So viel Genie erlebt man selten

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Schwäbische Zeitung
Dorothee L. Schaefer

Ein wenig Sorge trieb einen schon vor seinem Auftritt in Weingarten: Hat er den Schlaganfall von Anfang Oktober in Berlin wirklich gut überwunden? Punkt 20 Uhr kommt Cyprien Katsaris mit schnellen Schritten auf die Bühne, eine kurze Verbeugung, und schon stürzt er sich in eine spontane Improvisation über das 19. Jahrhundert.

Innerhalb von einer Minute packt er sein Publikum mit impressionistischer Tonfülle, aus der Dalilas glutvolles „Mon coeur s’ouvre à ta voix“ dringt, ein slawischer Tanz à la Dvořák aufscheint, der Chor aus dem „Tannhäuser“ kraftvoll seine Stimmen erhebt, Tschaikowsky um die Ecke lugt. Zum Schluss lässt er ein Kinderlied wie aus einem dieser schräg verzogenen, nicht exakt stimmbaren flämischen Glockenspiele tönen, um es in einen feurigen Flamenco oder einen Granados-Tanz zu überführen.

Das ist wunderbar geistreich, witzig und unterhaltsam, alles begleitet von einer ganz persönlichen, geradezu köstlichen Gestik der nicht eben großen Hände: Katsaris dirigiert sich selbst und er spielt dabei, wie er nachdenkt, fasst kurz überlegend an die Nasenspitze, gibt sich mit einer kleinen Drehung des Handgelenks selbst den Einsatz. Die Körperhaltung ganz grade, das runde Profil mit der hohen Stirn fast unbewegt. Dieser Mann hat vor zwei Monaten einen Schutzengel gehabt.

Dann kommt Schubert mit der Sonate Nr. 23 in B-Dur, DV 960, ein Werk, dessen Themenfülle einem anderen Komponisten vermutlich für vier weitere Sonaten gereicht hätte. Katsaris ging sie langsam an, wechselte vom Ritardando zum perlend flüssigen Spiel, gab dem versonnenen Duktus Kontur, sang aber die Themen nicht aus. Dafür hob er überraschende Hintergrundstimmen heraus, die Motive des Andante waren ohne Erdenschwere, das Schlussallegro noch schneller als gewohnt, dennoch absolut präzis.

Nach der Pause Chopin – einige einzelne Stücke aus den „Chants polonais“, bezaubernd frisch und doch von leiser Melancholie durchdrungen, dann ein Nocturne, ephemer hingehaucht und ausgearbeitet wie eine Rocaille. Der große „Rest“ des Recitals war eine Lektion über das Klavier als Instrument: Wie Katsaris das von Chopin selbst arrangierte Larghetto aus dem 2. Klavierkonzert in f-moll und danach Liszts Klavierkonzert Nr. 2 in A-Dur, das für die Zeitgenossen schon unspielbar schwer war, in seiner eigenen Bearbeitung auf dem Steinway ausbreitete, wie er die orchestrale Kapazität des Klaviers in unzähligen Stimmen entwickelte, ohne in diesem flutenden Tongewimmel unterzugehen, war das eine. Das andere die kaum fassbare Virtuosität, mit der er die Tonmassen erst aufbaute, um sie sogleich wieder zu bändigen und zu strukturieren.

Vor seiner Zugabe, dem nun ganz stillen Adagio aus dem Oboenkonzert von Marcello, von J. S. Bach arrangiert, schenkte Katsaris Weingarten noch ein großes Kompliment – für die schöne Stadt, die wunderbare Kirche, den tüchtigen Kulturreferenten und den hervorragenden Steinway auf dem Podium, der – auch dies muss erwähnt werden – unter seinen Händen so rund und weich klang wie selten. Es ist eben immer der persönliche Anschlag, der beides klingen macht – das Instrument wie das Gemüt. Großer Jubel.

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