Umsteigen aufs Rad für mehr Lebensqualität

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 Bei Ravensbuch und auch bei der TWS sind Lasten- wie Dienstfahrräder im Einsatz. Marco Wolpert, Martin Riedmüller, Philipp Per
Bei Ravensbuch und auch bei der TWS sind Lasten- wie Dienstfahrräder im Einsatz. Marco Wolpert, Martin Riedmüller, Philipp Perchner und Gabriele Schnell (von links) präsentieren die Modelle. (Foto: Margret Welsch)
Margret Welsch

Ob Dienstrad, Lastenrad oder E-Roller – das Potenzial der Zweirad-Fortbewegung ist enorm und boomt. Sie ist schadstoffarm und hat das Zeug, als Autoersatz Städte lebenswerter zu machen. Über Trends und Nutzungsmöglichkeiten informierte und diskutierte die Initiative Grüner Weg mit Publikum im Weingartener Kulturzentrum Linse. Fazit: Gesellschaft und Politik müssen umdenken, Radwege in der Region verbessert werden. Moderatorin war die Klimamanagerin Veerle Buytaert.

Die Initiative Grüner Weg ist ein Zusammenschluss von bislang 14 Unternehmen, die sich verpflichtet haben, klimafreundlich zu wirtschaften, mit dem Ziel, das Schussental eines nicht allzu fernen Tages CO2 frei zu bekommen. Vor acht Jahren gegründet, ist die Gruppe auch Impulsgeber für andere, einschließlich Kommunen.

Bei der Veranstaltung in der Linse ging es um Zweirad-Mobilität. Immer stärker nachgefragt wird sie nicht mehr nur von Privatpersonen, sondern auch von Firmen. Ein innovatives Verhalten, womit man in Zeiten von Fachkräftemangel, laut der beteiligten Unternehmen, für Mitarbeiter Anreize schaffen kann, einschließlich E-Roller für Azubis, wie es die Firma Gabriel hält. Und auch der Marketingeffekt sei nicht zu unterschätzen. So bieten die Firmen Burk, Schellinger oder die Technischen Werke Schussental (TWS) Dienstfahrräder an. Dabei erwirbt das Unternehmen über einen Zwischenhändler für den Mitarbeiter das gewünschte Rad, dass dieser dann über drei Jahre leasen, Steuervorteile genießen, und danach, wenn er will, für einen geringen Prozentsatz des Neupreises erwerben kann. Mit Diensträdern entspannt sich im Übrigen die Parkplatzsituation der Firmen, auf einen Autostellplatz passen mehrere Räder.

Aber nicht nur Dienst-, und Betriebsräder sind im Einsatz. Auch Lastenräder. Gute Erfahrungen hat damit die Buchhandlung Ravensbuch gemacht, die die Bücherbestellungen im Ravensburger Stadtgebiet via Fahrradkurier liefert. Die Werbewirkung dieses Gefährts sei beachtlich, so Martin Riethmüller. Was auch Dirk Weltzin, der Leiter der Integrationswerkstätten Oberschwaben, bestätigen kann. Mit ihrem Lieferservice „Iwo bringt’s zu dir“, werden Einkäufe in die Wohnung gebracht. Viel zu wenig würden Einzelhändler diese Möglichkeit nutzen. Weltzin bringt neben Umwelt-, Gesundheits- und Spareffekten noch den sozialen Aspekt mit ins Spiel, durch Kurierjobs Menschen mit Behinderung Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Der Fahrradhändler Stefan Pochert sieht in den platzsparenden Transportern einen „Hoffnungsträger für urbane Mobilität und nachhaltige Stadtentwicklung“. Wozu auch E-Roller gehören, die aus dem Schatten des Fahrradbooms derzeit jedoch nur schwer herauskämen, wie Markus Nöser-Baldi von E-Scooter Bodensee berichtet.

Einig sind sich Podium und Publikum, dass das Radwegenetz im Schussental noch verbesserungs- und ausbaufähig ist. Da mangelt es, nach Ansicht mancher, am politischen Willen. Was Christian Herrling, dem Leiter des Stadtplanungsamtes Ravensburg, mit auf den Weg gegeben wird. Martin Hulin vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club Ravensburg plädiert dafür, neben den genannten Vorteilen des Radelns über Spaßhaben die Leute verstärkt in den Sattel zu bringen. Womit man wieder bei der, auch von Helmut Schellinger angemahnten, defizitären Rad-Infrastruktur ist, die mit holprig schmalen Radwegen oder überhaupt keinen Seitenwechseln und anderen gefährlichen Hindernissen solche Freude schnell ausbremst. Mehr Geld müssten die Kommunen in die Hand nehmen, meint Hulin, und sich ein Beispiel an der Fahrradstadt Kopenhagen nehmen, die pro Einwohner 23 Euro im Jahr für Radverkehr ausgibt, Ravensburg hingegen nur fünf Euro. „Es geht darum, Leben in der Stadt zu gestalten, so dass alle glücklich sind“, sagt Hulin, und die Dänen seien eines der glücklichsten Völker. Neben Geld brauche es Platz und Prioritäten, „Fahrradweg oder Parkplatz“. Der Geschäftsführer der TWS, Andreas Thiel-Böhm, appellierte an die Politik, konsequenter die Umverteilung des Raumes vorzunehmen. Um die Klimaziele zu erreichen müsste in Deutschland bis 2030 der Radverkehr verdoppelt werden. „Wir müssen alle mitnehmen, Gesellschaft und Politik und Mobilität gesamt denken, nur so schaffen wir es“, resümiert die Klimamanagerin des Verbandes Mittleres Schussental, Veerle Buytaert.

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