Würdiger Rahmen für das vorerst letzte Konzert in der Weingartener Basilika

Lesedauer: 5 Min
Das komplette Ensemble 1684: v. l. Alice Ungerer (Sopran), Florence Pettet (Alt), Christopher B. Fischer (Tenor), Tobias Ay (Bas
Das komplette Ensemble 1684: v. l. Alice Ungerer (Sopran), Florence Pettet (Alt), Christopher B. Fischer (Tenor), Tobias Ay (Bass), in der Mitte die elf Instrumentalisten und der musikalische Leiter Gregor Meyer vor der Truhenorgel, rechts stehend Markus Berger (Bass), Alexander Hemmann (Tenor), Helene Erben (Alt) und Anna Sophia Backhaus (Sopran). (Foto: Dorothee L. Schaefer)
Dorothee L. Schaefer

Einen wahrlich würdigen Rahmen hat das vorerst letzte Konzert in der Weingartener Basilika bekommen, die nun erst einmal saniert wird, weswegen hier die kommenden Jahre vorerst keine weiteren Konzerte mehr stattfinden können. Und das zeigte dann auch Wirkung: zum Jubiläum des 400. Geburtstages von Johann Rosenmüller kamen mehrere Hundert Besucher in die größte barocke Kirche nördlich der Alpen.

Guten Zuspruch fand vorher auch die informative Einführung in Rosenmüllers Werk, die in Form eines Gesprächs zwischen Markus Berger, Bassist, Kulturwissenschaftler und Mitgründer des „Ensemble 1684“, und der Musikjournalistin Julia Hellmig im VHS-Seminarraum stattfand.

Vermutlich ging es vielen ähnlich, als sie das Programm lasen – Johann Rosenmüller, berühmter Komponist im 17. Jahrhundert, gefördert von Heinrich Schütz, später hoch gelobt von Bach oder Telemann – wer kennt ihn heute? Gäbe es da nicht seit 1995 die jahrelange Beschäftigung mit seinen etwa 300 Werken überwiegend geistlicher Vokalmusik und zahlreichen Neueditionen durch verschiedene Ensembles in Leipzig, Rosenmüllers Wirkungsstätte bis 1655, hätte der ehemals Hochberühmte auch der Vergessenheit anheim fallen können.

Das „Ensemble 1684“, nach dem Todesjahr von Rosenmüller benannt und 2014 von Gregor Meyer und Markus Berger gegründet, hat sich unter der künstlerischen Leitung des Gewandhauschorleiters Meyer vorwiegend der Musik dieses deutschen Komponisten und der Musik vor Bach verschrieben. Rosenmüller war 1655 von Leipzig, wo ihm ein Prozess drohte, nach Venedig geflohen. Dort wirkte er hoch angesehen fast ein Vierteljahrhundert; seine letzten Lebensjahre verbrachte er als Hofkapellmeister in Wolfenbüttel.

In voller Besetzung erklang zuerst sein großes „Magnificat“: mit einem Doppelchor (je zwei Mal Sopran, Alt, Tenor und Bass), zwei Zinken, drei Posaunen, je zwei Violinen und Violen, dem Violone und einem Dulzian. Letzterer mit seinem fagottähnlichen Ton zählt wie der Zink (trompetenähnlich) und der Violone (barocker Kontrabass) zu den zeittypischen Instrumenten, ebenso der vom Dirigenten gespielte Continuo. Der Lobgesang Marias entwickelte sich als ein zugleich rhythmischer wie lyrischer Dialog zwischen den Koloraturen der Solisten und den instrumentalen Verzierungen. Besonders die gestaffelten Passagen in der vierten Strophe im mehrfachen „exaltavit“, wirkten wie Töne, die über eine Himmelsleiter nach oben stiegen.

Ein längeres Vorspiel der Streicher leitete die Kantate „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden“ ein, eine herzliche Bitte der Seele um göttlichen Beistand. Von komplexer Tonalität war das von Sopran, Alt und Bass gesungene und von Continuo begleitete „Ego te laudo“, während „Der Name des Herren“ eine sehr eigene Dramaturgie besaß und zum Teil im Sprechgesang ausgeführt wurde. Im zweiten Hauptwerk, dem „Confitebor tibi Domine“ ließe sich ebenfalls eine Choreographie im Aufbau erkennen, so sehr wird es im Wechsel der Stimmen oder Tempi mal hochdramatisch betont oder emotional beruhigt. Schöne instrumentale Einleitungen hatten auch das zum Schluss fast fröhlich beschwingte „Christus ist mein Leben“ und eine längere das „Fürchte dich nicht“. Den Abschluss machte das gesanglich vielstimmige „Laudate Dominum“.

Als Zugabe für den nachhaltig begeisterten Applaus präsentierte das Ensemble den berühmten Sterbechoral Rosenmüllers „Welt ade, ich bin dein müde“, den Bach in seine Kantate BWV 27 im Jahr 1726 Note für Note übernommen hatte. Eine sehr anrührende Musik, die wie viele andere, neu gehörte musikalische Ideen und Motive von diesem Abend in starker Erinnerung bleiben werden.

Meist gelesen in der Umgebung
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen