Von der Kunst des musikalischen Geräuschs

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Alles ist Bewegung bei den Talking Drums, dem Schlagzeugensemble der Musikhochschule Stuttgart.
Alles ist Bewegung bei den Talking Drums, dem Schlagzeugensemble der Musikhochschule Stuttgart. (Foto: Dorothee L. Schaefer)
Dorothee L. Schaefer

Ein begeistertes Publikum hinterließ das 13 Köpfe zählende Schlagzeugensemble der Musikhochschule Stuttgart „Talking Drums“, das zusammen mit seinen beiden Professoren, der aus Kattowitz stammenden Marta Klimasara und dem Stuttgarter Klaus Sebastian Dreher, das Kultur- und Kongresszentrum in Weingarten zum Beben brachte. Nicht voll besetzt war der Saal, denn auf reine Perkussion springt nicht jeder an, wenn auch das Programm, das unter anderem Debussy, Bach und Stockhausen zusammenband, sich spannend las.

Eine volle Bühne, auf der im Laufe des Abends öfter umgebaut wird, alle kommen in Schwarz, bei den Perkussionisten soll nichts das Auge ablenken. Und sie beginnen mit einem aktuellen Arrangement des ersten Teils von Debussys „La mer“, dem sehr langsamen und zarten Stimmungsbild der Morgendämmerung. Zunächst befremdlich, da ist zu Beginn ein Glockenklang, aber wo bleiben die Bläsertöne, die Streicher in dieser Musik? Dann aber, nach dem sehr schönen Mittelstück, ist man plötzlich doch angekommen im französischen Impressionismus und staunt über die Verwandlung eines Orchesterstücks in Perkussion.

Die Erklärung übernimmt Klaus Sebastian Dreher, der sich in diesen zwei Stunden auch als ein idealer Moderator erweist. So viel Information, gut und frei formuliert, zur Geschichte und Entwicklung der Perkussion, die zu den ältesten Kulturen der Menschheit gehört, hört man selten, und es blieb die ganze Zeit über lehrreich und interessant. Denn die geistige Verbindung zwischen zwei bekannten Werken der Minimal Music von Steve Reich – rhythmisches Klatschen und Schlaghölzer – , die zehn Spieler virtuos und konzentriert ausführen, und dem Stück „Double Groove“ des 1936 geborenen Eckhard Kopetzki wird so deutlicher. Dessen subkutaner Rhythmus wurde von den beiden jungen Preisträgern Maximilian Hangleiter und Simon Krumm der Musikschule Ravensburg (Klasse Marion Hafen) präzis herausgearbeitet und vom Publikum bejubelt.

Auch Stockhausens filigrane Sternzeichen-Melodien von 1974, alternierend mit Bachs Sarabande und Gigue aus der Suite Nr. VI, für je zwei Spieler gefallen, besonders auch „Clash-Music“ von Nikolaus A. Huber, Jahrgang 1939, für fünf Paar Becken, rhythmisch gegeneinandergeknallt oder leicht gerieben.

Ein weiterer Höhepunkt ist dann der erste Auftritt von Marta Klimasara, zierlich, beweglich, in weiten schwarzen Hosen, und von Hyeji Bak aus Korea, beide Virtuosinnen auf der Marimba. Zusammen mit drei Schlagzeugern spielen sie den Klassiker „Marimba Spiritual“ der Japanerin Minoru Miki von 1984, ein beschwörendes Stück mit dem Ruf nach Regen, sehr asiatisch, ein wenig an Tempelmusik erinnernd.

Im zweiten Teil des Konzerts verblüffen 14 Spieler mit dem 2002 für sie geschriebenen Stück „Talking Drums“ von Klaus Sebastian Dreher, der sich mit dem weiteren Stück „Pat's Café“ als Komponist vorstellt. Dazwischen Arrangements von Iannis Xenakis für die beiden Marimba-Solistinnen und von Maurice Ravel, bearbeitet und gespielt von Tom Goemare und Florian Hock. Völlig aus dem Rahmen fällt eine Art Tanztheatersolo von Marta Klimasara, „Corporel“ von Vinko Globokar, das leider nur die vorderen Reihen sehen konnten, das aber klar machte, dass auch der Körper selbst als Instrument der Perkussion begriffen werden kann.

Im letzten gemeinsamen Auftritt „The Taste of Korean Drums“ der Koreanerin Se-Mi Hwang, Jahrgang 1987, mit 13 großen Trommeln wurde es dann richtig wild. Einfach fantastisch, die Präzision, die Spielfreude, die Spannung, die Musikalität, die Körperbeherrschung.

Und zum Schluss wurden alle mit Namen und Herkunftsland vorgestellt, 16 junge Persönlichkeiten aus Deutschland, Frankreich, Spanien, Kolumbien, Korea, Japan - das ist Musik, eine Kunst ohne nationale Grenzen mit Könnern aus aller Welt!

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