Wahlkampf und Wahl: ein Versuch am Gymnasium in Wilhelmsdorf

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 Rund 400 Schüler des Gymnasiums Wilhelmsdorf verfolgten aufmerksam eine politische Diskussionsrunde in der Riedhalle. Auf dem P
Rund 400 Schüler des Gymnasiums Wilhelmsdorf verfolgten aufmerksam eine politische Diskussionsrunde in der Riedhalle. Auf dem Podium saßen Vertreter der Jugendorganisationen der im Bundestag vertretenen Parteien. (Foto: Herbert Guth)
Herbert Guth

Die Teilnehmer

Jusos: Maximilian Kremer (19 Jahre), Kreisvorsitzender Jusos Ravensburg, Mitglied im Kreisvorstand der SPD Ravensburg, Student

Junge Union: Jennifer Fetscher (19 Jahre), Vorsitzende CDU Berg, Beisitzerin des Vorstandes der JU Ravensburg

Junge Liberale: Marco Jedzig (24 Jahre), Kreisvorsitzender Junge Liberale Ravensburg und Bodensee, Student

Grüne Jugend: Franziska Scholz (19 Jahre), Sprecherin Grüne Jugend Bodensee und Vorstand der Grünen Bodensee, Studentin

Junge Alternative: Johannes Rausch (33 Jahre), Stellvertretender Landesvorsitzender Jungen Alternative Baden-Württemberg, Student

Linksjugend, Solid: Sander Frank (21 Jahre), Kreisvorsitzender Die LINKE / Linksjugend Solid Bodensee, Student (gt)

Rund 400 Schüler des Gymnasiums Wilhelmsdorf nahmen diese Woche an einer besonderen Veranstaltung zur politischen Willensbildung von Jugendlichen teil. Geboten wurde eine Podiumsdiskussion mit Vertretern der Jugendorganisationen der im Bundestag vertretenen Parteien. Vor und nach Ende der Gesprächsrunde konnten die Jugendlichen an einer Abstimmung mit Smartphone teilnehmen mit der Frage, welcher Partei sie ihre Stimme geben würden. Das Ergebnis kann als Überraschung gewertet werden.

Konzipiert wurde die zweieinhalbstündige Veranstaltung von Julia Gaal, die am Gymnasium in Wilhelmsdorf vor zwei Jahren ihr Abitur machte. Mit im Boot war der Ring politischer Jugend, der nach Referenten suchte. Johannes Baumann, Rektor des Wilhelmsdorfer Gymnasiums, äußerte sich begeistert über die Initiative seiner ehemaligen Schülerin sowie der aktiven Mitarbeit der Gymnasiasten an seiner Schule. Entsprechende Unterstützung gab es von Seiten der Schulleitung.

In den vergangenen 14 Tagen wurden von allen Schülern von der achten Klasse bis zum Abiturjahrgang Fragen gesammelt. Mitglieder der Schülermitverantwortung (SMV) sichteten das Material und stellten darauf aufbauend den Fragenkatalog für die Podiumsdiskussion zusammen. Julia Gaal nannte als Ziel des Projekts, das politische Interesse bei den Jugendlichen am Leben zu halten. „Außerdem wollen wir den Schülern vermitteln, sich mit den Parteien wirklich auseinanderzusetzen, mitzumischen und für ihre Werte zu streiten, bevor sie zu einer Wahl gehen.“

Bevor die Diskussionsrunde begann, sprachen die beiden Bundestagsabgeordneten Axel Müller (CDU) und Agnieszka Brugger (Bündnis 90/ Die Grünen) Grußworte. Beide zeigten sich über das große Interesse der Schüler an politischen Themen begeistert. Äußeres Zeichen dafür war für beide Volksvertreter die beeindruckende Präsenz von rund 400 Jugendlichen, die die Riedhalle bevölkerten.

Moderator Sebastian Heinrich, Politikredakteur der Schwäbischen Zeitung in Ravensburg, lenkte souverän das Frage- und Antwortspiel der sechs Teilnehmer an der Diskussion. Meist hielten sich die Beteiligten an die vereinbarten Zeitvorgaben, manchmal war das Eingreifen des Moderators notwendig. Keinen leichten Stand hatte der Vertreter der Jungen Alternative. Er wurde von verschiedenen Seiten für einige seiner Aussagen verbal angegangen. Ansonsten verlief die Darstellung der verschiedenen politischen Vorstellungen in geordneten Bahnen ohne wesentliche Angriffe gegenüber den Meinungen der politisch Andersdenkenden.

