Zum Heulen schöne Musik

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„Attila & Friends“ gastierten in der Linse in Weingarten.
„Attila & Friends“ gastierten in der Linse in Weingarten. (Foto: Barbara Sohler)
Barbara Sohler

Man stelle sich vor, in der Linse gastiert am Samstagabend eine bislang vom Schussentaler Musikpublikum übersehene Perle – und kaum jemand geht hin. „Attila & Friends“ ist so eine kleine, feine Formation. Und genau das ist den Musikern rund um den ungarischen Leadsänger passiert: Praktisch völlig unbemerkt hat die Akustik Band tiefsinnig-launigen Country Folk präsentiert. Vor gerade mal 30 Zuhörern, wie schade.

Kein Chichi, kein Schlagzeug, kein elektronisches Gedöns – dafür die pure Lust am Musizieren: auf diesen knappen Nenner lässt sich bringen, was Attila Topalczai, der ungarische Gitarrist und Singer-Songwriter gemeinsam mit seinem jungen, internationalen Ensemble auf die Bühne im großen Saal der Linse bringt. Attila, der mittlerweile mit Unterbrechungen seit 15 Jahren in Augsburg lebt, gibt in kleinen Erzählrunden ein bisschen etwas aus seiner reisefreudigen Vergangenheit preis. Das ist natürlich nett. Aber wenn der 38-Jährige spielt und dazu singt, die Augen geschlossen und die kecke Schiebermütze tief in die Stirngezogen, dann wird es intim und warm. Und ehrlich.

„The way from a stranger“ erzählt von Einsamkeit, Heimweh, Weltschmerz, dann blickt Attila wehmütig auf seine Geburtsstadt Budapest zurück („Empty Cage“) oder vertont liebevoll seine väterlichen Gefühle zu seinem Sohn („Ask me“). Und dazwischen flattert das Herz auch mal vor überbordender Freude, gar meint man die junge BossHoss-Formation zu hören („The day, the reason died“). Und auch „Rivers“ lässt das Gefühl zurück: Diese Musik ist freundlich und gefällig, im besten Wortsinn.

Was Attila und seine Freude spielen, das nennt sich Bluegrass: eine vermeintlich neue Musikrichtung, deren Name vom Amerikaner Bill Monroe und seinen Bluegrass Boys abgeleitet wurde und scheinbar auf das Rispengras zurückgeht, das nur in Kentucky, der Heimat vom Mandolinenspieler Monroe wächst. Diese spezielle Form von amerikanischer Volksmusik ist an sich eine Mischung aus Blues und anglo-amerikanischen Rhythmen, die durch die Musik von irischen oder osteuropäischen Einwanderern geprägt ist. Offiziell ist dieser Musikstil dem breiten Genre der Countrymusik zuzuordnen. Der ehemalige Punkrocker Attila mit seiner Formation macht daraus ein persönliches Erlebnis.

Wie aufregend und anrührend sich das Zusammenspiel von Madoline, Dobro (eigens aus Ungarn angereist: der stoisch ruhige Milan mit seiner Partnerin, der fingerfertigen Adriana) und Fidel (famos: der schlanke Hauke) in den Köpfen festsetzt, wie sanft sich die Bratsche der virtuosen Johanna einreiht - das ist beinahe zum Heulen schön. Und damit die Kentucky-Idee nicht ganz zu kurz kommt, spielen Attila und seine Freunde auch noch ein Cover von Ryan Moore („Ride on“) als Zugabe, die die nicht einmal drei Dutzend Menschen voller Verve und Empathie für diesen Mann und seine wahrlich schöne Musik einfordern.

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