Wo Inklusion nicht bloß ein Schlagwort ist

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Schwäbische Zeitung

„Ki, Ka, Kinderhaus“ singen die Kleinen auf der Bühne, und die gutgelaunte Hymne auf das Kinderhaus Wirbelwind erweckt den Eindruck, dass sie sich hier wohl fühlen. Für ein paar Minuten stehen sie im Mittelpunkt bei diesem Festakt. Aber auch als sie mit ihren Erzieherinnen den Raum verlassen haben, dreht sich eigentlich alles um die Kinder. Denn für sie ist das neue inklusive Kinderhaus der Stiftung KBZO ja gedacht. Seit 9. September läuft im Neubau in der Lägelerstraße der Regelbetrieb. Am Freitag wurde das „Kiwi“, so die Abkürzung für Kinderhaus Wirbelwind, offiziell eingeweiht.

Die gute Nachricht hatte Regierungspräsident Hermann Strampfer im Gepäck. Zwei Millionen Euro Zuschuss aus dem Schulbauprogramm habe der Landtag bewilligt: „Ich bin in der Lage, den Dank dafür entgegenzunehmen, aber nicht das Regierungspräsidium, sondern das Parlament hat die Mittel freigegeben.“ Das Angebot sei modern und passe perfekt in die Zeit. Weitere 360000 Euro flossen aus dem Landestopf für Krippenplätz für unter drei jährige. Insgesamt hat der Neubau 5,9 Millionen Euro gekostet. Stiftungsgelder und Spenden von Privatpersonen und Firmen machten neben Zuschüssen die Finanzierung möglich. 38 Kinder mit und 38 Kinder ohne Behinderung haben im neuen Kinderhaus Platz. 50 Stunden Betreuung pro Woche, von 7.15 Uhr bis 17.15 Uhr und das bei 22 Schließtagen die Woche bietet die Betreuungsstätte

Ulrich Raichle, Vorstandsvorsitzender der Stiftung KBZO, zitierte in seiner Begrüßung die Pädagogin Maria Montessori: „Der Weg auf dem die Schwachen sich stärken, ist der gleiche wie der, auf dem die Starken sich vervollkommnen.“ Er zählte die wichtigen Stationen von der Entscheidung im Gemeinderat Ende 2010 über den Architektenwettbewerb 2011 bis zum Baubeginn im Frühjahr 2012 auf. Bei der Grundsteinlegung habe er Oberbürgermeister Markus Ewald zugerufen: „Alle reden von Inklusion – wir machen es gemeinsam.“ Der OB zog die Parallele zum Kindernest, der ersten Ganztages-Betreuung im süddeutschen Raum. Für dieses Projekt hatte Helga Bayha vor wenigen Wochen das Bundesverdienstkreuz bekommen. „Das war eine gesellschaftliche Revolution.“ Weil Kinder ab sechs Monaten hier betreut werden, sei er schon gefragt worden, ob das nicht zu früh sei. Ewald: „Darüber kann man streiten. Aber manchmal haben Eltern nicht die Wahl.“ Da habe die Stadt die Pflicht, eine Lösung anzubieten. Jährlich werde die Stadt einen Abmangel von 350000 Euro übernehmen. Für die Firmen in der Region gehe es auch darum, ihren Mitarbeitern etwas zu bieten. So haben etwa Thyssen-Krupp, Schuler und CHG bereits Plätze im Kinderhaus reserviert.

Lob für die offene Architektur

Auf einfühlsame Weise schilderte Dagmar Wolf, Leiterin der KBZO-Heimsonderschule, was das Kinderhaus leisten soll. „Jedes Kind wird gebraucht, gehört dazu. Niemand ist überflüssig.“ Sie ging auch auf die architektonischen Besonderheiten ein, die Nischen, die Offenheit. „Wir wollen Biografien ermöglichen.“ Wer das Haus besichtige, solle es durch die Augen der Kinder sehen. Architekt Nicolas Schwager verglich das Haus mit einem Bild. Der Rahmen sei der Neubau, der Inhalt sei die Pädagogik – und die verändere sich ständig. Er unterstrich den gesellschaftlichen Stellenwert der Inklusion. „Wenn wir die Welt verändern wollen, müssen wir bei den Kindern anfangen.“ Die katholische Pfarrerin Gertrud Geiger und ihr evangelischer Kollege Stephan Günzler segneten das Haus. Abteilungsleiter Thomas Sigg stimmte die Besucher auf die Besichtigung des Hauses ein. Er lobte die offene Architektur, die mit viel Glas und Licht einladend wirke.

Heute ist im Kinderhaus Wirbelwind Tag der offenen Tür . Interessierte können sich von 10 bis 16 Uhr ein Bild von den Räumlichkeiten machen. Ab 10.30 Uhr gibt es stündlich Führungen.

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