Moderator Heinrich bescheinigte den Teilnehmern der Runde spannende Diskussionsbeiträge zu liefern. Während sich zu Beginn der Fragerunde die Beifallsäußerungen aus dem Publikum für einzelne Aussagen eher in Grenzen hielten, wurde diese Zurückhaltung vor allem bei den Themen Umwelt und Klima, Fragen zu digitalen Themen oder Rüstungspolitik aufgegeben. Die eine oder andere Aussage erhielt lautstarken Applaus und zeigte die Richtung auf, wie sich die Sympathien verteilten.

Zu den verschiedensten Sachthemen zur deutschen Politik wurden die sechs Teilnehmer der Diskussionsrunde aufgefordert, ihre ganz persönliche Meinung, aber auch die ihrer Parteigruppierungen aus Sicht der Jugend, vorzustellen. Dabei ging es unter anderem zu Themen wie Umwelt und Klima, Datenschutz und Digitalisierung, Extremismus und Antisemitismus in der Gesellschaft, welchen Weg die Europäische Gemeinschaft gehen sollte, Rüstungs- und Verteidigungspolitik, Menschenrechte, Verkehrspolitik oder soziale Gerechtigkeit. Den Sprechern der Parteien war die Fragestellung vor Beginn der Diskussionsrunde nicht bekannt. Nur die Themenfelder wurden allgemein vorgegeben. In Echtzeit gab es im Hintergrund einen Faktencheck, um mögliche nachweisbar falsche Tatsachenbehauptungen noch während der Veranstaltung zu entlarven. Zwischenfragen aus dem Publikum waren jederzeit erlaubt, wobei von dieser Möglichkeit kein Gebrauch gemacht wurde.

Dafür zeigte sich bei der Abstimmung vor und nach der Diskussion, dass es deutliche Bewegungen in der Meinungsbildung der jungen Menschen gab. Fast sensationell verschoben sich die Sympathien, zurückzuführen auf die persönliche Ausstrahlung und stimmige Argumentation aus Sicht der rund 220 Schüler, die sich an der Stimmungsabfrage beteiligten. Lag Grün zum Auftakt mit 65 Prozent Zustimmung weit, weit vorne, änderte sich dies zum Schluss. Der Vertreter der Linksjugend, Frank Sander, rollte das Feld von hinten auf und kam am Schluss von zunächst nur fünf auf dann 42 Prozent der Stimmen. Die Vertreterin der Grünen Jugend Franziska Scholz fiel mit 33 Prozent auf den zweiten Platz zurück. Die Verschiebungen für die anderen Parteien hielten sich in Grenzen. Die CDU fiel von 14 auf acht Prozent zurück. Die SPD legte von drei auf sechs Prozent zu. Die AfD verlor zwei auf nur noch zwei Prozent. Nur die FDP konnte ihr Anfangsergebnis von neun Prozent auch am Schluss beibehalten.

Im Anschluss hatten die Schüler die Möglichkeit, sich an Ständen der Jugendorganisationen weiter zu informieren.

Die Teilnehmer

Jusos: Maximilian Kremer (19 Jahre), Kreisvorsitzender Jusos Ravensburg, Mitglied im Kreisvorstand der SPD Ravensburg, Student

Junge Union: Jennifer Fetscher (19 Jahre), Vorsitzende CDU Berg, Beisitzerin des Vorstandes der JU Ravensburg

Junge Liberale: Marco Jedzig (24 Jahre), Kreisvorsitzender Junge Liberale Ravensburg und Bodensee, Student

Grüne Jugend: Franziska Scholz (19 Jahre), Sprecherin Grüne Jugend Bodensee und Vorstand der Grünen Bodensee, Studentin

Junge Alternative: Johannes Rausch (33 Jahre), Stellvertretender Landesvorsitzender Jungen Alternative Baden-Württemberg, Student

Linksjugend, Solid: Sander Frank (21 Jahre), Kreisvorsitzender Die LINKE / Linksjugend Solid Bodensee, Student (gt)

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