Wenn das Gestern die Fragen von Heute beantwortet

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Wenn er nicht forscht oder unterrichtet, ist Professor Dietmar Schiersner ein leidenschaftlicher Musiker, spielt Orgel und leite
Wenn er nicht forscht oder unterrichtet, ist Professor Dietmar Schiersner ein leidenschaftlicher Musiker, spielt Orgel und leitet einen A-cappella-Chor. (Foto: Fuggersche Stiftung)
Julia Marre

Geboren 1970 im schwäbischen Krumbach, studierte Dietmar Schiersner Geschichte, Germanistik und lateinische Philologie in Augsburg, Würzburg und München. 2002 promovierte er mit einer Arbeit zur Konfessionsbildung in Vorderösterreich; seine Habilitation erfolgte 2012. An der Pädagogischen Hochschule Weingarten ist Schiersner seit 2006 Professor für Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit und deren Didaktik. Direktor des Zentrums für Regionalität und Schulgeschichte (ZeReS) ist er seit 2008, zudem ist er nebenamtlich seit fünf Jahren als wissenschaftlicher Leiter des Fugger-Archivs Dillingen tätig. (juma)

Dietmar Schiersner ist ein Menschenfresser. Zumindest, wenn man seinem liebsten Ausspruch des französischen Historikers Marc Bloch Glauben schenken darf. Bloch nämlich hatte seinerzeit alle Historiker mit Menschenfressern verglichen. Warum? „Weil es sie packt, immer wenn sie Blut riechen“, zitiert Professor Dietmar Schiersner. Denn auch ihn packt es, wenn er sich „dem Leben in früheren Zeiten nähern kann“. Wegen der großen Vielfalt seiner Studien, wegen deren „epochenübergreifender Blickwinkel vom Spätmittelalter bis zur Neuzeit“ und weil er ein „Maßstäbe setzender Initiator, Vermittler und Förderer des oberschwäbischen Geschichtsbewusstseins und der Geschichtsforschung“ ist, verleiht ihm die Stiftung Friedrich Schiedel am Mittwoch, 23. Oktober, den Wissenschaftspreis zur Geschichte Oberschwabens.

Dass Schiersner liebt, was er tut, merkt schnell, wer mit ihm über seine vielfältigen Forschungsarbeiten spricht. Euphorisch berichtet er von hunderte Jahre alten Korrespondenzen, die „prall an Leben sind und es ermöglichen, die Menschen in ihrer Umgebung kennenzulernen“. Wie jene Privatkorrespondenzen einer jungen Stiftsdame, deren Briefe er in einem Archiv entdeckte. „Da erklärt dieses 16-jährige Mädchen seinen Eltern in einem Brief etwas, das wir heute ganz klar Mobbing nennen würden“, berichtet Schiersner. „Weil sie stottert, regt sich die Äbtissin auf, es kommt zum Streit.“ Auf diese „Ego-Dokumente“ gestoßen ist er bei seiner 2012 für seine Habilitation recherchierten Studie zur Kulturgeschichte adliger Frauen(-stifte) in der Frühen Neuzeit. Interessiert hat ihn bei seiner Forschung die Frage, was das Leben in einem Damenstift ausmachte.

Im Spannungsfeld zwischen Aufklärung, Reformation und Konfession bewegen sich Dietmar Schiersners Forschungsschwerpunkte. „Nur wer begreift, welchen Stellenwert Kirche und Religion für den Menschen haben, kann die Vormoderne verstehen“, sagt er. Das Thema Religion sei für seine Lehre an der Pädagogischen Hochschule (PH) in Weingarten eine Herausforderung – „weil wir in einer zunehmend säkularen Umgebung leben“. Dabei sei gerade die Religion für das Zusammenleben verschiedener Kulturen ein „immens wichtiger Faktor, der uns in unserer Gegenwart brennend interessieren müsste“, so Schiersner.

Seit 2006 ist er an der PH Weingarten tätig als Professor für Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit und deren Didaktik. Dort hat er die Erfahrung gemacht: „Ich kann heute nicht mehr vor die Studierenden treten und davon ausgehen, dass sie wissen, was ein Bischof ist oder welche Aufgaben ein Pfarrer zu erfüllen hat.“ Ihm ist es eine Herzensangelegenheit, den künftigen Lehrern beizubringen, „dass sie lernen, offene Augen zu haben für das, was sie umgibt, und dass sich dieses Interesse auch einmal auf ihre Schüler übertragen wird“.

Neugierde wecken möchte Schiersner. Von seinen Studenten wünscht er sich, dass sie „lernen, die Zeit im Raum zu lesen“. Die Praxisorientierung der Lehre an der Pädagogischen Hochschule macht für ihn den besonderen Reiz seiner Arbeit aus. „Ich war zuvor gerne Lehrer am Gymnasium, auch das wissenschaftliche Arbeiten hat mir enorm viel Spaß bereitet“, sagt er. „Eine akademische Laufbahn einzuschlagen, fand ich immer sehr toll und verlockend. Aber ich hätte nicht gedacht, dass sich mir einmal diese Chance bieten würde – schließlich gibt es so viele hervorragende Historiker“, sagt er.

Ob es die Bier- und Brauereigeschichte Oberschwabens ist, die der Geschichtsprofessor „sehr interessant“ findet, oder ob es adlige Unternehmer im 19. Jahrhundert sind – die Themenliste, die Dietmar Schiersner führt, ist lang und wird immer länger. „Aus meiner Liste mit Dingen, die mich interessieren, wird zunehmend eine Liste mit Themen, die ich mal in Ruhe angehen möchte“, sagt er. Doch es entspreche nicht seiner Herangehensweise, „im luftleeren Raum“ zu forschen. Vielmehr stünde im Mittelpunkt seines Interesses, den Anschluss an Diskussionen zu behalten und den fachlichen Austausch zu suchen.

Im Sommersemester der PH Weingarten wird Schiersner ein Forschungssemester einlegen. Auf seinem Stundenplan stehen dann die 40 Seiten einer der ältesten katholischen Schulordnungen aus dem 16. Jahrhundert einer Lateinschule, die Anton Fugger einst in Babenhausen errichtet hat.

Die Gegenwart, meint der Historiker, provoziere permanent Fragen, deren Antworten er in der Vergangenheit suchen und finden könne. Wenn er die Zeit findet, liest der Vater dreier Kinder gerne Gegenwartsliteratur; er mag Martin Mosebach. Doch die Historie lässt ihn nicht los: Fasziniert ist er besonders von der Geschichte Oberschwabens, weil „die historische und kulturelle Vielfalt der Region etwas ganz Wunderbares ist“, sagt Schiersner. Das Gebiet sei ein vielgestaltiger geschichtlicher Raum, der „in der Vorstellung der Menschen eine ausgeprägte historische und räumliche Identität besitzt“. Kein Wunder also, dass die Forschungsarbeiten des Geschichtsprofessors wieder und wieder um regionalgeschichtliche Fragestellungen kreisen. Das sei auch deshalb so schön, sagt er, weil „man nicht auf eine Zeit fixiert ist, sondern anhand des Raumes arbeiten und in viele Schichten vordringen kann. Ich muss nicht um 1800 Halt machen mit meinen Studien, weil dann Napoleon gekommen ist“.

Die Preisverleihung findet am Mittwoch, 23. Oktober, um 19 Uhr in der Aula der Pädagogischen Hochschule Weingarten statt.

Geboren 1970 im schwäbischen Krumbach, studierte Dietmar Schiersner Geschichte, Germanistik und lateinische Philologie in Augsburg, Würzburg und München. 2002 promovierte er mit einer Arbeit zur Konfessionsbildung in Vorderösterreich; seine Habilitation erfolgte 2012. An der Pädagogischen Hochschule Weingarten ist Schiersner seit 2006 Professor für Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit und deren Didaktik. Direktor des Zentrums für Regionalität und Schulgeschichte (ZeReS) ist er seit 2008, zudem ist er nebenamtlich seit fünf Jahren als wissenschaftlicher Leiter des Fugger-Archivs Dillingen tätig. (juma)

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