Biogas-Wärme für Schule und bald 34 Wohnhäuser

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 Biogas-Produzent Hermann Müller vor einem der dröhnenden Motoren, die an Schiffsdiesel erinnern und Generatoren zur Stromerzeug
Biogas-Produzent Hermann Müller vor einem der dröhnenden Motoren, die an Schiffsdiesel erinnern und Generatoren zur Stromerzeugung antreiben, wobei auch Wärme entsteht. (Foto: Günter Peitz)
Günter Peitz

Biogas verbrennt klimaneutral und gehört zu den erneuerbaren Energiequellen wie Sonnen- und Windenergie sowie Wasserkraft. Allerdings wird Biogas zum erheblichen Teil aus der Vergärung von Mais gewonnen, dessen Anbau ökologisch umstritten ist. Andererseits kann Biogas im Unterschied zu Strom durch Sonnenenergie oder Wind gespeichert werden. Julian Aicher hat nun einen Film über das Thema gemacht. Darin taucht auch Hermann Müller aus Mochenwangen auf, der mit seiner Biogasanlage bereits die örtliche Schule und bald wohl auch noch ein Baugebiet mit Wärme versorgt.

Der Journalist, Buchautor, Filmemacher und ÖDP-Kreistagsabgeordnete Julian Aicher aus Leutkirch-Rotismühle, Inhaber eines Informations- und Organisationsbüros für regenerative Energien, der nebenbei ein Kleinwasserkraftwerk betreibt, setzt sich für Biogas ein, das im Landkreis Ravensburg einen relativ hohen Anteil an der Stromerzeugung habe, wie er sagt. „Biogas oberschwäbisch vergärt – Vielfalt für saubere Energie“ lautet der Titel eines Films, den er im Frühjahr mit Unterstützung des Fachverbands Biogas produziert hat. Das Filmteam hat verschiedene landwirtschaftliche Betriebe besucht, die – entweder aus Speiseresten oder aus grüner Biomasse – Biogas erzeugen, außerdem Erfinder und Hersteller von Anlagen, die dafür erforderlich sind.

Einer der Gesprächspartner war Landwirt Hermann Müller vom Kögelhof südlich von Mochenwangen. Der Familienbetrieb, den er und sein Bruder Norbert umtreiben, verfügt über 70 Hektar eigene Flächen und 90 zugepachtete Hektar.

Früher hat die Familie 50 Milchkühe gehalten und ab 2004 die anfallende Gülle in der Biogas-Anlage vergoren. Seit 2008 setzt sie voll auf die Erzeugung von Biogas aus pflanzlicher Biomasse. Diese besteht zu 40 Prozent aus Mais aus eigenem Anbau sowie aus Gras, „Schad-Getreide“ aus Missernten und Ganzpflanzensilage aus Getreidepflanzen. Auch Überschuss-Silage von anderen Landwirten wird verwendet sowie im Winter Futtergetreide, das es mit seiner hohen Energiedichte ermögliche, hohe Leistung zu fahren.

Der Kögelhof beliefert das Schulzentrum Mochenwangen seit 2007 über eine eineinhalb Kilometer lange Leitung mit Nahwärme. Zusätzlich soll eine geplante Neubausiedlung mit 35 Wohnhäusern damit versorgt werden. Der vom Hof erzeugte Strom, 5,3 Millionen Kilowattstunden im Jahr, werde flexibel je nach Bedarf ins allgemeine Stromnetz eingespeist. Das reicht für 5000 Menschen. Im Sommer, wenn der Strom- und Nahwärmebedarf geringer ist, werde die Leistung auf 400 Kilowattstunden heruntergefahren, im Winter jedoch, wenn mehr Strom und Wärme benötigt werden, Wind und Sonne allerdings weniger liefern, auf 1000 Kilowattstunden gesteigert, erklärt Hermann Müller.

„Biogas funktioniert wie ein Kuhmagen“, sagt Müller bei einem Rundgang durch seine Anlagen. „Eine Biogasanlage ist der Nachbau eines Kuhmagens.“ Die gleichen Bakterien, die der Kuh beim Verdauen helfen, seien auch in dem Behälter am Werk, in dem ein Rührwerk eine Masse bewegt, die an dicke Spinatsuppe erinnert und aus der Gasblasen blubbern. Durch ein Bullauge überwacht der Landwirt den Gärprozess. Die verschiedenen Bakterienstämme müssen im richtigen Verhältnis zueinander schaffen.

