Wer viel liest, kann anderen etwas Gutes tun

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Patricia Benz und Christian Bautz sortieren bei den Integrationswerkstätten Oberschwaben gebrauchte Bücher, die dann im Interne
Patricia Benz und Christian Bautz sortieren bei den Integrationswerkstätten Oberschwaben gebrauchte Bücher, die dann im Interne (Foto: Daniel Drescher)
Schwäbische Zeitung

Die Integrationswerkstätten Oberschwaben (IWO) wollen Menschen mit Behinderung zur Teilhabe am Arbeitsmarkt verhelfen. Neuester Baustein: ein Gebrauchtbuchhandel. Jeder kann die Bücher spenden, Mitarbeiter der IWO sortieren sie, verkauft werden sie via Amazon. Der Erlös kommt dann wieder den IWO zugute.

„Dieses Buch hier geht zum Beispiel nicht mehr. Die Staubflecken - das will niemand mehr haben“, sagt Patricia Benz. Gemeinsam mit Christian Bautz sieht sie gerade Bücher durch, die hilfsbereite Menschen gespendet haben. Was sich noch zum Verkauf eignet, wird in einem Computersystem erfasst. „Die Software ist speziell für Menschen mit Behinderung konzipiert“, sagt Matthias Rueß, Bereichsleiter Produktion und Dienstleistungen bei den IWO. Mit einem Ampel-System teilt man die Bücher in drei Kategorien ein: Grün heißt verkäuflich, bei Orange muss das Buch nochmal näher geprüft werden und rote Bücher sind nicht mehr zum Weiterverkauf geeignet. Durch ein Zahlensystem ist bei einer Bestellung dann auch klar, in welchem Karton das Buch steckt. Auch DVDs und Schallplatten werden angenommen, der Schwerpunkt liegt aber auf Büchern. Wer auf Amazon dann bei gebrauchten Büchern stöbert, stößt auch auf den Marketplace, an dem die IWO beteiligt sind. Unter dem Namen „genau-mein-buch“ vertreiben mehrere Werkstätten aus dem Bundesgebiet ihre Gebrauchtbücher. So kann man im weltweiten Netz lokale Projekte unterstützen, die sozialen Sinn haben. „Wer viel liest, hat oft ein volles Regal. Was macht man mit ausgelesenen Büchern? Oft haben sie ja nicht einmal Eselsohren“, sagt Matthias Rueß.

Resonanz ist positiv

Seit Herbst läuft die Annahme von Büchern, seit Februar der Verkauf im Netz. „Wir haben bisher sehr positive Resonanzen“, sagt Dirk Weltzin. Er ist Geschäftsführer der IWO. „Das Arbeitspensum muss passen und die Löhne müssen sich erwirtschaften, und das ist der Fall.“ Nun hofft er darauf, dass das Angebot sich auch per Mundpropaganda noch mehr herumspricht und bekannter wird.

Da, wo die Bücher angenommen werden, befindet sich auch ein EDV-Laden. Hier werden gebrauchte Computer verkauft. Die Geräte kommen aus Frankfurt von einer Tochtergesellschaft der Deutschen Bank. In Weingarten werden die Daten gelöscht, die Hardware wird aufbereitet und für den Wiederverkauf fertig gemacht. Auch Reparaturen sind möglich. „Seit drei Jahren hat sich das etabliert“, sagt Dirk Weltzin. Im EDV-Bereich wickeln die IWO auch Auftragsarbeiten ab, so erfassen Mitarbeiter etwa Lieferantenrechnungen für die TWS. Zu den Kunden im EDV-Geschäft gehören Privat- und Geschäftskunden ebenso wie Schulen und Kindergärten.

Über allem steht ein Ziel, das auch in einer UN-Konvention verankert ist - Stichwort Inklusion: „Wir wollen Menschen mit Behinderung die Teilhabe am Arbeitsmarkt ermöglichen.“

Die Integrations-Werkstätten Oberschwaben (IWO) gibt es seit September 2005. An den IWO sind das Körperbehindertenzentrum Oberschwaben (KBZO) in Weingarten und die OWB (OWB Oberschwäbische Werkstätten) in Ravensburg je zur Hälfte beteiligt. Die IWO sind eine Tageseinrichtung. 320 Menschen mit Behinderung sind dort von 8 bis 16 Uhr in Arbeit und Betreuung und kommen privat oder mit Fahrdiensten zur Arbeit. Die Hälfte von ihnen wohnt privat, die andere wohnt in Wohnheimen oder in ambulanten Wohnformen. Hier gibt es eine enge Vernetzung mit KBZO und OWB. 100 Fachkräfte sind für die Behinderten da. Dazu kommen noch 20 Leute, die beispielsweise im Bundesfreiwilligendienst oder im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres beschäftigt sind.

Die Arbeit der IWO ist auf mehrere Säulen verteilt, wie Geschäftsführer Dirk Weltzin sagt. Zum einen arbeiten über 200 Menschen mit Behinderung im Produktionsbereich. Sie verpacken Schrauben, sind in der Teil- oder Endmontage tätig. Etwa 90 Menschen sind schwerst-mehrfachbehindert. Sie bekommen Alltagshilfe und Förderung, um ihre Fähigkeiten und Persönlichkeiten zu unterstützen. Auch bei ihnen ist es wichtig, dass sie eine Stunde in den Arbeitsprozess eingebunden sind. Im Bereich der Berufsbildung ist die IWO ebenfalls engagiert. Hier können behinderte Schulabgänger ein zweijähriges Qualifizierungsprogramm durchlaufen.

Wichtig ist Dirk Weltzin aber auch, dass Menschen mit Behinderung nicht nur innerhalb geschützter Räume wie der Werkstätten arbeiten, sondern auch im regulären Arbeitsleben ihren Platz finden. So hat die IWO etwa 20 Außenarbeitsplätze, in den CAP-Märkten etwa. „Diese Märkte haben eine richtig gute Reputation in der Öffentlichkeit. Sie tragen elementar zur innnerstädtischen Nahversorgung bei.“ Auch bei Hymer, in der Landschaftspflege oder in einer Telefonzentrale sind IWO-Mitglieder tätig.

Mehr Infos gibt’s im Netz unter www.iwo-ggmbh.de

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