Seine Kunst wollte immer zum Kern der Dinge

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Schwäbische Zeitung

Es ist fast zehn Jahre her, da sorgten zwei Engel für Aufruhr: Skulpturen des Weingartener Künstlers Eberhard Martin Schmidt, über drei Meter groß. „Engel der Anbetung“ und „Engel des Grauens“ nannte der 1995 verstorbene Kunstschaffende seine beiden Werke. 30 Jahre standen die Holzskulpturen in der evangelischen Kirche in Ravensburg, dann wurden sie klammheimlich entfernt – unter anderem mit dem Argument, sie würden Kindern Angst einjagen. Pausbäckige Barockengel hätten wohl niemanden gestört – aber Eberhard Martin Schmidt, auch EMS genannt, war niemand, der sich nach Konventionen richtete.

Der „Engel des Grauens“ zeigt schmerzverzerrte Gesichtszüge, er erhebt die Hände, als ob er sich die Ohren zuhalten wolle: Es heißt, er wende sich mit Grauen ab, weil er sehe, was die Menschen auf der Erde treiben.

Zehn Jahre später stehen die beiden gigantischen Engelsskulpturen im Depot einer Spedition in Weingarten. „Woanders kann ich nicht hin mit ihnen“, sagt Eva Maria Schmidt, die vor Kurzem im Museum für Klosterkultur eine Ausstellung mit religiösen Werken ihres verstorbenen Mannes eröffnet hat. Zuerst kamen die Engel nach dem Skandal ins landeskirchliche Museum in der Ludwigsburger Friedenskirche. Doch das Museum wurde von der württembergischen Landessynode aus finanziellen Gründen geschlossen. Wenn Eva Schmidt glaubte, einen Platz für die Engel gefunden zu haben, sei es daran gescheitert, dass die Interessenten Kunst zum Nulltarif haben wollten. „Ich kann nicht einfach über zehn Jahre Arbeit meines Mannes verschenken“, sagt die Frau, die lange Jahre als Lehrerin und später an der Pädagogischen Hochschule tätig war.

Die Leute seien entsetzt, wenn sie ihnen sage, dass die Engel heute in einem Depot stehen. „Sie waren lange Zeit sein Hauptwerk“, sagt Eva Schmidt über die beiden hölzernen Kolosse.

Wie sehr EMS die Arbeit an den Engeln beschäftigte, lässt sich an Briefen ablesen, die er ihr von 1956 bis zum Jahr der Heirat 1958 schickte. „Die allgemeine Vorstellung, dass ein Engel aus der Luft herunterschwebt zu den Menschen, ist doch sehr fern der fassbaren Realität der Engel“, heißt es da. Er habe alle ihm bekannten Stellen im Neuen Testament gelesen: „Sie schweben nie, sie kommen als wirkliche Gestalten.“ Um die beunruhigende Wirkung der Skulptur muss er gewusst haben und er dachte viel darüber nach: „Er erscheint nun wirklich wie eine riesenhafte Erscheinung aus einer anderen Welt – ein Dämon, der sich in seine Flügel hüllt.“

Der mehrseitige Briefwechsel zeugt von einer tief spirituellen Auseinandersetzung mit seinem Schaffen. Es ging ihm darum, die „Macht der Erschütterung und die Macht der Erhebung“ aus dem Holz zu formen.

Das Haus, in dem die Witwe wohnt, gleicht einem Museum, hier Bilder, dort Skulpturen, eine Katze aus Stein, eine Keramikvase. Alles erinnert an Eberhard Martin Schmidt. Über 2000 Stücke, auch Zeichnungen, Malereien und vieles mehr, hat EMS hinterlassen. Seine Frau hat vieles davon erfasst, katalogisiert und ins Internet gestellt. „Solange ich noch da bin, geht das ja. Aber mein Countdown läuft. Ich bin 80 Jahre alt, das ist absehbar. Wie geht es dann weiter?“, fragt sich Eva Schmidt.

Man muss Respekt davor haben, wie sie das macht, wie sie damit umgeht, wie sie das schafft. Wenn sie über ihren Mann spricht, schwingt Bewunderung mit, aber auch ein tiefes Verständnis für die Art, wie EMS mit Kunst umging, wie er sie definierte, formte. „Mein Mann war genial“, ist sie überzeugt. Den großen kommerziellen Durchbruch schaffte EMS nie – doch darauf legte er auch keinen Wert. „Ein Galerist hat einmal zu mir gesagt: Wenn er nur Viecher gemalt hätte, wäre er schon berühmt.“ Sprich: Möglicherweise sei die Vielfalt, mit der sich EMS künstlerisch verwirklichte, nicht eben verkaufsfördernd gewesen. „Dass er in vielen Techniken arbeitete, haben ihm viele angekreidet.“ Des Ruhmes wegen machte der Mann, der im zweiten Weltkrieg einen Kopfschuss überlebte, allerdings keine Kunst.

Der große Trubel einer Ausstellung sei ihm bereits zu viel gewesen: „Er fragte mich: Was schwätze ich mit den Leuten? Die gehen mich nichts an.“ Auch vor jeder Art von Bürokratie sei er zurückgeschreckt. Und als man versuchte, ihn für die Künstlervereinigung „Sezession Oberschwaben Bodensee“ zu gewinnen, sei das für ihn unvorstellbar gewesen.

Wenn er Kunst erschaffen habe, sei er immer nach einer besonderen Maxime vorgegangen. „Weißt Du, hat er immer gesagt, wenn Du einen Einfall hast, musst Du abstrahieren.“ Alles Überflüssige abziehen, bis nur das Wesentliche übrigbleibt: Eine Vorgehensweise, die man nicht nur seinen Skulpturen ansieht. „Eine Art Archetyp“ sei dann entstanden. Sich zum Kern der Dinge durchzuarbeiten, aus einem Holzblock eine Form herauszuschälen – das zeichnet die Kunst von EMS aus.

Prägend war dabei auch ein Jahr, dass EMS mit seiner Frau in Indien verbrachte. „Er wollte irgendwo hin, wo Plastiken eine große Rolle spielen“, erzählt die 80-Jährige.

In einem Brief an seine Mutter schrieb EMS 1964, dass die Eindrücke aus Hyderabad reich und überzeugend seien. Er sehe nun das Gesicht des zweiten Engels sehr deutlich: „So wird mir meine Werkstatt plötzlich wieder sehr nah und ich möchte alles, was ich innerlich sehe, dorthin bringen.“

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