Ungewöhnliches Duo spielt bei einem Konzert mit neun Gitarren

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Wolfram Frommlet

Eine passendere Konzertbühne bekommt man selten. An Hunderten von Gitarren jeglicher Bauart vorbei erklimmt man den Raum unterm Dach des Gitarrenladens. Schon nach dem eröffnenden Solo hat Jule Malischke dem Publikum demonstriert, was ihre Hände aus diesem Instrument herausholen.

Komplexe Griffe, die in minutiösen Glissandi in die nächsten Quinten und Oktaven eilen, entschieden, präzise ihre Technik, die sie sekundenhaft in feine Zwischenstimmungen ändert. Im ersten, von ihr komponierten Stück bereits ahnt man, dass sie geprägt ist von Elementen des Soul, von lyrischen, emotionalen, erzählerischen Songwriter-Traditionen. Und dafür an der Carl-Maria von Weber Hochschule in Dresden den richtigen Professor in der Meisterklasse gefunden hat, mit dem sie auf Tour ist: Stephan Bormann. Ein ungewöhnliches Duo – Meister und Meisterschülerin. Ein vergnügliches Duo, einen Abend lang musikalische Flirts, auf Augenhöhe, mit gegenseitigem Respekt für Geschmacksunterschiede zwischen zwei Generationen mit unterschiedlicher Musiksozialisation.

Erfrischend flippig

Jule Malischke ist manchmal kaum zu bremsen in ihrer mit 32 Jahren noch jugendlichen Leichtigkeit, die gelegentlich droht überzukippen in ein allzu poppiges „Don’t worry be happy“, egal was dir passiert. Blitzschnelle Schläge auf die Gitarre, percussionistische Miniaturen, irre Tempi, erfrischend flippig immer wieder. Stephan Bormann hält die musikalische Struktur zusammen, sodass die kompositorischen Fantasien seiner Meisterschülerin deutlich bleiben und nicht im Drive davonfliegen. Jule Malischke ist auch Sängerin – meist der eigenen Songs. Leichte, ungepresste Höhen, sie hat ein mitreißendes Flair in der Stimme, cool, ein Kick Distanziertheit zu den eigenen Geschichten, ermutigend, wenn sie von der geplatzten Liebschaft erzählt, stimmlich zauberhaft, manches in den englischen Lyrics stellenweise in den wie manche andere in Englisch allzu gefällig. Sprachlicher Mainstream. Als Songwriterin ist sie in ihren deutschen Texten weit überzeugender, riskanter, frei dem, was im Englischen Vorbild ist, und sei es unbewusst.

Diese Songs sind Gedankenfetzen, Erinnerungen, sie sind authentisch, sie ist, wozu sie ihr Publikum auffordert: Ich. Und die Kompositionen sind experimentellere Reaktionen auf ihre eigene Sprache. Stephan Bormann wird tiefer, melodiöser. Das sind die Höhepunkte zwischen den beiden: Wenn sie eine Ballade erzählt, mit der Gitarre und der Stimme eine Einheit, gehauchte Stimmungen, winzige Ritardandi, wenn Bormann zum erzählerischen Partner wird, in seiner Form, „seinen“ Gitarren, seinem Altersunterschied. Innere, äußere Stimmen in spielerischen Dialogen. Und wundervoll befreit von den großen Ikonen, in eine ganz eigene Ästhetik transferiert, die Covers von zwei der Größten: Stevie Wonders „Sir Duke“ – der irrwitzig schnelle, im Original von fetzigem Blech dominierte Welthit mit zwei Gitarren und Jule Malischkes Stimme als idealem Pendant zu Stevie Wonder.

„Dubdub duu“ passt nicht dazu

Ebenso souverän, in eine ganze eigene Gitarrenform adaptiert: Ed Sheerans Hit „Shape of you“ – mit brillanter Technik in atemberaubenden Tempi. Ein winziges, seltenes Hörerlebnis in diesem Konzert als subtile Dauerzugabe: wie Stephan Borman die klanglichen Charakteristika seiner verschiedenen Gitarren hörbar macht und damit sich verbeugt vor dem, was der Ort der Veranstaltung ja verkörpert – die uralte Kunst des Instrumentenbaus. Noch immer auch in Zeiten der Digitalisierung exquisite Händearbeit, die an diesem Abend von vier virtuosen Händen zu Musik wurde.

Ein schaler Beigeschmack aber blieb danach. Warum braucht eine hochbegabte junge Musikerin, die bereits zahllose renommierte Preise gewann, eine Animations-Masche, in der das Publikum mit den Fingern schnippt, nach Geschlechtern getrennt einen Text singen darf – Eigenzitat „mehr als simpel“ – „dubdub duuu, dubdub du“. Warum müssen wir, leicht verspaßt und vergagt, 30 Mal die neue CD angepriesen bekommen und, was sie selbst als Werbeblock bezeichnet, von Workshops erfahren, die sie in der Welt abhält und was sonst noch alles. Kann man, völlig okay, auf der eigenen Seite ins Netz stellen.

Warum bremst Stephan Bormann, der mit der Jazzgröße Till Brönner, mit dem Meister für E-Gitarre Thomas Fellow oder der Leipzig Jazz Band auftritt, ganz gewiss alle ohne dieses Gaga, warum bremst er dies bei seiner Meisterschülerin, die dergleichen längst nicht mehr nötig hat, nicht aus?

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