Wenn die Baronesse im Stall bleibt

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Nach einem halben Jahrhundert im Sattel muss Festordner und Quartiergeber, Herbert Linz, erstmals auf dem Blutritt verzichten.
Nach einem halben Jahrhundert im Sattel muss Festordner und Quartiergeber, Herbert Linz, erstmals auf dem Blutritt verzichten. (Foto: Linz)
Margret Welsch

Es wäre das 53. Mal gewesen, dass der Anwalt Herbert Linz am Blutfreitag mitreitet. Doch nun kam das Coronavirus dazwischen. Und so hat der langjährige Festordner und Quartiergeber an Weingartens großem Feiertag notgedrungen frei. Als einer von vielen Unterstützern der Wallfahrt zu Ehren des Heiligen Blutes ist er zwar zu dem nicht öffentlichen Festgottesdienst am Freitag in die Basilika geladen. Doch weiß er jetzt schon, dass ihm so mancher Gänsehautmoment von Europas größter Reiterprozession fehlen wird.

„Reitest du mit?“ oder „Welches Pferd kriegst du dieses Jahr?“ Immer wieder ertappt sich Herbert Linz im Gespräch mit Blutreiterkollegen bei diesen derzeit überflüssigen Fragen. Macht der Gewohnheit nach mehr als 50 Jahren Teilnahme am Blutritt, davon 35 Jahre als Festordner. „Wenn die Gloriosa am Freitag um 7 Uhr bei der Übergabe der Reliquie durch das Schussental schallt, werden mir schon ein paar Tränen in die Augen schießen“, sagt der 71-Jährige, der den Blutreiter auf diesem Gang schon mehrmals begleitet hat.

Dieses Jahr ist nun alles anders. Frack und Zylinder bleiben im Schrank. Und seine Baronesse, die Fuchsstute, die ihn die vergangenen Jahre zuverlässig getragen hat, bleibt im Stall. Wie auch seine anderen beiden Pferde, die Linz befreundeten Blutreitern über Jahre zur Verfügung stellte. „Es wird erst am Freitag so richtig aufkommen, was man alles vermisst“, sagt Linz, der als Festordner zusammen mit seinen neun Kollegen nicht nur für den reibungslosen Ablauf des Blutritts zuständig ist, sondern dazu noch Quartiergeber ist für eine der 100 Blutreitergruppen – und das seit mehr als 40 Jahren.

„Der Blutfreitag geht ja schon an Christi Himmelfahrt los“, sagt Linz, der seit Jahrzehnten bei der Stadtgarde ist und mit seiner Frau Pferde züchtet. Ein besonderes Erlebnis sei, wenn die Blutreiter aus Winterstettendorf mit der Kutsche wie schon vor 100 Jahren angefahren kämen und sich mit ihren 50 Pferden bei ihm in den Ställen des Weltehofs einquartierten. Da spüre man, anders als in der Stadt, noch die große Verbundenheit mit dem Blutritt. Als in den 90er-Jahren die Reiterprozession wegen der Rinderseuche BSE schon einmal auf der Kippe stand, hätte ein Junge von dort, der mit Großvater und Vater beim Blutritt alle Jahre mit von der Partie gewesen sei, deswegen „Rotz und Wasser geheult“. Zur Absage ist es ja dann nicht gekommen, anders als in diesem Jahr.

Auch wenn Herbert Linz eher der rationale Typ ist, denkt er mit Wehmut daran, was alles nicht stattfinden wird. Es geht los bei den Proberitten mit den Reiterfreunden und dem anschließenden Leberkäs-Essen. Der Blutritt durchs Ösch und das gemeinsame Rosenkranzbeten werde ihm fehlen. Dazu der Gänsehautmoment, wenn das Heilige Blut nach der Prozession durch Stadt und Flure in den Klosterhof zurückkehrt und Hunderte von Reitern und Pilgern zusammen „Großer Gott, wir loben dich“ singen. Das lasse keinen kalt. Oder die Erleichterung, wenn alles gut gegangen ist, Ross und Reiter wohlbehalten wieder in ihren Quartieren, und er nach acht Stunden vom Pferd steigen kann. Und er in Empfang genommen wird von seiner Frau Uschi, ohne deren Unterstützung er sich die Teilnahme am Blutritt überhaupt nicht vorstellen könnte.

Und nicht zuletzt trauere Linz dem Absackerbier mit den Blutreiterkollegen am Blutfreitagabend nach, und den von Corona gebeutelten Mantuanern Cavalieri, die er, der beinahe jedes Jahr am Karfreitag als Stadtgardist in Weingartens Partnerstadt weilt, besonders schmerzlich vermissen werde. Stattdessen nun Blutfreitag im Livestream, ohne Roßbollenduft und Roßbollenmarsch, dazu ein bisschen Basilika mit auf Abstand gehaltene Gläubige – ein schwacher Trost. Herbert Linz nimmt es gefasst, es bleiben Hoffnung und Vorfreude auf das nächste Jahr.

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