Vom betörenden Charme der Intonation

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 Immer aufmerksam den Hörenden zugewandt: Jan Wagner bei seiner Lesung mit anschließender Signierstunde im Weingartener Schlössl
Immer aufmerksam den Hörenden zugewandt: Jan Wagner bei seiner Lesung mit anschließender Signierstunde im Weingartener Schlössle. (Foto: Dorothee L. Schaefer)
Dorothee L. Schaefer

Vom Literaturkreis Weingarten initiiert, fand eine Lesung von Jan Wagner im Weingartener Schlössle ein so zahlreiches Publikum, dass der Saal fast an seine Grenzen kam.

Alfred Plewa, Professor an der Hochschule Ravensburg-Weingarten (RWU), stellte den Büchner-Preisträger von 2017 vor: 1971 in Hamburg geboren, in Schleswig-Holstein aufgewachsen, Studium der Anglistik in Hamburg, Dublin und Berlin: neun Gedichtbände und drei Prosabände sind seit 2001 entstanden. Außerdem arbeitet Jan Wagner als Übersetzer und Herausgeber von englischer und amerikanischer Literatur.

Kann man als Lyriker überhaupt Ansehen in der Gesellschaft gewinnen? Mit dieser eher rhetorischen Frage stieg Wagner in seine Lesung ein und nahm seine Bahnanreise aus Berlin-Neukölln "mit "Schienenersatzverkehr" aus Richtung Biberach, zum Anlass, eine kleine Passage aus einer Rede zu Mörike mit einem Lob der unbekannten Ortsnamen im Schwäbischen zu verbinden. Das Misstrauen gegenüber der Dichtkunst im Lande sei doch gewaltig und habe sich in der sprachlosen Missachtung der über 90-jährigen Freundin seiner Großmutter bei deren Geburtstag gezeigt.

Jan Wagner, zunächst fast übersprudelnd von herzlicher Zugewandtheit, hat beim Vorlesen eine weiche Stimme, die sich mit einer wunderbaren Intonation ins Ohr schmiegt. Durch die Wärme der Stimme und die Genauigkeit von Betonung und Aussprache folgt das Gehirn willig den lyrischen Gedankensprüngen.

Worum geht es nun bei den Gedichten? Ein paar Titel und ihre Kernaussage: "Alter Biker" in der Einöde von Montana, "Der Rettich" als Albinogott, "Die Kapitäne", ausgemustert, schlüpfen bei den Witwen unter, eine "Elegie auf einen Lateinlehrer" ("vielleicht nur eine Frage der Grammatik, dass sie stets älter wirkten"), "Die Strähne" über das Problem, "mit Würde kahl zu werden".

Danach ein kurzes Prosastück, eine Selbstvorstellung, welche die Gedichte vorher im Licht des Autobiographischen aufblitzen lässt und mit feiner Selbstironie auflädt. Über Tiere macht er sich Gedanken in Form von 'Ghaselen', die arabische Reimform der Wiederholung, die persische Dichter verwandt haben und die im 19. Jahrhundert von Rückert oder Goethe aufgenommen wurden. Die Krähen, Marder, das Kamel haben es ihm besonders angetan, aber auch jedes normale Ding wie ein Bettlaken könne für ihn zum lyrischen Gegenstand werden.

Auf seiner "Postkarte aus Neukölln" gruppiert er Müllmänner in Signalfarbe zu einer aufgeblühten Gerbera, einen Ramschladen in Rom schildert er als Gruselkabinett "von unvorstellbarem textilen Schrecken". "Ein Onkel" wird zum Hosenträger-Fesselballon, "Tang" oder "Muff" mutieren zu seltsam lebendigen Wesen.

Zum Abschluss eine Kostprobe aus der Werkstatt des Übersetzers, hier "Errata" des amerikanischen Blues-Poeten Kevin Young. "Nur ähnlich spielen" sei hier möglich, meinte Wagner, las das Original und dann seine wort-, silben- und sinnverdrehende Nachdichtung, elegant auf dem Grat zwischen Dada und Esprit balancierend. Ein inspirierender Abend, vom Publikum mit interessierten Fragen und großer Begeisterung bedacht.

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