Aus geometrischen Formen werden Gegenstände

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 Der Künstler Johannes Braig (links), Laudator Herbert Köhler und Gerhard Hillmayr vom Kunstverein Alte Kirche Mochenwangen bei
Der Künstler Johannes Braig (links), Laudator Herbert Köhler und Gerhard Hillmayr vom Kunstverein Alte Kirche Mochenwangen bei der Vernissage in der Alten Kirche; dahinter sind die Werke „reclining-01-1018“ und „reclining-03-1018 (Klimt)“ zu sehen. (Foto: Dorothee L. Schaefer)
Dorothee L. Schaefer

Eine heilige Anzahl von Arbeiten, nämlich 33 Werke des Stuttgarter Künstlers Johannes Braig ist für kurze Zeit in der Alten Kirche in Mochenwangen ausgestellt. Für die überwiegend schwarzgrundigen Großformate in Acryl auf Leinwand bietet der untere Raum einen geräumigen Hintergrund, für die mittleren und kleinen Formate ist auf der Empore Platz.

Aber warum läuft die Ausstellung nur so kurz? Auf Nachfrage erklären Viktoria Roth und Gerhard Hillmayr vom Förderverein Alte Kirche – der Verein organisiert Ausstellungen, Theateraufführungen und Konzerte in dem der Gemeinde Mochenwangen gehörenden, gut restaurierten und umgenutzten Sakralbau –, es sei wegen verschiedener anderer Veranstaltungen diesmal nur ein kleiner Zeitraum möglich. Dennoch: für ganze acht Stunden der große Aufwand, das lässt die Besucher doch etwas ratlos, zumal eine erfreulich gut besuchte Vernissage schon ein konstantes Interesse anzeigte. Die Eröffnung lohnte sich auch aus mehreren Gründen: eine schwungvolle Einführung von Herbert Köhler, die Anwesenheit des in Stuttgart lebenden Künstlers und eine beeindruckende Musikaufführung des Cellisten Bernd Winkler. Der am Bodensee lebende Musiker spielte zum Abschluss der Vernissage „Three Pieces – Music for Violoncello“ des Komponisten Paul Ben-Haim, der 1897 als Paul Frankenburger in München geboren wurde, 1933 nach Palästina emigrierte und ab 1948 bis zum seinem Tod 1984 israelischer Bürger war. Ein wunderbares Instrument erklang da, von Winkler konzentriert in verschiedensten Techniken – vom Legato zu Pizzicato und Martelé - zum Klingen gebracht, sonores Volumen und auch sehr hohe, diffuse Töne in den kurzen, überwiegend meditativen und melancholischen Kompositionen.

Vorher hatte Herbert Köhler durch viele kunsthistorische Verweise zur Betrachtung der Werke von Johannes Braig angeregt. Zunächst: alle hier ausgestellten stammen von 2018 (unten) und 2019 (oben) und alle gehören zu einer Serie „reclining“, bis auf acht Zeichnungen mit Faserstift auf Transparentpapier sind alles Acrylarbeiten auf schwarzer Leinwand. Diese ist so fein und so glatt gespannt, dass sie haptisch kaum mitspricht. Den Titel der Reihe erläuterte Köhler aus dem Bezug zu Henry Moores liegenden Frauenakten, deren Gestik er in den Großformaten wiederholt sieht, andere erinnerten Köhler an den Manieristen Arcimboldo.

Einige der Arbeiten sind Künstlern der Jahrhundertwende wie Klimt und der klassischen Moderne wie Kandinsky oder Klee zugeeignet, aber eigentlich, so meint der humorbegabte Johannes Braig selbst im Gespräch, ist der Betrachter frei in seiner Deutung. Wenn auch für ihn die Beschäftigung mit dem Akt in der Kunstgeschichte ein Dauerthema bleibt, so könnte man genauso leicht in dem Gemälde in der Chornische („reclining Klee“) eine bunte Lokomotive sehen, über der links oben ein Gesicht mit weit aufgerissenen Augen erscheint. Alle diese Gemälde sind zusammen gesetzt aus einer lockeren Reihung von zentrierten geometrischen Formen – meist kreisrund, mal quadratisch, mal rechteckig, sind sie oft donutähnlich, mal wirken sie wie geschmolzene Glastropfen in ihrer lodernd starken Farbigkeit, dann wieder wie ein Schaltkreis oder in zart lasierendem Auftrag in Weiß wie blubbernde Seifenblasen, Quallen oder Laich vor dem tiefen Grund schwarzen Wassers.

Die Delikatesse der Farben wird durch matt glänzendes Gold, partiell verdünnt aufgetragen, noch erhöht. Das Spiel zwischen Abstraktion und inhärenter Figur, die sich in wenigen Gemälden tatsächlich gestisch herausschält, ist faszinierend, dabei ist das Außenformat unerheblich. Auch in den Kleinformaten gibt es sowohl starke Dynamik wie auch stilllebenhafte Ruhe.

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