„Volksdampf“ begeistert Zuhörer mit Hinterhältigem

Lesedauer: 4 Min

 Reiner Muffler, Lisa Greiner und Suso Engelhart machen „Volksdampf“ in der Linse.
Reiner Muffler, Lisa Greiner und Suso Engelhart machen „Volksdampf“ in der Linse. (Foto: Anna Maria Blöchinger)
Anna Maria Blöchinger

Lisa Greiner, Suso Engelhart und Reiner Muffler trotzen in der Linse Tod und Tabu. „Schöne Grüße aus dem Hinterhalt“ heißt ihr neues Programm. Mit schwäbischem Sprachklang, mit Gitarren, Geige, und Glockenspiel umrahmen sie ihre politisch unkorrekten Blödeleien. Sie lassen lachen und nachdenken. Das Publikum ist hellauf begeistert.

„Wir sind für sie da. Wir sorgen uns um das Publikum. Wir möchten Sie nicht verletzen“, versicherten die drei Kabarettkünstler zur Einführung ins Programm. Das ließ Schlimmes befürchten. Ob es sich um NPD- oder CDU-Mitglieder, die Zeitung, die Oberlehrer, um Moslems, Schwule oder Sportschützen handelt, es könnte ja einer davon im Publikum sitzen und sich wehren. „Wen können wir überhaupt noch in die Pfanne hauen?“ fragte Lisa Greiner. Trotzdem packt „Volksdampf“ ein paar heiße Eisen und wirklich wichtige Fragen an. Lisa Greiner war dabei bewundernswert locker und um Ausgleich bemüht, Reiner Muffler wusste eloquent die Nerven zu verlieren und Suso Engelhart überraschte mit wissenschaftlicher Bildung und Comedy nahem Familienhintergrund. Ihre Songs und Jodeleinlagen boten nach dem temporeichen Denkstress Erholung und Zeit.

Bildschirmdebile Medienjunkies

Nach der Besprechung bildschirmdebiler digitaler Medienjunkies tauchte die Frage auf: Was kommt nach dem Tod. Der Grabstein mit Email-Adresse und Homepage? Reiner Muffler befürchtete schlechten Empfang im Jenseits. Suso Engelhart hielt gar ein Fernstudium für möglich. Was ist Geld im Jenseits wert, wer ist wirklich reich? Was ist unsere Kultur, gehört der Islam dazu? Sind wir etwa Burka oder doch eher Mallorca? „Volksdampf“ spitzte die Themen scharf zu und brach sie systematisch ins Unsinnige ab. Der schwäbische Tonfall verleitete zu absurden Höhenflügen und ließ von der Kontinentalplatte zur Inkontinenzplatte springen. Da die Frage nach der seit der Lenor-Werbung einer Gehirnwäsche unterzogenen Moral noch nicht gut neurologisch gelöst werden kann, geht „Volksdampf“ sie phantastisch poetisch an. Nach der Erörterung von Wertvorstellungen stellen sie die Welt gern mal auf den Kopf und singen: „Alles verkehrt, alles verdreht, er steht am Herd… und der Penner wird zur Majestät.“

„Fühlen Sie sich sicher, auch hier in der Linse?“ fragte „Volksdampf“ die Zuhörer im ziemlich vollen Saal. Auch wenn sie dem verehrten Publikum nicht zu nahetreten wollten, bemühten sich das Künstlertrio es kennenzulernen. Es könnte ja ein Terrorist darunter sein. Diese Vorstellung ließen sie ihre Gäste genüsslich auskosten. „Ist jemand bewaffnet?“ fragten sie und warteten. Innere Bilder von waffentragenden Zuschauermengen in Sälen oder Fußballstadien ließen das Publikum erstarren. Im spöttischen Song vom schützenswerten Sportschützen lösten die Musikanten die anfängliche Panik auf und ernteten Bewunderung für ihre kraftvoll dampfende Poesie.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen