahl der Geburten weiter nach oben geht, schaffen wir das bald nicht mehr“, sind sich Kathrin Solleder und Claudia Haller einig. Die Hebammen wissen, wovon sie reden. Leasing-Hebammen, also flexibel einsetzbare Hebammen über ein Leasing-Institut, wie man es von anderen Berufssparten kennt, sind längst unverzichtbar. Aktuell unterstützen zwei Hebammen aus Italien das Stammteam. Diese müssen zunächst das deutsche Anerkennungsverfahren durchlaufen, um langfristig hier arbeiten zu können. Junge, engagierte und fest angestellte Fachkräfte wünschen sich die beiden zuvorderst.

Parallel gab es, so Claudia Haller, im Jahr 2019 noch nie so viele Hebammen in Deutschland. Ihre Vermutung ist, dass „viele in die Wissenschaft gehen“. Zum einen wegen der besseren Bezahlung. Zum anderen sind dort die Arbeitszeiten attraktiver. Ein weiterer Punkt ist die Hebammenhaftpflichtversicherung, für die sie in aller Regel selbst tief in die eigene Tasche greifen müssen.

Neu geregelt ist ab diesem Jahr die Hebammen-Ausbildung. Sie wird gemäß einer EU-Richtlinie in Form eines dualen Studiums vollständig akademisiert. Ob das die Situation langfristig ändern wird, bleibt abzuwarten. Claudia Maier-Weiss, ebenfalls seit Jahrzehnten als Hebamme tätig, ist da eher skeptisch.

Sie beobachtet schon lange, wie Kolleginnen in benachbarte Länder abwandern. Weil sie dort nicht selten das Doppelte verdienen. Sie kritisiert nicht nur den Hebammenverband, der „viel zu wenig macht“, sondern vor allem die verantwortlichen Politiker im Gesundheits- und Sozialbereich, die kein Interesse erkennen lassen, an der prekären Situation etwas zu ändern. Maier-Weiss betont nicht zuletzt die hohe Verantwortung, die Hebammen tagtäglich tragen. „Es geht immer um zwei Menschenleben“, sagt sie.

Mit Sorge beobachtet das Team die Zentralisierung der Kliniken bundesweit. Weil dadurch nicht zuletzt die Anfahrtswege der Schwangeren länger werden. Und deren umfängliche Versorgung zunehmend darunter leidet. „Umso mehr genießen die Frauen die Atmosphäre hier bei uns“, sind sich die Fachkräfte am Krankenhaus Bad Saulgau einig. Und freuen sich über entsprechende Rückmeldungen von jungen Müttern. Wie etwa die, dass „ich sogar aus dem Kongo anreisen würde, um hier mein Kind zur Welt bringen zu können“. Bei all den zunehmend schwierigen Gegebenheiten, und darunter fällt nicht zuletzt auch die überbordende Dokumentationspflicht, die „von der eigentlichen Arbeit abhält“, freut sich Brigitte Schiekel etwa darüber, dass zwei Kinderärzte aus Bad Saulgau regelmäßig vor Ort sind, um die U2-Untersuchungen durchzuführen. Von grundlegender Bedeutung, darüber sind sich alle einig, ist das stimmige und wertschätzende Miteinander im gesamten Team. Das gibt Kraft für alles, was ansteht in den kommenden Jahren.

Nicht aufgegeben wird unter anderem die Hoffnung darauf, dass auf der Station im Kranknehaus endlich Renovierungsarbeiten umgesetzt werden. Angekündigt wurden sie schon mehrmals.

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