Spielsucht: Experte warnt vor den Folgen von „Coin Master“

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 Fridolin Sandkühler, Spielsuchtexperte bei den Ziegleschen, warnt vor der Spiele-App „Coin Master“.
Fridolin Sandkühler, Spielsuchtexperte bei den Ziegleschen, warnt vor der Spiele-App „Coin Master“. (Foto: Katharina Stohr)
Schwäbische Zeitung

In der ZDF-Sendung Neo Magazin Royale prangerte Satiriker Jan Böhmermann unlängst das Handyspiel „Coin Master“ an. Es würde Kinder und Jugendliche zur Spielsucht verführen. Fridolin Sandkühler, Spielsuchtexperte bei den Ziegleschen, bestätigt diese Einschätzung: „Coin Master operiert unter dem Deckmantel eines harmlosen Spiels mit den gleichen visuellen und akustischen Spielanreizen wie ein klassisches Glücksspiel“, erklärt Sandkühler in einer Presseerklärung.

Das Spiel vermittle den Eindruck, dass man nur eine Taste an einem Spielautomaten drücken müsse, um sich Geld zu beschaffen. Gleichzeitig werde den Spielern durch die Hintergrundmusik und die Animation der hervorspringenden Münzen ein „Erfolgserlebnis“ beschert, das das Belohnungszentrum im Gehirn anspreche. Damit werde das Gehirn regelrecht auf eine positive Haltung zum Glücksspiel trainiert. „So wird der Grundstein zu einem möglichen problematischen Spielverhalten im Erwachsenenalter gelegt“, sagt der Suchttherapeut, der in der Fachklinik Ringgenhof der Zieglerschen die Abteilung Alkohol und Spielsucht leitet.

Stimuliertes Glückspiel

Hinzu kämen die sogenannten „In-App-Käufe“. Die überwiegend jungen Spieler würden von Coin Master dazu animiert, sich Geldmünzen und andere Wertgegenstände wie Futter für Tiere und andere Spielmöglichkeiten gegen reale Bezahlung zu kaufen. „Das heißt, Kinder und Jugendliche werden aufgefordert, ihr Taschengeld für letztlich völlig sinnlose, nicht reale Gegenstände auszugeben, von denen sie im echten Leben überhaupt nichts haben“, erklärt Fridolin Sandkühler.

Nach dem Jugendschutzgesetz ist Glücksspiel für unter-18-Jährige zwar verboten. Dass Spiele-Apps wie Coin Master dennoch legal sind, liegt daran, dass es sich nicht um echtes, sondern um „simuliertes“ Glücksspiel handelt. „Für echtes Glücksspiel müssen drei Merkmale erfüllt sein: Geldeinsatz, die Möglichkeit, Geld zu gewinnen, und ein Spielausgang, der auf Zufall basiert“, erläutert Fridolin Sandkühler. Beim „simulierten Glücksspiel“ fehle mindestens eines dieser Merkmale. Da bei Coin Master und vergleichbaren Apps nur um Spielgeld (Coins) gespielt werde und der Spielausgang nicht durch den Zufall, sondern durch Algorithmen gesteuert werde, seien diese Apps für Kinder und Jugendliche gesetzlich nicht verboten. Bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien sind jedoch mittlerweile zahlreiche Beschwerden eingegangen und es wurde ein Verfahren gegen die Spiele-App eingeleitet.

Eltern müssen sich interessieren

Eltern, deren Kinder eine der Apps mit simuliertem Glücksspiel auf dem Smartphone oder Tablet spielen, rät Fridolin Sandkühler dringend dazu, sich genau zu informieren und am besten gemeinsam mit dem Kind ein anderes Spiel auszusuchen. „Ich halte es für wichtig, dass sich Eltern regelmäßig mit ihren Kindern über deren Spielaktivitäten beziehungsweise generell über deren Mediennutzung austauschen“, sagt er, „Wenn die Kinder das Gefühl vermittelt bekommen, dass sich ihre Eltern für sie und ihre Aktivitäten interessieren, dann geschieht auch Prävention. Kinder laufen immer dann Gefahr, sich ein süchtiges Verhalten anzueignen, wenn sie sich alleingelassen fühlen und den Eindruck haben, dass sich niemand für sie und ihre persönlichen Anliegen oder Aktivitäten interessiert.“

Um zu erkennen, ob ein Angehöriger oder eine nahe stehende Person ernsthaft spielsüchtig ist, gibt Suchtexperte Fridolin Sandkühler folgende Tipps: Für die Diagnose „Pathologisches Spielen“, also das krankhafte, süchtige Spielen, müssen mehrere Kriterien erfüllt sein: Jemand muss dauerhaft und wiederholt spielen, selbst wenn er oder sie negative soziale Folgen daraus erleidet wie Verarmung, gestörte familiäre Beziehungen oder den Verlust des Arbeits- oder Ausbildungsplatzes.

Außerdem müssen ein Kontrollverlust über das aufgewendete Geld oder die dafür vorgesehene Zeit und bereits gescheiterte Versuche, mit dem Spielen aufzuhören, vorliegen. Pathologische Spieler sind im Alltag gedanklich ständig mit dem Spielen oder der Beschaffung von Geld beschäftigt, während der Arbeit, beim Sport oder im Gespräch mit anderen.“ Therapieangebote für spielsüchtige Menschen gibt es ambulant in Beratungsstellen oder stationär in speziellen Fachkliniken, beispielsweise in den Suchtfachkliniken der Zieglerschen. Die Uniklinik in Mainz betreibt außerdem eine Spielerambulanz für medienabhängige junge Menschen.

Dass Prominente wie Bastian Schweinsteiger oder Oliver Kahn für Sportwetten-Anbieter werben, sei bedenklich, sagt Sandkühler und fordert ein Werbeverbot für Spiele-Apps, die Glücksspiel simulieren.

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