Von der Moderne zurück zur Spätromantik

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 Kurz vor dem Trio von Ravel noch ein Moment der aufeinander gerichteten Konzentration: Konrad Elser am Flügel, der Violinist Wi
Kurz vor dem Trio von Ravel noch ein Moment der aufeinander gerichteten Konzentration: Konrad Elser am Flügel, der Violinist Winfried Rademacher und die Cellistin Susanne Eychmüller. (Foto: Dorthee L. Schaefer)
Dorothee L. Schaefer

Wenn das Jahr zu Ende geht, beginnt die Wintermusik in Wolfegg. Und immer merkt man den zahlreichen Gästen der ausverkauften Konzerte die Vorfreude auf einen Kammermusikabend im intimen Rahmen an. Was gäbe es auch Besseres zu tun, als ein Jahr mit guter Musik zu beenden und das Neue Jahr damit zu begrüßen?

Die Wolfegger Wintermusik sei für die nächste Zeit gesichert, sagte Inge-Susann Römhild, in ihrer kurzen Ansprache zum ersten Silvesterkonzert und bedankte sich beim treuen und musikbegeisterten Publikum in der Alten Pfarr. Immer wieder kommen neue Gäste zur Wintermusik, aber es gibt tatsächlich ein Stammpublikum, das seit mehr als 30 Jahren den Weg zwischen Silvester und Dreikönig ins meist winterliche Wolfegg findet. Diesmal allerdings herrschten milde Temperaturen, so dass der leichte Regen keine Gefahr darstellte.

Außergewöhnlich war das Programm. Zunächst zwei Klassiker der Moderne aus Ungarn: György Kurtág und György Ligeti mit zwei Stücken für Klavier zu vier Händen, was Römhild und Konrad Elser die Gelegenheit für ein schönes Duo bot. Zwar bleibt Kurtágs Bearbeitung von Bachs „Sonatina“ BWV 106 „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“, welche die instrumentale Einleitung mit Blockflöten, Gamben und Orgel zur Kantate „Actus tragicus“ von 1707 darstellt, ganz nahe bei Bach. Aber in der Art der Stimmenverteilung auf die vier Hände und der Art der Verzierungen wird die Komposition in die Moderne transponiert. Sie gehört zu den Stücken, die der 1926 geborene Komponist für sich und seine Frau Márta, die ebenfalls Pianistin ist, zum vierhändigen Klavierspiel bearbeitete. Danach ein heiteres Stück des fast gleichaltrigen Ligeti (1923-2006), die „Sonatina“ von 1950 in drei kurzen prägnanten Sätzen. Das Allegro mit einem Ragtime-Schwung, stark rhythmisiert, das Andante mit einem Seitenblick auf die französische Kammermusik an der Wende zum 20. Jahrhundert und ein Vivace mit Anklängen an ungarische Tanzrhythmen. Das machte Freude und gefiel überaus.

Danach das Trio a-moll für Klavier, Violine und Violoncello von Maurice Ravel, 1914 komponiert und mit vier Sätzen, von denen der zweite sogleich wegen seiner Tempiangabe „Pantoum, assez vif“ ins Auge fiel. Das sorgfältig gemachte Programmheft erklärte diesen Begriff als ein Versmaß aus der malayischen Poesie, das auch Charles Baudelaire verwendet habe. Dies allein schon, aber auch die anderen Sätze, „Modéré“ zu Beginn oder die „Passacaille“ mit ihrem Schreit-Motiv und ihren kantablen Bögen oder das flirrende Finale, der modernste Teil der Komposition, verlangten dem Trio hohe Präzision und eine breit gefächerte Musikalität ab.

Für das Streicherensemble, das sich schon seit vielen Jahren aus Winfried Rademacher und Isabel Trautwein (1. und 2. Violine), Susanne Eychmüller (Cello) und Barbara Doll (Viola) zusammensetzt, war dann nach der Pause Smetanas Quartett Nr. 1 in e-moll „Aus meinem Leben“ in vier Sätzen quasi eine 'leichte Übung'. Denn ob es in seiner Ausdeutung zum Beispiel des zweiten Satzes „alla Polka“, in dem alle die Komik einer leicht schräg verzogenen Tonfolge – so als würde ein ziemlich müdes Tanzpaar dazu schwoofen – hörbar machten oder ob den dritten Satz das Cello mit den allertiefsten Tönen einleitete – immer war die tiefe Vertrautheit des Ensembles mit dieser Musik zu hören und zu empfinden. Und das beglückte wohl jeden Anwesenden.

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