Oft kommen Missbrauchsfälle erst Jahre später ans Tageslicht.
Oft kommen Missbrauchsfälle erst Jahre später ans Tageslicht. (Foto: dpa)

Ehemalige Heimkinder aus den Heimen der Brüdergemeinde können sich noch bis zum 30. Juni 2020 bei der Aufklärerin Brigitte Baums-Stammberger melden und Anträge auf Anerkennungszahlen stellen. Dazu wurde eine Hotline (0174/7121108) eingerichtet. Die Sprechzeiten sind mittwochs von 16 bis 18 Uhr und freitags von 18 bis 19 Uhr. Postanschrift: Dr. Brigitte Baums-Stammberger, Postfach 110933, 60044 Frankfurt am Main, E-Mail: aufklaerung.korntal@gmx.de.

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Stuttgart/Wilhelmsdorf - Jetzt steht es schwarz auf weiß: In den Kinderheimen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal in Wilhelmsdorf im Landkreis Ravensburg und in Korntal im Landkreis Ludwigsburg sind Kinder sexuell, physisch und psychisch missbraucht worden. Das ist das Ergebnis eines Aufklärungsberichtes, der sich mit den Jahren zwischen 1950 und 1990 beschäftigt. Der Bericht steht am Ende eines langwierigen Aufarbeitungsprozesses, der 2014 gestartet wurde. Am Donnerstag ist das 400-Seiten-Werk auf einer Pressekonferenz in Stuttgart vorgestellt worden.

„Endlich ist festgeschrieben, durch welche Hölle die Kinder in den Heimen gehen mussten. Jetzt weiß jeder, dass wir nicht gelogen haben, sondern alles stimmt“, sagt das ehemalige Heimkind Detlev Zander, der seine Missbrauchsgeschichte 2014 öffentlich gemacht hatte. Mit seiner Geschichte wurde der Missbrauchsskandal in den Heimen öffentlich und die schwierige Aufarbeitung begann. Als Aufklärer wurden die ehemalige Jugendrichterin Brigitte Baums-Stammberger und der Erziehungswissenschaftler Benno Hafeneger berufen.

Säuglinge besonders grausam misshandelt

Die Ergebnisse sind schockierend: In den Heimen herrschte ein autoritärer, mit Zucht, Zwang und Drill verbundener Erziehungsstil, dem die Kinder rechtlos ausgeliefert waren. „Die Erzieherinnen prügelten das Händefalten in die Kinder“, so Baums-Stammberger. Briefe, die Kinder aus den Heimen an Verwandte schrieben, wurden zensiert – oder die Kinder mussten die Briefe nach Anleitung neu schreiben. Der sexuelle Missbrauch begann mit verbalen Belästigungen und ging über ungewollte Berührungen bis hin zum Geschlechts-, Anal- und Oralverkehr. Aufklärer Benno Hafeneger sprach bei der Pressekonferenz von einer Angst- und Gewaltkultur, die in den Heimen herrschte. Außerdem gehe aus einem Bericht einer 90-jährigen Schwester hervor, dass mit Säuglingen „unglaublich grausam umgegangen wurde“.

Die beiden Aufklärer führten im Rahmen ihrer Arbeit Interviews mit ehemaligen Heimkindern und ehemaligen Mitarbeitern, die sich auf die Aufrufe gemeldet haben, und leisteten Archivarbeit. Zwar waren von den 105 interviewten ehemaligen Heimkindern nur vier aus dem Hoffmannhaus in Wilhelmsdorf, doch Wilhelmsdorf sei keine rühmliche Ausnahme gewesen. Das wisse Hafeneger aus den Archivberichten aus Wilhelmsdorf, die er gesichtet und ausgewertet habe. „Es gibt eine ganze Reihe von Vorfällen in Wilhelmsdorf im Heim und im Rahmen des Zeltlagers. Es gab auch dort physische und sexualisierte Gewalt. Es gab sogar Anzeigen. Es gibt Dokumente, in denen man das nachlesen kann“, sagt Aufklärer Benno Hafeneger im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“. In Wilhelmsdorf sei auch Zwangsarbeit von Kindern ein Thema gewesen, die sogar bis in die Gründerzeit des Ortes zurückreicht.

Tatort Lengenweiler See

Eine wichtige Rolle im Missbrauchsskandal nimmt das Ferienlager am Lengenweiler See in Wilhelmsdorf ein. Über Jahrzehnte hinweg fuhren die Kinder aus den Heimen in Korntal in den Sommerferien nach Wilhelmsdorf und verbrachten dort ihre Ferien. Die Täter aus Korntal reisten mit. Allerdings sei in etlichen Berichten auch viel Positives aus der Zeit am Lengenweiler See genannt worden, berichtet Brigitte Baums-Stammberger.

„Heute ist einer der wichtigsten Tage in meinem Leben. Das ist mein Lebenswerk, mit dem ich die Brüdergemeinde in die Knie gezwungen habe“, sagt Detlev Zander am Ende der Pressekonferenz. Er fordert, dass der Aufarbeitungsprozess nun fortgeführt werden soll. „Die freiwilligen Entschädigungszahlungen müssen neu verhandelt werden. Meiner Ansicht nach reichen da 20 000 Euro nicht – vor allem, wenn man bedenkt, dass wir schutzlos den Tätern ausgeliefert waren“, so Zander, der eigenen Angaben zufolge die Höchstsumme bekommen hat. Außerdem fordert er, dass Gewalttaten nach 1990 ebenso aufgearbeitet werden. Besonders schmerze ihn, dass die damaligen Verantwortlichen von den Vorfällen gewusst, aber nicht reagiert haben. Von den 81 beschriebenen Tätern in den Interviews hätten sich acht als Intensivtäter herausgestellt.

Der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde, Klaus Andersen, sagte den ehemaligen Heimkindern zugewandt: „Wir bitten ehrlich und von Herzen um Entschuldigung.“ Er zeigte sich schockiert über das Ausmaß der im Bericht genannten Taten. „Jetzt haben wir erschreckende Gewissheit, was in unseren Heimen passiert ist“, so Andersen. Er versprach, „alles dafür zu tun, dass Missbrauch in unseren Heimen nie wieder passiert“. 

Ehemalige Heimkinder aus den Heimen der Brüdergemeinde können sich noch bis zum 30. Juni 2020 bei der Aufklärerin Brigitte Baums-Stammberger melden und Anträge auf Anerkennungszahlen stellen. Dazu wurde eine Hotline (0174/7121108) eingerichtet. Die Sprechzeiten sind mittwochs von 16 bis 18 Uhr und freitags von 18 bis 19 Uhr. Postanschrift: Dr. Brigitte Baums-Stammberger, Postfach 110933, 60044 Frankfurt am Main, E-Mail: aufklaerung.korntal@gmx.de.

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