Student auf dem Martinsberg und „Barkeeper“ im Café Himmel

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 Ein Lehrer und 70 Kinder einer Dorfschulklasse. Der zweite Band der Lebenserinnerungen „Aus der Oberschwäbischen Lehrerschmiede
Ein Lehrer und 70 Kinder einer Dorfschulklasse. Der zweite Band der Lebenserinnerungen „Aus der Oberschwäbischen Lehrerschmiede“ von Ludwig Zimmermann liegt nun vor. (Foto: Privat)
Günter Peitz

Zur Geschichte gleich dreier oberschwäbischer Städte, insbesondere ihrer Lehrerbildungs-Einrichtungen beziehungsweise Schulen, hat der Volks- und Realschullehrer im Ruhestand Ludwig Zimmermann (80) in Mochenwangen, Kommunalpolitiker, Sportfunktionär und Chronist mit dem jetzt erschienenen zweiten Band seiner Lebenserinnerungen lesenswerte Beiträge geliefert: Bad Saulgau, Weingarten und Laupheim, außerdem zur Dorfschulgeschichte von Schwendi und Baienfurt.

Anekdoten und Erlebnisse

Unter dem Titel „Aus der oberschwäbischen Lehrerschmiede“ schildert er im ersten Teil anekdotenreich seine Erlebnisse als Schüler der stark musisch und sportlich ausgeprägten Saugauer Lehreroberschule (LOS). Im zweiten Teil, der hier im Mittelpunkt stehen soll, ist nachzulesen, wie ihm und den anderen Studierenden von 1958 an auf dem Martinsberg in Weingarten im damaligen Pädagogischen Institut (PI), heute Pädagogische Hochschule, das Rüstzeug für den Lehrerberuf vermittelt wurde, wobei auch das von ihm und seinen Kumpels stark frequentierte damalige Szenelokal, das legendäre „Cafe´Himmel“ unterhalb der langen Basilikatreppe linker Hand am Münsterplatz gebührend gewürdigt wird.

Frisch ausgebildete Junglehrer hatten es damals alles andere als leicht. Sie wurden aufs flache Land beordert, mitunter in abgelegene Dörfer ohne Bahn- und Busanschluss. Bei 400 Mark Anfangsgehalt konnten sie sich kein Auto leisten, höchstens ein Fahrrad, auch nur ein spartanisches Zimmer als Untermieter. In den Dorfschulen, die nur mit dem Nötigsten ausgestattet waren und wo noch mit Holz und Kohle geheizt werden musste, sahen sie sich Klassen mit 40, 50, im Extremfall bis zu 70 Kindern mehrerer Jahrgänge gegenüber, die es zu bändigen galt. Teilweise ging es nicht ohne Schichtunterricht. Heute undenkbar: „Tatzen“ und „Hosenspanner“ gehörten zum Schulalltag. Ludwig Zimmermann räumt ein, dass auch er handgreiflich geworden ist, was ihm manche ehemaligen Schüler bis heute nachtragen. Ältere Lehrkräfte, so schreibt er, hätten ihm, dem frisch ausgebildeten gutgläubigen Neuling unisono zu bedenken gegeben, eine Klasse mit 50 pubertierenden Burschen ohne Tatzenstecken zu unterrichten, sei nicht möglich. Er habe daraufhin andere Saiten aufgezogen.

Von den Lehrkräften auf dem Land wurde damals übrigens auch ganz selbstverständlich erwartet, dass sie nebenberuflich als Mesner oder Organisten, als Kirchenchor- und/oder Liederkranz-Dirigenten, als Chefs der Musikkapellen, Regisseure bei Laientheater-Aufführungen, Vereinsprotokollanten und Zeitungs-Berichterstatter sowie Ortsarchivare und Chronisten fungierten. Auch in sportlicher Hinsicht waren die Dorflehrer gefragt in den Fußballvereinen. Hier engagierte sich der aktive Fußballer Zimmermann besonders. Die Lehrer seien damals unverzichtbare Kulturträger vor allem im Musik- und zunehmend auch im Sportleben gewesen, erkennt die Sigmaringer Landrätin Stefanie Bürkle in einem Geleitwort zu dem Erinnerungsband an.

Während des viersemestrigen Studiums im PI auf dem Martinsberg mit über 30 Wochenstunden versuchten die Dozenten die Studierenden bestmöglich auf ihre vielfältigen Aufgaben vorzubereiten. Der Buchautor erinnert an eine ganze Reihe von ihm hochgeschätzter Lehrer, von denen der eine oder andere dieser Namen älteren Weingartnern auch noch ein Begriff sein dürfte. Geprägt fühlt er sich etwa von dem Theologen Professor August Hildenbrand, dem Heimatforscher Professsor Franz-Josef Distel, Professor Stefan Ott (Deutsch und Geschichte), von Kunstdozent Werner Knoblauch, nicht zuletzt vom Sportdozenten Professor Max Bommas, dem Dr. Hans-Siegfried Wiegand bei einem Kurstreffen im vergangenen Jahr eine in dem Zimmermann-Buch abgedruckte besonders feine Würdigung hatte zuteil werden lassen. Bommas hat sich auch als Sportkreisvorsitzender verdient gemacht. Schulpraktisch gefördert hat ihn Helgard Fischer.

