Das groß besetzte Ural Philharmonic Orchestra passte mit seinen knapp 90 Mitwirkenden grade noch so auf die Bühne und entfessel
Das groß besetzte Ural Philharmonic Orchestra passte mit seinen knapp 90 Mitwirkenden grade noch so auf die Bühne und entfesselte unter seinem Dirigenten Dmitry Liss (Zweiter von links) eine beeindruckende Klanggewalt. Star des Abends war Pianist Dmit (Foto: Dorothee L. Schaefer)
Dorothee L. Schaefer

Mehr als 600 Gäste sind zum Konzert des Ural Philharmonic Orchestra und des Pianisten Dmitry Masleev ins Weingartener KuKo geströmt. Das mit knapp 90 Mitwirkenden groß besetzte Symphonieorchester, seit 1936 bestehend und eines der besten Russlands, füllte nicht nur die Bühne zur Gänze aus, sondern erfüllte unter der Leitung seines dynamischen Dirigenten Dmitry Liss auch den ganzen Raum mit einem überwältigenden Klangeindruck, der sicher ganz im Sinne der drei Komponisten gewesen wäre. Nach rund eindreiviertel Stunden reiner Spieldauer waren Publikum und Orchester nichts anderes als glücklich erschöpft.

Das Konzert begann schon opulent mit Rimski-Korsakows Bearbeitung von Modest Mussorgskis „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“, einer Komposition mit einer kuriosen Geschichte, denn sie wurde zwar 1867 komponiert, aber erst 1889, völlig neu orchestriert von Rimski-Korsakow, dem Publikum bekannt; 1968 kam die Urfassung zur Aufführung. Mit fünffachem Schlagwerk, Glockenspiel und großem Gong, einer Harfe und einem großartigen 25-teiligen Bläserchor setzte Dirigent Dmitry Liss starke Akzente und hielt gleichzeitig ebenso inspiriert wie präzise den Riesenapparat mit insgesamt über fünfzig Streichern zusammen. Denn allein die sieben Kontrabässe und die zehn Celli unterlegten zusammen mit den Bratschen einen solch üppigen und warmen Klang, dass es einem bei dieser vierteiligen Suite – die Mussorgski nach einer Erzählung von Nikolai Gogol vertonte – mit ihren an Dramatik kaum zu überbietenden Stimmungsbildern und einer Fülle von einzelnen Soli trotz des Wahnsinnsvolumens von Klang nicht bange wurde.

Fast unverändert blieb das Orchester zum 3. Klavierkonzert in d-moll von Sergej Rachmaninow, also in großer Besetzung bei dem Konzert von 1909, das als schwierigstes überhaupt gilt. Für Masleev war es – nach Friedrichshafen und Vaduz – das dritte Mal beim Bodenseefestival, dass er dieses Konzert spielte. Vor Beginn hätte man fürchten können, dass das Orchester die Klavierstimme mit seinem Riesenvolumen überlagern könnte, aber diese Sorge war größtenteils unbegründet. Denn grade die lyrischen Passagen des Klaviers, in denen die überbordende Virtuosität gezügelt wird, begleitete das Orchester mit perfekter Sensibilität, sowohl in einzelnen Soli wie auch in den wunderbaren Übergängen zwischen den Klavierkadenzen. Masleevs Spiel gab nur zum Staunen Anlass; immer virtuos, präzis, aber auch leichthändig und poetisch, fand er trotz aller Fingerartistik immer wieder zur Struktur der Musik zurück. Für den Beifallssturm bedankte sich der viel jünger wirkende 30-jährige Pianist mit dem heiter-virtuosen Stück „Football“ von Schostakowitsch, was einen weiteren Riesenapplaus auslöste.

Nach der Pause erschien das Orchester in voller Besetzung mit fünf Perkussionisten zu Dmitri Schostakowitschs 10. Sinfonie in e-moll op. 93, 1953 nach dem Tod Stalins uraufgeführt und meist als autobiografisch gedeutet. Die viersätzige Komposition beginnt mit einer wunderbaren Stimmungsmalerei und einem zarten musikalischen Gewebe, das sich dann in vielen einzelnen Schritten zu einem nie ganz einheitlichen Klanggemälde in verschiedensten Farben entwickelt. Eine knappe Stunde lang tauchte man in einen Klangkosmos mit so vielen widerstreitenden und sich ergänzenden Stimmen ein, in ein emotionales wie intellektuelles Wechselbad, dass diese großartige Aufführung einen fast - wie einmal einen der Paukisten – aus den Schuhen hob. „Das war noch toller als das Eröffnungskonzert“, meinte ein Besucher im Hinausgehen und sprach wohl einigen treuen Besuchern des Bodenseefestivals aus dem Herzen.

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