Stimmkunst erklingt im verwaisten Kloster

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Die „Schola Gregoriana Pragensis“ tritt im Kreuzgang auf und begeistert dabei mit hoher Stimmkunst. (Foto: dls)
Schwäbische Zeitung
Dorothee L. Schaefer

Es war nur ein Konzert im spätgotischen Kreuzgang des verwaisten Klosters in Weingarten. Aber als die in kuttenähnliche weiße Leinengewänder gekleideten acht Mitglieder der „Schola Gregoriana Pragensis“ singend durch den Kreuzgangsflügel zum Podium gingen, hätte man sich gerne noch länger der Illusion eines bewohnten klösterlichen Raumes hingegeben.

Die Konzerte sind dort immer etwas Besonderes: Nur bestimmte Musikliteratur eignet sich dafür und kaum etwas so gut wie ein reines Vokalkonzert mit gregorianischer Musik aus dem mittelalterlichen Europa im ersten und böhmischer mittelalterlicher Musik im zweiten Teil.

Mit „Ora pro nobis“ zogen die überwiegend jungen Männer unter der Leitung von David Eben ein, der die Schola 1987 gründete und seither als ihr Leiter auf Tourneen und auf Festivals in aller Welt begleitet. Er singt selbst mit und dirigiert in ausgreifenden, aber präzisen Handbewegungen, die aussehen, als würde er überdimensionale Schleifen zu einem Gewebe verknüpfen.

Die ältesten Mariengesänge wie der beeindruckende Hymnus „Ave maris stella“, das Offertorium „Ave Maria“ oder die Responsorien wechselten sich in ihren komplexen Tonfolgen oder im kristallklaren Unisono mit der hellen Stimme des Vorsängers bei der „Lectio“ aus dem Prophetenbuch des Isaias ab.

Besonders schön zum Abschluss dieses ersten Teils das Antiphon „Salve Regina“, die früheste überhaupt erhaltene Melodie zu diesem Marienlob, das sich in sehr tiefen Tönen wunderbar ruhig und konzentriert entwickelte.

Mit einer kleinen Moderation leitete David Eben zum zweiten Teil des Konzerts über – es folgten Mariengesänge aus böhmischen Quellen des 14. und 15. Jahrhunderts, die vor allem in den einzelnen Motetten und Cantiones sehr viel bewegter, schneller und fröhlicher wirkten. Dies ist im ausgehenden Mittelalter durch die gegenseitigen Einflüsse der höfischen Musik auf die Sakralmusik erklärbar, während die „Officium“-Gesänge, die in die Liturgie eingebettet waren, dagegen noch fast frühmittelalterlich anmuteten.

Ein kurzweiliges Vergnügen

Ganz wunderschön „Prelustri elucencia“ von Petrus Wilhelmi de Grudencz, mit den wie im Echo ineinander verschränkten Stimmen. Aber auch die übrigen kürzeren Cantiones zeigten die hohe Stimmkunst des Ensembles, von denen jedes einzelne Mitglied über eine individuelle Solistenstimme verfügt und daher in der Lage ist, den Vorsänger zu geben oder wie in der Lectio allein zu singen.

Daher war dieser musikalische Bilderbogen der Sakralmusik des Mittelalters auch ein kurzweiliges Vergnügen – mal besinnlich und meditativ, mal heiter, mal von äußerster Strenge, Klarheit und Ordnung. Immer aber überwog die Reinheit der Artikulation und Modulation der Stimmen.

Und somit hatten sogar die Glocken der Basilika keine Chance gegen das strahlende Marienlob zum Schluss – das „Ave Regina celorum“ in seinem vollen dunklen Ton, vor dem die helleren Stimmen der Schola perfekt abgestuft aufleuchteten. Als Zugabe für den begeisterten Applaus sang die Schola noch eine dreistimmige französischen Marienmotette aus dem 13. Jahrhundert in einem sich gleichsam wiegenden Rhythmus.

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