Stolpersteine erinnern an Nazi-Terror

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Seit Mittwoch erinnern Stolpersteine und Stolperschwellen in Weingarten an Opfer des Naziregimes. (Foto: Daniel Drescher)
Schwäbische Zeitung

Der Zeitplan ist seit Wochen minutiös durchgeplant. Aber diesen Moment hatte wohl niemand erwartet. Am Ende der Feierlichkeiten anlässlich der Verlegung von Stolperstein und Stolperschwellen in Weingarten ergreift Alexander Ljaschtschuk das Wort. Er ist mit ein paar Kommilitonen zu Gast, die Studenten aus der Weingartener Partnerstadt Brest sind seit Sonntag in der Stadt.

Erzdiakon Georg Kobro, der gemeinsam mit Erzpriester Nikolai Artemoff als Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche angereist ist, übersetzt. „Auch in unserem Land gedenken wir der Opfer von Krieg und Gewalt“, sagt er. Und er sei auch schon bei vielen Gedenkveranstaltungen gewesen. Aber das Ausmaß des Mitgefühls hier beeindrucke in tief. Die Art und Weise, wie man hierzulande Vergangenheitsbewältigung betreibe, sei beispielhaft.

Rund eine Stunde vorher stehen die Studenten unterhalb der Basilika. Dort setzt Gunter Demnig zwei Stolperschwellen ein. Seit 1997 verlegt er die Steine, auf denen in Messingplatten die Namen von Opfern des Naziregimes eingeprägt sind. Es ist nicht sein erster Besuch in der Region: Im September 2006 verlegte er in Ravensburg Stolpersteine. Die Stolperschwellen sind russischen Zwangsarbeitern gewidmet. Sie liegen vor dem Gebäude Abteistraße 5 (Gambrinus). Dort befand sich 1942 bis 1945 im vormaligen Lehrlingsheim der Maschinenfabrik das sogenannte „Russenlager“. Eines von drei Lagern in Weingarten, in denen Zwangsarbeiter – vornehmlich aus der Ukraine – untergebracht waren. Antje Classen von der Initiativgruppe zitiert aus Berichten von damals, wie eine Frau den Gefangenen möglichst unauffällig ein Brot durchs Gitter reicht. Die Friedhofslisten legen nahe, dass 56 von ihnen hier verstorben sind. Oder, wie Pfarrer Stephan Günzler von der evangelischen Kirchengemeinde in aller Deutlichkeit sagt: „Sie sind jämmerlich krepiert.“

Er und Dekan Ekkehard Schmid appellieren an die Menschen, sich das Gespür für Menschlichkeit und Widerstand zu erhalten. Schüler der Initiativgruppe, die sich zwei Jahr lang mit dem Thema auseinandergesetzt hat, verlesen Namen der getöteten russischen Zwangsarbeiter.

Weihrauchschwaden ziehen durch die Luft, Passanten bleiben stehen. Auch später werden die Blicke Vorbeieilender an den Schwellen hängenbleiben, die im Sonnenlicht messingfarben blitzen. „Unterhalb der Basilika mit ihrer Passionsreliquie litten und starben Menschen. Herr erbarme Dich unser und schenke den Verstorbenen Freiheit in Deinen ewigen Wohnungen“ steht auf einer der Schwellen.

Auch in der Wilhelmstraße hatten sich zuvor viele Menschen versammelt. Dort setzte Gunter Demnig den Stolperstein, der an Joachim Brunner erinnert. Brunner lebte etliche Jahre dort mit seiner Familie gewohnt hatte, bevor er 1943 verhaftet und nach einem Leidensweg durch die Konzentrationslager Welzheim, Dachau und Mauthausen kurz vor Kriegsende dort ermordet wurde.

Mauthausen-Kantate berührt

Der Zeitzeuge Alois Thomas ergriff das Wort. „Ich erinnere mich, als sei es gestern, dass er in den Kurzwarenladen meines Vaters kam“, sagte er. Und Lehrer Uwe Hertrampf, dessen Schüler sich mit dem Schicksal Brunners beschäftigt haben, zitierte eine Zeitzeugin: „Es war ein großes Spektakel, als sie ihn abgeholt haben.“ Wie verharmlosend die Formulierung „abgeholt“ doch sei, so Hertrampf. Ingrid Bauz vom Mauthausenkommittee sagte, besonders im Hinblick auf den bald beginnenden Prozess um die NSU-Morde sei es wichtig, die Vergangenheit nicht zu vergessen.

Im Festsaal der Pädagogischen Hochschule erleben die Menschen dann noch einen Gänsehaut-Moment. Sopranistin Judith Scherrer und Martin Küssner am Flügel spielen die „Mauthausen-Kantate“. Mikis Theodorakis vertonte Gedichte seines Landsmannes Iakobos Kambanellis, der ebenfalls ins KZ Mauthausen deportiert wurde. Sie handeln von den Schikanen, denen die Häftlinge ausgesetzt sind, von Flucht und Denunziation, aber auch von Hoffnung und Liebe, die am Ende den Tod überwindet.

Wolfgang Marcus vom Denkstättenkuratorium Weiße Rose zeigt sich glücklich über die Aktion und verkündet, dass ein Gebäude des geplanten Studentenwohnheims nach Alexander Schmorell benannt werden soll: „Wenn wir dieses Jahr den Campus Weiße Rose erweitern.“ Oberbürgermeister Markus Ewald sagt, ein historisches Bild, das den Blutfreitag zwischen Hakenkreuzfahnen zeigt, habe ihn besonders erschreckt. „Das Grauen fing nicht in Auschwitz an, sondern in unseren Köpfen, Häusern, in unserer Nachbarschaft.“ Gunter Demnig spricht über sein Projekt, über die Signalwirkung, über Familien, die an den Stolpersteinen wieder zusammenfinden. Am Abend stellen Gymnasiasten bei einer Veranstaltung die Frage: „Was hättest Du getan?“ Es ist die Schlüsselfrage. Mit den Stolpersteinen soll die Erinnerung aufrecht erhalten werden. Damit sich die Vergangenheit nicht wiederholt.

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