Ein Schmuckstück der Zeitgeschichte

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Herbert Guth

Das Benedict-Nimser-Haus kann als zeitgeschichtliches Juwel in Bezug auf die Geschichte der vergleichsweise jungen Gemeinde Wilhelmsdorf gelten. Erbaut in der Zeit von 1824 bis 1825 gehört es zu den ältesten Gebäuden des Dorfes, wenn es nicht sogar das älteste erhaltene Bauwerk aus der Gründungszeit dieser pietistischen Gemeinde darstellt. So ganz genau wollen sich die Historiker in dieser Frage nicht festlegen lassen. Das bemerkenswerte Häuschen, gelegen an der Zußdorfer Straße, macht trotz seiner herausragenden Geschichte keine Schlagzeilen, sondern ist in einen Dornröschen-Schlaf verfallen, nur unterbrochen von gelegentlichen Besuchen von Menschen, die sich über die Lebensweise der ersten Kolonisten ein Bild machen möchten.

Die „Schwäbische Zeitung“ führte ein Gespräch mit Pfarrer Ernest Ahlfeld über das Haus und die Rolle, die dieses Zeitzeugnis vielleicht im Jahr 2024 spielen könnte. In fünf Jahren kann Wilhelmsdorf seinen 200. Geburtstag feiern. Es gibt lockere Gesprächsrunden mit Vertretern der diakonischen Einrichtung Die Zieglerschen als Eigentümerin des Hauses, der Brüdergemeinde, die mit der Geschichte des Benedict Nimser-Hauses eng verbunden ist, und der bürgerlichen Gemeinde. Alle drei Partner treibt bei der Diskussion um eine sinnvolle künftige Nutzung des Juwels aus der Gründerzeit ein Problem um: Weit und breit ist aus heutiger Sicht kein Finanzierungsmodell erkennbar, durch das die bauliche Substanz des Hauses in einen ordentlichen Zustand überführt werden kann. Auch ein wissenschaftlich begleitetes Museumskonzept steht als teures Wunschdenken nur weit hinten am Horizont, wie Pfarrer Ernest Ahlfeld bedauernd die augenblickliche Situation schildert.

Führungen möglich

Es ist deutlich über 50 Jahre her, seitdem der Autor letztmals die historische Stätte im Rahmen eines Schulbesuchs über sich ergehen ließ. Heute allerdings sind die Einrichtungen und Exponate dieser musealen Sammlung, wie sie Pfarrer Ahlfeld liebevoll nennt, mit ganz anderen Augen zu sehen. Führungen sind nach telefonischer Absprache möglich, jedoch nicht allzu häufig. Wolfgang Link, früherer Vorsteher der Brüdergemeinde, setzt sich hier ein und erläutert Besuchern die Inhalte des Hauses, sofern es ihm zeitlich möglich ist. Sein Herz hängt an den Erinnerungen an die Vergangenheit, die derzeit aber etwas gelichtet sind. Bedeutende Ausstellungsstücke werden derzeit in der Muttergemeinde Korntal gezeigt, die in diesem Jahr ihr 200-jähriges Bestehen feiert. Unter anderem ist der originale Ortsplan ausgeliehen, nach dem die Kolonie Wilhelmsdorf architektonisch im Ortskern gestaltet wurde.

Einfach einmal losgelöst von finanziellen Fragen gibt es durchaus Ideen und Visionen, welche Rolle das Benedict-Nimser-Haus in Zukunft im Ort spielen könnte. „Wir könnten uns vorstellen, dass hier ein echtes Museum der Geschichte von Brüdergemeinde, den Zieglerschen und der bürgerlichen Gemeinde eingerichtet werden könnte“, blickt Ernest Ahlfeld sinnierend in die Zukunft. Der Zeitpunkt für solche Überlegungen ist sicherlich gut gewählt. 2024 könnte das Gemeindejubiläum mit einem echten Museum mit Namen Benedict-Nimser-Haus einen Höhepunkt vertragen. Doch vor dem Jubel steht der Schweiß. Nach ganz vorsichtigen Schätzungen müssten schon alleine für die Gebäudesanierung mindestens 150 000 Euro aufgewendet werden, plaudert Ahlfeld aus dem Nähkästchen. „Das ist eine hohe Summe. Woher soll das Geld kommen?“ fragt Ahlfeld. „Keiner der Beteiligten hätte etwas dagegen, aber das Geld ist derzeit nicht da“. Bürgermeisterin Sandra Flucht bestätigte, dass sie in Gespräche zu diesem Projekt eingebunden ist. Dazu hatte sie dieser Tage ein Gespräch mit den Hausbesitzern, den Zieglerschen, wie sie auf Nachfrage erklärte. Inhaltlich wollte sie sich derzeit aber nicht äußern. Alles scheint im Fluss zu sein.

Kosten und Größe sind problematisch

Der Gemeindeseelsorger Ahlfeld sieht neben den Kosten ein weiteres Problem. „Das Haus insgesamt ist vergleichsweise klein. Es stellt sich die Frage, ob hier die Geschichte von Brüdergemeinde, Die Zieglerschen und der bürgerlichen Gemeinde umfassend dargestellt werden kann.“ Die angebaute Scheune mit ehemaligem Stall könnte dabei aushelfen und vielleicht Teile einer Ausstellung zur Dorfgeschichte beherbergen. Gezeigt werden könnten sicherlich wertvolle Exponate aus der Gemeindegeschichte, wenn hier aber auch keine Millionenschätze zu erwarten seien. Der ideelle Wert stehe im Mittelpunkt. Jetzt schon sind Gegenstände aus der frühen Wilhelmsdorfer Zeit zu sehen, die ansprechender präsentiert werden könnten. Schon heute ist ersichtlich, wie in alten Wilhelmsdorfer Familien gelebt wurde, wobei das historische Haus den Besucher durch seine unerwartete Großzügigkeit überrascht.

Vor dem Hintergrund, dass es derzeit keine konkreten Planungen gibt, hat Ernest Ahlfeld erstaunlich konkrete Überlegungen für dieses Zukunftsprojekt. „Mir schweben keine großen, eher langweiligen Schautafeln vor. Wir sollten moderne Medien zur Vermittlung der Inhalte schaffen, die den Besuchern eine Faszination der alten Zeiten vermitteln.“ Dazu müssten auch fundierte Informationen zur württembergischen Geschichte des Pietismus gehören, ohne die Wilhelmsdorf nicht entstanden wäre.“

„Dafür müssten die Herzen schlagen“

Doch wie könnte dies alles verwirklicht werden, ohne das Totschlagsargument der fehlenden Mittel zu bemühen. Ernest Ahlfeld träumt gedanklich von einem Kreis von Freunden des Benedict-Nimser-Hauses. „Dafür müssten die Herzen schlagen.“ Er würde ein solches Konstrukt bejahen und einen solchen Kreis auch persönlich unterstützen, sagt er jetzt schon zu.

Seine persönliche Vision zum historischen Gebäude: „Mir schwebt eine Perle des Dorfes vor. Etwas Kleines, Feines, aber Schönes!“

 Pfarrer Ernest Ahlfeld, hier in der guten Stube des Benedict-Nimser-Hauses, wünscht sich zum Gemeindejubiläum, dass aus der mus
Pfarrer Ernest Ahlfeld, hier in der guten Stube des Benedict-Nimser-Hauses, wünscht sich zum Gemeindejubiläum, dass aus der musealen Sammlung eine Museums-Perle des Ortes wird, auch wenn derzeit kein Geld für die Verwirklichung dieser Vision in Aussicht ist. (Foto: Herbert Guth)
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