Dass der Mais als Rohstoff für die Biogas-Erzeugung umstritten ist, nicht zuletzt wegen des eintönigen Landschaftsbildes infolge dieser Monokultur, das ist Hermann Müller natürlich nicht unbekannt. „Wir leben alle auf dieser einen Erde und ernähren uns von 15 Zentimeter Humus. Deshalb sollten wir auf ihn achten und nachhaltig produzieren“, lautet seine Maxime. Und er fügt hinzu: „Es ist so viel Leben im Boden. Man muss es nur füttern.“

Sein wichtigster Verbündeter ist dabei der Regenwurm, von dem er geradezu mit Hochachtung spricht. Wenn das Getreide geerntet ist, lasse er den Acker nie brach liegen, sondern bewirtschafte ihn im Spätsommer und Herbst mit dem blühenden Kleegras und anderen Pflanzensorten, die der Bodenfruchtbarkeit guttun. „Der Mais hat positive und negative Seiten“, sagt Müller. Der Gegenspieler ist nach seinen Worten nach der Ernte die rasche Begrünung, damit wieder schnell Bewuchs aufkommt und die Flächen nicht brach liegen und ungeschützt Sonne, Wind und Wetter mit allen negativen Folgen ausgesetzt sind.

Eine wichtige Rolle spielt die „Durchwachsene Silphie“, eine bienenverträgliche Energiepflanze, die gelb blüht, bis zu drei Meter hoch wird und ähnlich wie Energie-Mais eine Biogas-Ausbeute verspricht. Sie wächst auch auf sehr schlechten Böden gut. Imker mögen sie. Einer hat Hermann Müller einige Bienenvölker gebracht, weil die Apfelblüte heuer zu kurz war. Hermann Müller schließt nicht aus, dass er auch wieder von anderen Landwirten zugelieferte Gülle vergären würde, wenn der Gesetzgeber unbürokratisch dafür sorge, dass sich das rechnet.

Als Vortragender in Sachen Biogas ist Hermann Müller gefragt, wird aber auch selbst immer wieder zum Lernenden, einmal jährlich bei einer Tagung des Fachverbands Biogas in der Bauernschule Bad Waldsee. „Biogas ist etwas Positives. Aber es kommt darauf an, wie man es macht“, fasst Hermann Müller zusammen. Die Anlagen, in denen es erzeugt wird, müssten technisch auf dem neuesten Stand sein. Biogas dürfe nicht in die Luft entweichen, denn das darin enthaltene Methan, das bei der Verbrennung die Energie für die Motoren liefert, die die Generatoren antreiben, würden eine 25- bis 30-mal stärkere aufheizende Wirkung auf das Klima entwickeln als CO2. Wenn bei der Gaserzeugung anfallende Gülle in Fließgewässer gelangt, könne das zu Fischsterben führen.

Die Motoren auf dem Kögelhof erinnern an mittlere Schiffsdiesel und entwickeln einen beträchtlichen Lärm, der aber nicht nach draußen dringt. Billig sind sie nicht zu haben: Eine halbe Million Euro pro Spezialcontainer mit entsprechender Schalldämmung, ein Motor, der mit Biogas angetrieben wird und ein Generator, der den Strom erzeugt, sind erforderlich – für einen bäuerlichen Familienbetrieb eine gewaltige Investition. Benötigt werden schließlich mehrere solcher Anlagen, um flexibel Strom produzieren zu können.

Die zuständige Genehmigungs- und Kontrollbehörde für die Anlage (aber auch Konkurrent, wie Julian Aicher anmerkt) ist das Landratsamt Ravensburg. Der Kreis ist über die Oberschwäbischen Elektrizitätswerke (OEW) am Stromerzeuger EnBW beteiligt. Gleichwohl berichtet Hermann Müller von einem „guten Miteinander“ mit der Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde.

Biogas hat laut Müller Zukunft. Die sehe er nicht zuletzt in der stärkeren Wärmenutzung. Zukunftsplanung sei bei ihm unter anderem ein großer Wärmespeicher mit einem Fassungsvermögen von ein bis zwei Millionen Liter Wasser. „Photovoltaik macht günstigen Strom, aber nicht so verlässlich. Biogas macht Strom verlässlich, aber nicht so günstig.“ Ein Gegeneinander der erneuerbaren Energien sieht der Landwirt nicht, vielmehr ein Miteinander der verschiedenen erneuerbaren Energiequellen, damit die Energiewende gelingt.

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