Wolpertswende ist nicht reich, aber glücklich

Lesedauer: 7 Min
 Bürgermeister Daniel Steine beim Bürgerempfang.
Bürgermeister Daniel Steine beim Bürgerempfang. (Foto: Adelinde Schwegler)
Adelinde Schwegler

Hat es am Coronavirus oder am schönen Wetter gelegen, dass beim fünften Bürgerempfang der Gemeinde Wolpertswende ein paar Stühle in der örtlichen Panoramahalle frei geblieben sind? Angesichts der jüngsten Schlagzeilen, so Wolpertswendes Bürgermeister Daniel Steiner, „wäre es sicher besser gewesen unseren Bürgerempfang als Neujahrsempfang im Januar zu gestalten“ als die Pandemie noch kein Thema war. Doch die weltbedrohende Gefahr sollte an diesem Sonntagmorgen nicht den Blick auf die lokalen Begebenheiten verstellten: Und so zeigte das Bild einer nicht begüterten, aber dennoch prosperierenden und lebensfrohen Gemeinde.

In den vergangenen fünf Jahren gab es regelmäßig mehr Geburten als Sterbefälle und mehr Zu- als Wegzüge. 4182 Einwohner (Stand 31. Dezember 2019) zählt die Gemeinde Wolpertswende inzwischen, 19 mehr als im Vorjahr. „Wohnraumsuche und Wohnraumdruck sind nach wie vor unbändig groß“, spricht der Bürgermeister das stete Bemühen um Bauland an.

Weißstorch durchkreuzt Planungen

Für das Baugebiet „Am Brunnenweg“ in Mochenwangen soll im März noch der Erschließungsbeschluss gefasst und im Herbst die Dinge soweit sein, dass der Gemeinderat Grundstückspreis und Vergabemodalitäten festsetzen kann. Es geht hier um 35 Grundstücke, auf welche Bauwillige so lange warten mussten, weil der Weißstorch den ersten Planungen in die Quere geflogen ist.

In der „Burggasse“ in Wolpertswende gab es eine Baulandvermehrung von ursprünglich einem Hektar auf rund 4,5 Hektar, die nach dem Beschleunigungsbauparagrafen 13b Baugesetzbuch genutzt werden könnten, sobald für eine Streuobstwiese sowie für Probleme mit Schmutz- und Regenwasser Lösungen da sind. Der Schultes rechnet hier mit einer Grundstücksvergabe im Jahr 2021.

Papierfabrikareal war Thema

Und dann ist natürlich das Papierfabrikareal Thema. „Ich stelle mir auch weiterhin vor, dass wir Wohnen und Gewerbe an diesem Standort verwirklichen können“, sagt Bürgermeister Steiner, „wohnen allein schon wegen des Wohnraumdrucks und Gewerbe als Kompensation für die 200 verlorenen Arbeitsplätze“. Noch würden Bestandsaufnahmen und erste Flächenüberlegungen laufen, insgesamt rechne der neue Eigentümer, die Schussental Baupartner, für die Umsetzung des Projekts zehn bis 15 Jahre (die SZ hat auch darüber berichtet).

Hohe Priorität haben im Wolpertswender Rathaus die Menschen am Anfang und Ende der Alterspyramide: Es sollen, wie vor einem Jahr schon angekündigt, das „Haus der Kleinen Strolche“ für 1,1 Millionen Euro erweitert werden und auf dem Areal des ehemaligen Kindergartens Mariengart betreutes Wohnen entstehen. „So etwas fehlt noch gänzlich in unserer Gemeinde – und das wollen wir nun ändern“, sagt der Schultes, „weitere Informationen gibt es in den nächsten Wochen“.

Für den Ausbau der Kinderbetreuung sind die Pläne schon konkreter, nachdem man sich bereits mit einer sechsten Notgruppe im Kinderhaus selbst und einer Interimsgruppe im Gemeindehaus St. Lukas behilft. Die Bauarbeiten sind ausgeschrieben, die Kosten liegen bei rund 1,1 Millionen Euro (dazu gibt es 50 Prozent Zuschuss) und im November soll das Ganze fertig sein. Nicht fertig, sondern im Anlaufen sind im Rathaus die Überlegungen, wie angesichts Zuzug und Geburtenentwicklung künftigen Engpässen zu begegnen und in diesem Zusammenhang Lösungen im Schulareal gefunden werden könnten.

Gebäude der Gemeinde müssen modernisiert werden

Friedhofsanierung Wolpertswende, nachhaltige Schulhofgestaltung, Breitbandausbau und Glasfaser an jedes Haus sowie die „Engetei“ und damit notwendige Umstrukturierungen im Rathaus seien nur ein paar der Themen aus dem Katalog, welche Rat und Verwaltung heuer angehen wollen und müssen. „Von zentraler Bedeutung ist, wie wir uns als Gemeinde mit unseren weiteren Gebäuden aufstellen wollen: Festhalle Mochenwangen, Feuerwehrhäuser und vieles mehr harrt darauf, auf den Stand der Technik beziehungsweise modernisiert zu werden.

Das alles kostet Geld. Um Lebensqualität, Vorsorge und Perspektive bemüht, geht die Gemeinde heute schon an ihre finanziellen Grenzen. Kurz machte Steiner seine Zuhörer bekannt mit in den Rathäusern neu anzuwendenden Haushaltsplanung, kurz „Doppik“. Ergebnis: Um den Etat für 2020 umzusetzen fehlen der Kommune über 3,5 Millionen Euro, die sie je hälftig aus ihren liquiden Mitteln und Darlehen holen muss (über die Haushaltsberatung hat SZ berichtet).

Personal soll eingespart werden

„Unsere Haushaltslage ist alles andere als amüsant“, resümiert Steiner. Da könnte Personaleinsparung im Rahmen intensiverer kommunaler Zusammenarbeit helfen. In einem Fall funktioniert das schon: Die Baurechtsplanung haben Wolpertswende und die Nachbargemeinde Fronreute 2019 zusammengelegt, heuer wird die Zusammenarbeit der beiden Baurechtsämter folgen.

Dankbar äußerte sich Bürgermerister Steiner über Einsatzbereitschaft und Kollegialität seiner Rathausmannschaft sowie der Unterstützung des Gemeinderats. Erfreut zeigte er sich über den Besuch der Abgeordneten Benjamin Strasser (Bundestag) und August Schuler (Landtag) sowie von Bürgermeister Günter A. Binder aus Baienfurt sowie Peter Häring.

Viel zu kurz in seiner langen Rede, so bedauerte Steiner am Ende, sei „unser breit aufgestelltes Ehrenamt in unserer Gemeinde“ gekommen. Zwei Gruppierungen davon können in diesem Jahr jubilieren: Der Sportverein Mochenwangen feiert im Juli sein Hundertjähriges. Und auch der Musikverein Wolpertswende mit Dirigent Michael Roth wird sein Fest im Mai feiern und hat mit der musikalischen Begleitung beim Bürgerempfang bereits eine Kostprobe seines Schaffens und Könnens gegeben.

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen