Studenten bauen deutsche Kriegs-Maschine nach

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Alt und neu: Rechts eine historische Enigma, links der Nachbau, der jedoch noch nicht ganz fertig ist.
Schwäbische Zeitung

Im Zweiten Weltkrieg war sie eines der bestgehüteten Geheimnisse der Nazis. Mit der „Enigma“ (griechisch= Rätsel) hat die Wehrmacht militärische Funksprüche verschlüsselt. Die Alliierten brauchten Jahre, um den Code zu knacken. An der Weingartener Hochschule wird die Enigma mit Unterstützung der Biberacher Firma Kavo nachgebaut. Erstmals stellten die Wissenschaftler die Baupläne jetzt auch ins Internet.

Von unserer Redakteurin   Annette Vincenz

Kryptologen kennen die meisten nur aus Romanen von Dan Brown. Mit ihren hellen Köpfchen knacken sie dabei Codes, die sie auf die Spur von versteckten Schätzen bringen, etwa dem Heiligen Gral. In der wirklichen Welt beschäftigen sich Kryptologen eher mit der Verschlüsselung von Daten, die sicher im Internet verbreitet werden sollen – ohne dass sie jemand auf dem virtuellen Postweg liest. Angesichts weltweiter Industriespionage ein wichtiges Unterfangen.

Die Kryptologie ist neben der künstlichen Intelligenz auch ein Forschungsgebiet von Professor Dr. Wolfgang Ertel. Der Informatiker der Hochschule Ravensburg-Weingarten hat mit Studenten ein ehrgeiziges Projekt ins Leben gerufen: Er baut die „Enigma“ der Nazis nach, die bekannteste und im Vor-Computer-Zeitalter beste Chiffriermaschine der Welt. Von den zehn Exemplaren will er eines zu Unterrichtszwecken behalten, eines behält die Firma Kavo, in deren Lehrwerkstatt die Enigma nach den Plänen der Hochschule zusammengebaut wird, die übrigen sollen an Museen und ähnliche Einrichtungen verkauft werden, um weitere Forschungen zu finanzieren. „10000 Euro wird man wahrscheinlich dafür nehmen können“, meint Ertel. So viel kosteten schon Originale, selbst wenn diese völlig verrostet wären und nicht mehr funktionierten. „Für gut erhaltene Exemplare, die jemand auf dem Speicher findet, zahlen Sammler sogar 40000 oder 50000 Euro“, weiß Ertel.

Auf den ersten Blick sieht die Enigma aus wie eine altmodische Schreibmaschine. Die hat es allerdings in sich. Im Wesentlichen besteht sie aus der Tastatur mit den 26 Buchstaben des Alphabets (ohne Umlaute), einem Satz von drei austauschbaren Walzen und einem Lampenfeld zur Anzeige. Der Walzensatz ist das Herzstück zur Verschlüsselung. Die drei Walzen sind drehbar angeordnet und weisen auf beiden Seiten für die 26 Großbuchstaben des Alphabets 26 elektrische Kontakte auf, die durch 26 Drähte im Inneren der Walze unregelmäßig miteinander verbunden sind. Drückt man eine Buchstabentaste, so fließt elektrischer Strom von einer in der Enigma befindlichen Batterie über die gedrückte Taste durch den Walzensatz und lässt eine Anzeigelampe aufleuchten. Der aufleuchtende Buchstabe entspricht der Verschlüsselung des gedrückten Buchstabens. Da sich bei jedem Tastendruck die Walzen ähnlich wie bei einem mechanischen Kilometerzähler weiterdrehen, ändert sich das geheime Schlüsselalphabet nach jedem Buchstaben.

Es entsteht also nicht eine simple mono-alphabetische Verschlüsselung, bei der ein Buchstabe jeweils immer demselben anderen Buchstaben zugeordnet wird, sondern eine poly-alphabetische. Durch die verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten der Steckverbindungen entstehen Trillionen Code-Möglichkeiten, das ist eine Zahl mit 18 Nullen. Die Deutschen hatten Codebücher, anhand denen erst vierteljährlich und später täglich wechselnd Codes für die Dechiffrierung ausgegeben wurden. Zehntausend Menschen waren im nahe London gelegenen Bletchley Park in drei Tagesschichten damit beschäftigt, die deutschen Funksprüche für die Alliierten zu knacken. Einem polnischen Kryptoanalytiker namens Marian Rejewski war es zuvor gelungen, die Maschine so nachzubauen, dass ihre Codes entschlüsselt werden konnten. Es begann ein Rüstungswettlauf anderer Art. Die Deutschen machten ihre Enigma immer komplizierter und wechselten die Codes immer häufiger, die Alliierten entwickelten 1943 schließlich den Computer Colossum, der die Codes knackte.

Heute geht man laut Ertel davon aus, dass das den Krieg um zwei Jahre verkürzt hat. Manche Historiker meinen sogar, dass die Entschlüsselung der Enigma und ähnlicher Maschinen kriegsentscheidend war, denn der gesamte Funkverkehr konnte so abgehört werden: Heer, Luftwaffe und Marine, aber auch Polizei, Geheimdienste, diplomatische Dienste, SS, Reichspost und Reichsbahn vertrauten darauf.

Die Informatik-Studenten gingen beim Nachbau genauso vor wie die historischen Codeknacker: Sie zerlegten eine echte Maschine im Wehrtechnischen Museum Koblenz und zeichneten mehr als hundert detailgenaue Pläne von ihrem Innenleben. Anhand dieser Pläne wird bei Kavo in Biberach die Enigma in der Lehrwerkstatt nachgebaut. Das Projekt läuft natürlich nebenbei, und es wird deshalb noch ein bis zwei Jahre dauern, bis die Maschine fertig ist, so Ertel. In der Fachzeitschrift „Cryptologia“ soll demnächst ein Artikel mit den Forschungsergebnissen publiziert werden, im Internet stehen die Pläne jetzt schon. „Wir verstehen uns als Wissenschaftler und publizieren kostenlos“, meint der Informatik-Professor, der mit dem Enigma-Nachbau das Renommee der Hochschule steigern will. Allerdings glaubt er nicht, dass ein Hobbybastler sie einfach so nachbauen kann, ohne entsprechende Präzisionsgeräte. „Ein Hobbybastler arbeitet ein ganzes Leben daran und wird trotzdem nicht fertig.“

Die Baupläne sind im Internet kostenlos unter http://www.enigma.hs-weingarten.de erhältlich

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