Was Robbie Williams und Hamlet verbindet: Opernwerkstatt am Rhein spielt Musical in Weingarten

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Ein Drama voller Rache, Blut und Tränen, zugleich ein Drama enttäuschter Hoffnungen, unerfüllter Liebe – nicht nur Shakespeares Otello oder Macbeth bieten Stoff für eine musikalische Umsetzung, sondern auch der „Hamlet“, den die Opernwerkstatt am Rhein am Mittwochabend als Musical auf die Bühne des Kultur- und Kongresszentrums gebracht hat.

Als italienische Oper von Franco Faccio und Arrigo Boito von 1865 war „Hamlet“ 2016 als deutschsprachige Erstaufführung bei den Bregenzer Festspielen zu erleben, als Schwelgen in italienischer Opernkunst, aber Hamlet als Musical? Die gut dreistündige Aufführung hat bewiesen, dass auch Musical geht. Die 2007 vom belgisch-deutschen Regisseur Sascha von Donat gegründete Opernwerkstatt am Rhein sieht sich als Plattform für den internationalen künstlerischen Nachwuchs, für junge Sänger, Komponisten, Regisseure und Performer, und Donat selbst hat für sie den „Hamlet“ inszeniert. Sein Konzept: Der klassische Shakespeare-Text wird in einer griffigen Übersetzung original gesprochen, so gut gekürzt, dass der Zusammenhang sichtbar bleibt, die Konflikte klar herauspräpariert sind. Der Text erhält keine eigene Vertonung, sondern ist versetzt mit aktueller Rockmusik, mit Texten, die das Geschehen überraschend genau treffen, was allerdings trotz guter Artikulation leider all denen entgeht, die des Englischen nicht genug mächtig sind und nur die Stimmungen erfassen können.

Kostüme im Stil von Steampunk

Stufen ziehen sich über die halbe Bühne, auf der oberen Plattform sitzt die sechsköpfige Live-Band unter der Leitung von Florian Caspar Richter, gespielt und auch getanzt wird auf den Stufen und dem Bühnenstreifen davor. Die abenteuerlichen Kostüme im Stil von Steampunk unterstreichen den Zeitenmix, spielen mit historischen Elementen. Zwei Paravents reichen, um Räume anzudeuten. Gesprochen wird das Drama sehr deutlich, in gehobener Sprache. Intensiv erlebt der Zuschauer die inneren Konflikte Hamlets wie auch die tiefe Zerrissenheit der Königin, die Selbstvorwürfe des Königs, der Frau und Thron durch Brudermord usurpiert hat. Komik bringt das akrobatische Paar Rosenkranz und Güldenstern ein, makabre Komik wie schon bei Shakespeare die um Ophelias Sarg tanzenden Totengräber. Getanzt wird in höfischer Manier zum Auftakt, als König Claudius Thron und Heirat feiert. Dazu kommt dichtes Puppenspiel, wenn die fahrenden Schauspieler den Königsmord aufführen, und eine packende Fechtszene am Ende.

Überdruss, Machtgier und Verrat

Doch da ist nun auch die weitere Dimension: die Musik. Einerseits in instrumentalen Passagen, die die Stimmungen unterstreichen oder zur nächsten Szene überleiten, dazu die Rock-Songs, Hits aus den achtziger Jahren bis heute, von den stimmgewaltigen Spieler-Sängern bestens interpretiert. Sie führen weiter, was der Text anlegt, kommentieren aus heutiger Sicht, zeigen, wie nahe uns Themen wie Überdruss, Machtgier oder Verrat heute sind. Die Songs stehen für sich oder fügen sich organisch in den Textfluss. Hier nur ein paar Beispiele: Robbie Willians „Let Me Entertain You“ bietet König Claudius an, „Why Do Lovers Break Each Others Hearts“, fragt Ophelia mit Showaddywaddy. „One Day, Baby, We’ll Be Old“ aus Asaf Avidans „Reckoning Song“ gibt Polonius seinem Sohn Laertes mit, „You Can Go Your Own Way“ von Fleetwood Mac die Königin ihrem Sohn Hamlet. Lily Allens „Fuck You“, wirft die verwirrte Ophelia der Gesellschaft entgegen.

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