Der „Himmel-Franz“

Gut weg kommt in dem Erinnerungsband auch der „Himmel-Franz“ weg, Wirt im Cafe´Himmel, wo Autor Zimmermann früher mit seinen Kumpels wegen der moderaten Preise nicht nur gern und oft einkehrte, sondern wo er auch als Spross einer Gastwirtsfamilie hinter der Theke als „Barkeeper“ aushalf. Hoch rechnet es der Autor dem Franz an, dass der niemandem nachtrug, wenn er/sie sich wegen eines schlaffem Geldbeutels den ganzen Abend mit einem Getränk durchbrachte. Vergnüglich zu lesen: Wie Zimmermann und Kommilitonen den armen beinamputierten Nachwächter im PI-Internat austricksten, wenn es im Cafe´Himmel mal wieder spät geworden war und der gute Mann längst die Tür abgeschlossen hatte. Auch von einer Studentenverbindung „Castell“, genannt „Grün-Bändeles-Club“, Vorläuferin der „Welfia“, die allerdings nicht so recht in die Gänge kommen wollte, berichtet der Autor und vom begeisterten Singen bekannter Studentenlieder. Ob und welche politischen Strömungen die Studentenschaft damals, im Vorfeld der 68er-Bewegung bereits erfasst hatten, erfährt der Leser hingegen nicht, auch nichts über reformpädagogische Ansätze. Um so anschaulicher schildert Zimmermann, wie er und andere als „studentische Hungerleider“ beschimpfte Weingartener Studierende in Baienfurt in „Rittlers Saalbau“ unversehens in eine massive Keilerei mit Baienfurter Kraftsportlern gerieten, die nicht duldeten, dass ihnen die Studentle ihre Mädle abspenstig machten. Diese waren durchaus nicht abgeneigt, sich mit den künftigen Schulmeistern einzulassen, denn die versprachen, zumal später im Beamtenstand, ein sicheres Auskommen.

Erste Dienstprüfung

Ins kalte Wasser geworfen fühlte sich Zimmermann beim sechswöchigen Landschulpraktikum in Baltringen. Oberlehrer Emil Rieß übertrug ihm zunächst drei Unterrichtsstunden, in denen „der Chef“ hospitierte. Tags darauf verkündete er, dass Zimmermann nunmehr den gesamten Unterricht zu übernehmen habe, da er, Rieß, mit dem Schneiden der Beerensträucher und Obstbäume wetterbedingt im Rückstand sei. Nach bestandener erster Dienstprüfung für das Lehramt an Volksschulen war Schwendi der erste Einsatzort des Junglehrers. Im Unterschied zu anderen Lehrern, die damals im Geschichtsunterricht noch einen Bogen um die Zeit des Nationalsozialismus machten, sparte Zimmermann - so wie auch später in seinen verschiedenen Chroniken - dieses Kapitel keineswegs aus, obwohl es damals „weder geeignete Schulbücher, noch fundiertes Unterrichtsmaterial gab“, wie er im dritten Teil seines Buches schreibt. So zog er unter anderem Hitlers „Mein Kampf“ heran.

Prompt erhielt er vom Schulamt in Biberach eine Vorladung, wo sich jedoch schnell herausstellte, dass er alles andere als ein verkappter Nazi war. Der Schulrat gab ihm volle Rückendeckung. Es war übrigens ein Sozialdemokrat, der Studienrat Rudolf Weber, später SPD-Stadtrat in Saulgau, von dem Zimmermann während seiner Zeit an der Lehreroberschule erstmals Kritisches über die damals in den Fünfzigern noch tabuisierte NS-Zeit gehört hatte und der ihm auch die demokratischen Grundlagen vermittelte, wie im ersten Teil nachzulesen ist. Dort findet sich auch ein erschüterndes Kapitel über ein Saulgauer Original, „de schwaaz Hebamm“ Sophie Gebhard, die in der SZ-Zeit die Geburt behinderter Kinder nicht meldete, aus dem Dienst entfernt wurde und Berufsverbot erhielt. Mittellos und geächtet fristete sie fortan ein elendes Dasein.

Es sind solche Schilderungen, die bei der Lektüre des Buches unter die Haut gehen. Dass sich der Autor an etlichen Stellen freilich auch ins allzu spezielle Familiäre verliert, muss den Leser nicht abschrecken. Zimmermann selbst empfiehlt in der Einleitung, bei Desinteresse solche Seiten einfach zu überblättern. Nur noch abschließend kann hier erwähnt werden, dass der Verfasser auch auf seine weiteren Einsatzorte als Lehrer in Laupheim, wo ihn als Rektor der im vergangenen Jahr verstorbene spätere Leitende Schulamtzdirektor Franz-Josef Merk förderte, in Baienfurt und schließlich als Realschullehrer in Weingarten eingeht. Zimmermann, so Landrätin Bürkle, habe den Blick auf ein wichtiges Kapitel oberschwäbischer Bildungs- und Kulturgeschichte geöffnet.

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