Blühende Romantik bei den Internationalen Wolfegger Konzerten

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Dirigent Manfred Honeck bei der Konzertprobe.
Dirigent Manfred Honeck bei der Konzertprobe. (Foto: Roland Rasemann)
Katharina von Glasenapp

Der musikalischen Romantik verpflichtet waren die diesjährigen 27. Internationalen Wolfegger Konzerte unter der künstlerischen Leitung des Vorarlberger Dirigenten Manfred Honeck. Stellte sich beim Preisträgerkonzert in der Alten Pfarr am Freitagabend der Südtiroler Bariton Andrè Schuen gemeinsam mit seinem Klavierpartner Daniel Heide vor, so tauchte man am Samstag im Rittersaal in die zauberische Welt von Edvard Griegs „Peer Gynt“ und Felix Mendelssohn-Bartholdys „Sommernachtstraum“.

Ihr Programm mit Robert Schumanns Liederkreis op. 24 nach Gedichten von Heinrich Heine, weiteren Heine-Vertonungen, den Harfner-Liedern von Hugo Wolf und den sechs Jedermann-Monologen von Frank Martin haben Andrè Schuen und Daniel Heide auch bereits auf CD eingespielt. Doch den hochgewachsenen, schlanken Sänger mit dem dunklen Haarschopf in seiner stets frischen Auseinandersetzung mit den Liedern und im Zusammenspiel mit seinem Pianisten zu erleben, ist sicher noch unmittelbarer. Ausgezeichnete Textdeutlichkeit, das Hineinleben in die bald euphorisch aufstrebende, bald melancholisch verschattete Geisteswelt von Schumann und Heine, die Fähigkeit, ins feinste Pianissimo zurückzukehren und ebenso fein dosiert kraftvoll aufzutrumpfen, machen den Südtiroler zu einem wunderbaren Liedinterpreten, der seinem Publikum Geschichten zu erzählen weiß.

Sind es bei Schumann kurze, in sich abgeschlossene Miniaturen, so zeichnen die Vertonungen der Harfner-Lieder aus Goethes „Wilhelm Meister“ die große Einsamkeit: Weite Atembögen und intensive Dynamik, synkopische Verschiebungen zwischen Stimme und Klavier, die dem Ganzen etwas unheimlich Schwebendes geben, und markante Spannungsklänge sind Wolfs musikalische Mittel, die die Künstler mit großer Selbstverständlichkeit ausbreiten.

Während sich hinter den gotischen Fenstern der Alten Pfarr dramaturgisch höchst gelungen ein Unwetter zusammenbraute, kündeten Andrè Schuen und Daniel Heide von den beklemmenden Gedanken, die den „Jedermann“ in Hugo von Hofmannsthals Schauspiel heimsuchen: Schicksal, Angst, unheilvolle Erinnerungen, zuletzt Einsicht und Glaubenskraft spiegeln sich im Text und in der Musik des Schweizer Komponisten Frank Martin. Die Künstler zeichneten mit dramatischer Ausdruckskraft souverän die Figur einer Autorität, die sich auflehnt und zerbricht. Bei den Zugaben kehrten sie zunächst zu Schumann zurück, um dann mit einer italienischen Romanze von Tosti eine ganz neue Seite aufzuschlagen: Hier wurde klar, dass Andrè Schuen auch auf der Opernbühne eine gute Figur macht, wurde er doch von keinem Geringeren als Nikolaus Harnoncourt gefördert. Die „Ultima canzone“ präsentierte er mit Charme, Wärme und Geschmack.

Im Reich der Zauberwelt

Zum ausverkauften Orchesterkonzert im prächtigen Rittersaal hatte Manfred Honeck mit der Neuen Kammerphilharmonie Wien erneut ein Ensemble von Musikern aus Wiener Orchestern und Studenten eingeladen: Honecks Handschrift ist eindeutig, vertraut und wie stets beeindruckend: schimmernd homogene Streicher, keck bewegliche Holzbläser, warmer Klang in den Hörnern, starke Dynamik vom fast verlöschenden Pianissimo zum effektvoll eingesetzten Fortissimo mit Blech und Beckenschlag. Die Peer Gynt-Suite von Edvard Grieg nach dem Schauspiel von Henrik Ibsen gehört mit den zarten Flötengirlanden in der „Morgenstimmung“, dem sanften Schwung von „Anitras Tanz“, dem schicksalsschweren Gewicht von „Åses Tod“ und dem unheimlichen Treiben von „In der Halle des Bergkönigs“ zum Bekanntesten, das der norwegische Romantiker geschaffen hat.

Die junge Schweizer Sopranistin Regula Mühlemann brachte dazu mit ihrer innig leuchtenden, lyrischen und warm abgerundeten Stimme vier weitere Lieder von Grieg, zu denen ihr Manfred Honeck mit dem Orchester einen farbenreichen Klangteppich unterlegte.

Nach der Pause überließen sich Musiker und Publikum der Zauberwelt von Puck, Elfenkönig Oberon, seiner Gattin Titania und den Handwerkern als Laienschauspielern: Im Shakespeare-Gedenkjahr und in zeitlicher Nachbarschaft zur Mittsommernacht musizierte Honeck mit dem Wiener Orchester, dazu mit Regula Mühlemann und Ruth Ziesak und den Frauenstimmen des Philharmonischen Chors München Mendelssohns gesamte Bühnenmusik zum „Sommernachtstraum“. Als Sprecher übernahm Manfred Kohrs aus Ravensburg die anspruchsvolle Aufgabe, die verschiedenen Rollen in Tonlage und Sprechduktus darzustellen – leider machte die Mikrofonverstärkung nicht immer mit und Kohrs hätte sicher noch mehr an Typologisierung wagen können. Doch im Zusammenwirken der so farbigen und duftigen Musik mit dem Spiel von Zauberschwur, Täuschung und Entzauberung erlebte man Shakespeares Meisterstück im Kleinen. Meistens hört man nur einzelne Teile der Bühnenmusik, die Nachtstimmung mit Hörnerklang, Holzbläserharmonien und wispernden Streichern nachzeichnet, doch in der Begleitung der Melodramen war noch einiges mehr zu entdecken.

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