Schüler entwickeln ihre Vision eines Zukunftsstaates

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Barbara Sohler

„Schule als Zukunftsstaat“ heißt das Großprojekt, mit dem das Gymnasium Weingarten Ende letzter Woche den regulären Schulalltag und dafür alle Regeln außer Kraft gesetzt hat. Statt Mathe, Deutsch und Englisch hieß es an vier Tagen für Schüler und Lehrer: Wir leben in den „Vereinigten Schwäbischen Gymiraten“ (VSG). Mit allen Einrichtungen eines Staates und auch allen Konsequenzen, die ein Bürgerleben so mit sich bringt: von A wie Abfallentsorgung bis Z wie ziviler Gehorsam.

„Grenzkontrollen“ beim Betreten der Schule

„ASG“ (Aktuelles aus den Schwäbischen Gymiraten ), so heißt die vierseitige Zeitungsausgabe, die ein Zeitungsausträger im Schulfoyer feilbietet. Die Titelseite der Freitagsausgabe ist einem diebischen Polizisten gewidmet, ein Artikel hinterfragt die chaotisch wirkenden Regierungsgeschäfte. Das Impressum ist beeindruckend. Vier Redakteure und zwei Freie Mitarbeiter zeichnen sich namentlich verantwortlich, das Weihnachtscafé „Back Dat“ hat Werbung geschaltet, das Layout ist zwar schwarz-weiß, aber ansprechend. 100 Gymionen kostet die Ausgabe. Und was sich zunächst nach Schülerzeitung anhört und nach Spaß, das hat einen durchaus ernsten Charakter.

„Es geht darum, die Wirklichkeit anders zu denken, nachhaltiger, demokratischer“, steht in der offiziellen Mail des Gymnasiums zum Projekt. Was sich jedoch tatsächlich hinter dieser Idee verbirgt, das lässt Besucher und auch Lehrerschaft und Schüler selbst staunen.

Wer das Gymnasium betreten will, der muss sich anmelden, sozusagen die Grenze passieren und Waren deklarieren. Pro VSG-Bürger sind eine Flasche und eine Vesperbox einfuhrzollfrei. Alkohol darf generell nicht eingeführt, stattdessen muss Geld umgetauscht werden. Unser Euro ist an vier Tagen in den Vereinigten Schwäbischen Gymiraten nichts wert. Hier zählt nur Cash, und zwar in Gymionen. In Aufstellern liegen Steuererklärungsformulare aus. Beim Arbeitsamt hängen Stellenangebote („Lehrer für Reinigungstätigkeit gesucht“). Die Mülleimer sind zugeklebt. Hier gelten eherne Gesetze.

Im romantisch dekorierten Standesamt im ersten Stock lassen sich drei Mädchen in einer rührenden Zeremonie trauen. Im Fahrradladen werden eifrig dreckige Räder geputzt oder Gürtel aus alten Schläuchen hergestellt. Am „Scharfen Eck“ und direkt gegenüber bei „Burger Boss“ locken leckere Currywurst und Buletten. Im „Hippi-Tippi“ basteln Mädels nachhaltige Taschen aus Plastikstreifen, im „Garten(t)räumchen“ warten selbst gemachte Meisenknödel und Hauswurz-Dekorationen. In den VSG gibt es ein Sportcenter, eine Kunstgalerie, einen Kinderhort. Sogar eine Zockerbude. Über die Schullautsprecher strahlt „Radio Abgefackt“ Interviews und Musik aus. Und selbstverständlich gibt es alle notwendigen Staatsorgane. Den Polizeiposten, der Anzeigen aufnimmt. Die Staatsanwaltschaft, die Anklagen erhebt. Das dreiköpfige Gericht. Ministerien.

Mehr als ein Jahr Vorbereitung nötig

Zum dritten Mal in zehn Jahren erarbeitete das Kollegium gemeinsam mit den aktuell 616 Schülern nun bereits dieses Herkules-Projekt. Mehr als anderthalb Jahre Vorbereitung stecken in den vier Projekt-Tagen „Schule als Staat“, wie Kerstin Horn, die stellvertretende Schulleiterin erklärt. Es musste eine Verfassung für die VSG geschrieben, Workshops für die Profit- und Non-Profit-Unternehmen auf die Beine gestellt werden. Leider habe sie gar keine Zeit für weitere Informationen. Immerhin ist Horn, wie alle anderen Kolleginnen und Kollegen auch, für dieses Projekt außer Amt gesetzt. Sie arbeitet als Angestellte im Copy-Shop. Nur so viel: „Ganz viele Schülerinnen und Schüler wachsen über sich hinaus“, sagt Horn zufrieden. Und sie hat erlebt, dass „vor allem die Minister teilweise psychisch und physisch schwer angeschlagen“ abends nur noch ins Bett fallen. Verantwortung und die ständige Präsenz – bis 20 Uhr herrscht Anwesenheitspflicht – machen müde.

Für die offiziellen Fragen der ausländischen Presse steht in diesen Tagen Sandra Haug zur Verfügung. Die freundliche Elftklässlerin ist für die Dauer des Projektes „Ministerin für Kultur und Repräsentation“, wie ihr Namensschild am schwarzen Blazer ausweist. Sie ist, wie die anderen Staatsdiener auch, „angemessen gekleidet“. „In Jogginghose und Hoodie würden wir nicht ernst genommen“, sagt sie. Auch sie hat nicht viel Zeit. Im Gerichtssaal läuft die Verhandlung gegen den Präsidenten Julian Walling. Der 16-Jährige habe sich wohl mit einem Videospiel vergnügt, das für seine Altersklasse nicht freigegeben ist. Und sie muss sich auf die Politische Stunde vorbereiten. Die findet ebenso wie Abstimmungen in den VSG täglich statt. Immerhin haben sich alle für eine direkte Demokratie entschieden.

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